Die Attitüde der Anklage sei wohlfeil; sie könne die wissenschaftliche Analyse nicht ersetzen, erklärte Horst Möller, der Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte zum Auftakt eines zweitägigen Symposiums Hans Rothfels und die deutsche Zeitgeschichte Mitte vergangener Woche. Es gehe nicht um ein Tribunal, denn Historiker sollten sich nicht zu Richtern oder Staatsanwälten aufschwingen, so hatte Peter Schöttler vom Centre Marc Bloch in Berlin schon tags zuvor eine Konferenz Hans Rothfels (1891–1976) – ein ,Wanderer zwischen den Welten‘? eingeleitet. Warum, bei so viel Einigkeit, zwei Veranstaltungen zum selben Thema?

Rothfels war einer der herausragenden Historiker der frühen Bundesrepublik. Der nationalkonservative Gelehrte, den die Nazis wegen seiner jüdischen Herkunft von seinem Lehrstuhl vertrieben und ins Exil gezwungen hatten, war, als einer der wenigen Emigranten unter den Historikern, 1951 zurückgekehrt. Als charismatischer Tübinger Hochschullehrer hatte er die deutsche Zeitgeschichtsschreibung geprägt und einen großen Kreis von Schülern um sich versammelt. Erst in jüngster Zeit haben sich vor allem im Blick auf seine Tätigkeit in Königsberg vor 1933 kritische Fragen gestellt: Wie weit hatte er sich auf den Nationalsozialismus eingelassen, womöglich gar dazu beigetragen, dessen völkisch-expansive Pläne zu legitimieren?

In München hatte man darauf verzichtet, einige der schärfsten Rothfels-Kritiker einzuladen, darunter vor allem den altlinken Außenseiter Karl Heinz Roth und den jungen Provokateur Nicolas Berg, dessen Abrechnung mit den Versäumnissen der deutschen Holocaust-Forschung derzeit für Furore sorgt (ZEIT Nr. 29/03). Gewissermaßen als stumme Gäste waren beide in München zugegen, denn fast alle Redner bezogen sich polemisch auf sie. Wie viel interessanter wäre es gewesen, wenn sie die Möglichkeit gehabt hätten, auf die Vorwürfe zu antworten.

So sah sich Ingo Haar, der einzige Referent, der auch schon in Berlin präsent war, in München weitgehend isoliert. Er hatte mit der Behauptung, Rothfels habe sich 1933 "rückhaltlos hinter das neue Regime" gestellt, den Streit angefacht. Heinrich August Winkler hatte Haar freilich schwere handwerkliche Fehler nachweisen können. In München wiederholte er nun seine Kritik, und seinem Kontrahenten blieb nichts anderes übrig, als mit einem bedauernden "Irren ist menschlich" den Rückzug anzutreten.

Inzwischen hat sich freilich die Kontroverse von ihrem Ausgangspunkt entfernt. Alle Phasen des Wirkens von Rothfels werden nun in den Blick genommen. Jan Eckel, ein junger Doktorand, schlug vor, die Biografie des Historikers als paradigmatisch anzulegen für die Entwicklung der deutschen intellektuellen Eliten im 20. Jahrhundert. Umsichtig demonstrierte er, wie unmittelbar lebensgeschichtliche Erfahrungen und Brüche sich im Werk von Rothfels widerspiegelten und die Wahl der Themen beeinflussten.

Was die Entwicklung des Königsberger Historikers vor 1933 angeht, konstatierte Winkler einen deutlichen "Rechtsruck". Er warnte allerdings davor, daraus umstandslos auf eine Nähe zum Nationalsozialismus zu schließen. Mit seinen Sympathien für einen autoritären Umbau der Reichsverfassung habe sich Rothfels im Rahmen dessen bewegt, was vor dem Hintergrund des gescheiterten Parlamentarismus selbst in liberalen Kreisen diskutiert worden sei. Eine ähnliche Beobachtung traf der Osteuropa-Historiker Wolfgang Neugebauer im Blick auf die von Rothfels entwickelten Vorstellungen über eine "Neuordnung" Ostmitteleuropas unter deutscher Führung. Solche Ideen seien damals Allgemeingut im jungkonservativen Lager gewesen. Von hier führe jedenfalls keine direkte Linie zum gewaltsamen Expansionismus des NS-Regimes, geschweige denn zu "ethnischen Säuberungen". Demgegenüber sprach Ingo Haar von einem "Maximalrevisionismus", ja vom Entwurf einer "Lebensraumpolitik", die nur im Bündnis mit den Nationalsozialisten habe durchgesetzt werden können. Karl Heinz Roth glaubte gar, "Übergänge zum faschistischen Denken" erkennen zu können.

Jan Eckel machte indes auf die Ambivalenzen in Rothfels’ Verhalten nach 1933 aufmerksam: Einerseits habe er den "nationalen Aufbruch" begrüßt; anderererseits habe die nun ihn selbst als jüdischen Hochschullehrer treffende rassistische Diskriminierung zu einer "Identitätskrise" geführt. Christoph Cornelißen zitierte aus Briefen von Rothfels, die auf eine wachsende Distanz zum Nationalsozialismus deuten.

"Der Rothfels von 1947 war nicht mehr der von 1933", stellte Karl Dietrich Bracher fest. Doch Hans Mommsen, wie Winkler ehemaligerAssistent von Rothfels, bezweifelte, ob es bereits im amerikanischen Exil zu einer Läuterung des Antidemokraten gekommen sei. Erst die Erfahrung der stabilen Kanzlerdemokratie Adenauers habe Rothfels mit dem parlamentarischen System versöhnt. Einig war man sich hingegen in der Beurteilung der Schlüsselrolle, die der Remigrant für die Rehabilitierung der deutschen Geschichtswissenschaft nach 1945 gespielt hat. Sein Diktum, nur "wildgewordene Studienräte" hätten sich den NS-Lehren verschrieben, die historische Zunft als solche aber sei integer geblieben, war ein Persilschein allererster Güte – nicht zuletzt für seine belasteten Schüler Theodor Schieder und Werner Conze.