In der Musik kam es ihr auf Sorgfalt der Orthografie an, und so darf man sagen: Ihr Leben war ein Bachanal, kein Bacchanal. Zwar war sie im romantischen Geist Anton Rubinsteins ausgebildet worden, doch gab sie Chopin oder Liszt einen Korb nach dem anderen. Über 70 Jahre stand sie, wo immer sie über Tasten verfügte, fast puristisch im Dienste Bachs. Nicht Amazone, sondern stille Muse: Rosalyn Tureck verehrte die geschmeidige Linie in der Struktur, und sie lächelte, wenn sie die Sportskanonen der Zunft davonbrausen hörte. Die 1914 in Chicago als Kind russisch-türkischer Eltern geborene Künstlerin musizierte, lauscht man ihren Aufnahmen der Goldberg-Variationen und der Partiten, Suiten, Präludien und Fugen, wie eine scheue Vestalin, die sich zuweilen extrem viel Zeit nahm, um Organismen unter ihren Fingern reifen zu lassen - selbst Tanzsätze geronnen zu Essenzen. Diese Demut erkannten lange nur Auserwählte: Glenn Gould, der andere Bachianer des Jahrhunderts, pries die "moralische Strenge" ihres Spiels. Indes, Tureck behielt ihre Weltanschauung, die eine Bach-Anschauung war, nie für sich, sie lehrte in der Tureck Bach Research Foundation und im Tureck Bach Institute. 88-jährig ist Rosalyn Tureck am 17. Juli in New York gestorben.