Film Amerikas liebster Einwanderer
Der stärkste Mann der Welt kennt die Komik der Macht. Ob ihn das davor bewahrt, ein mächtiger Politiker zu werden? Begegnung mit Arnold Schwarzenegger
Als Conan, der Barbar bevölkerte er unsere schwülstigen Kleinmädchenträume, sein Poster hing über den Jungsbetten, in denen wir zum ersten Mal knutschten. Kein Zweifel, er war der stärkste Mann der Welt, ein netter Riese mit Bazooka, von dem wir gerettet und beschützt werden wollten. Später musste man ihn einfach gut finden, weil er die Hohlheit allen Weltenrettertums offenbarte, indem er die Welt einfach zertrampelte. Und dann ist da diese hölzerne Coolness, seine unzerstörbare Selbstironie, die alles, auch die unterirdischsten Filme, an ihm abperlen lässt. Schwarzenegger bleibt immer Schwarzenegger. Man sieht es schon an seinem Namen, der jedes amerikanische Kinoplakat wie ein Pflug zerteilt.
Wenn Arnold Schwarzenegger in Terminator 3 zum ersten Mal erscheint, sieht er ein wenig gedrungen aus, fast wie ein nacktes Quadrat. Als er uns in einem Berliner Hotel zum Interview begrüßt, stellen wir fest: Er ist deutlich größer, als er im Film wirkt. Lässig überragt er seinen Bodyguard, der sich unwillkürlich in die Höhe reckte, als die Cowboystiefelschritte des Chefs auf dem Flur zu hören waren. Schwarzenegger trägt eine riesige silberne Gürtelschnalle mit der Aufschrift Deputy Sheriffs Department . Sein Jackett spannt sich ein wenig an den Armen. Er duzt alle, Journalisten, Bewacher, Manager, Zimmerkellner. Es ist kein herablassendes, sondern ein joviales, auch die Leichtlohngruppen einschließendes Du. Eine Anrede wie ein freundlicher Anstubser, ein demokratisches Fitnessstudio-Du. Permanent suggeriert es uns, dass alles, was er vollbracht hat, auch für uns kleine Nümmerchen drin wäre, wenn wir nur fest genug an uns glaubten. Überhaupt versucht Schwarzenegger ständig, seinen Erfolg auf kumpelhafte Weise zu sozialisieren, und knallt zu Beginn des Interviews gleich einen pragmatischen Ratschlag auf den Tisch. Du musst im Leben so viel wie möglich machen, sagt er, denn früher oder später ist das Ganze aus, und wenn man nicht genug gemacht hast, dann ist man sauer. Man kennt seine Sprache aus Interviews, diese merkwürdig aus ihm herausbrechenden Laute, in denen sich die Ostalpen über die Hollywood Hills türmen, und ist doch überrascht, dass Schwarzenegger tatsächlich so redet, als sei er gerade erst aus einem Heuschober gefallen. Nicht immer ist ganz klar, was er eigentlich meint. Zum Beispiel, wenn er von Einwanderern spricht, also Leuten die wos von am ondarn Land komman.
Natürlich ist er der beste aller Einwanderer, ein Vorzeigeschufter. Ein kränklicher, dick bebrillter Junge, der zum Bizepsberg wurde, in einer Zeit, da eine unbekannte Sportart namens Bodybuilding noch in Tanzschuppen und Bingohallen vor sich hin kümmerte. Der sich vom kleinen Dörfchen Thal bei Graz mit ungeheurem Ehrgeiz durch Millionen Pfunde stemmte, in die Höhen des Pophimmels und ins Zentrum der amerikanischen High Society, an die Seite der Kennedy-Nichte Maria Shriver. Inzwischen ist Schwarzenegger verschmolzen mit den Träumen, die er sich als kleiner Junge im Grazer Kino ausgemalt hat, als er den damaligen Mr Universum Reg Park in einem Historienspektakel sah. Identifikation und Identität sind bei ihm ein und dasselbe. Einen wie ihn kann der Erfolg gar nicht korrumpieren, denn auf eine wunderbar naive Weise ist der Erfolg sein Wesen, seine Mission. Schwarzenegger verströmt die rührende Unschuld eines altmodischen Werbespots. „Ich habe das herrlichste Leben gehabt“, sagt er. „Ich kann nur sagen, dass ich sehr glücklich bin, wie ich bin.“
Der Schließmuskelmann
Die sterile Fleischlichkeit seines aufgepumpten Anabolika-Körpers, den er nun, mit 56 Jahren, noch einmal in die punkige Terminator-Kluft gezwängt hat, brachte ihm stets auch Spott ein. „Ein steinerner Apoll, straff, wortkarg, effizient – der Schließmuskelmann in Vollendung“, schrieb Peter Sloterdijk. Schwarzenegger selbst findet die ewige Theoretisierung seines Körpers „ein bisserl übertrieben“. Es ist ihm unheimlich, wenn zu sehr über seine Physis nachgedacht wird. Am liebsten inszeniert er sich zupackend, bodenständig, als Vater von vier Kindern. Gern lässt er sich von Annie Leibowitz vor seinem privaten Militärwagen in der Pose des virilen Reifenwechslers fotografieren. Doch wie um die These vom unphallischen Schließmuskelmann zu bestätigen, hat der Mainstream eine ganze Palette asexueller Reproduktionsfantasien an ihm aufgehängt. In Paul Verhoevens Science-Fiction Total Recall erschuf er sich im Imaginationsfilm des eigenen Hirns eine neue Agentenidentität, in The 6th Day von Roger Spottiswoode wurde er sein eigener Klon und in Ivan Reitmans Familienkomödie Junior zu Hollywoods erstem schwangeren Mann. Als Terminator ist er der beliebig zu recycelnde Cyborg, auferstanden aus dem Technikschrott der Zukunft. In Jonathan Mostows drittem Teil der Saga tritt Arnie nun gegen eine blonde Killerterminatorin an, und wieder verkneift sich das Drehbuch jeden Anflug von Maschinenerotik.
Über den neuen Film spricht Schwarzenegger mit der gleichen kumpeligen Küchenpsychologie, die auch seine Fitnessbestseller füllt: „Wenn man eine Maschine spielt, muss man ein bisserl was Menschliches reinbringen, denn eine Maschine hat ja keine Personality.“ Das Menschliche, die Personality, das eigentlich Arniehafte, für das man ihn mögen muss, ist ein unglaublich sicherer Instinkt für die unterschwellige Komik seiner Zerstörerrollen. Und dann ist da noch sein Apfelstrudl-Englisch. Arnoldspeak heißt die Mischung aus zweisilbigen Wörtern, Bulldozersätzen und fallbeilartig heruntersausenden Konsonanten. Ob als vorzeitlicher Conan, russischer Cop oder futuristischer Cyborg, egal, in welchem Kulturkreis oder Jahrtausend er seine Gegner zu Klump schlägt, wenn Arnold „I’ll do my tschopp“ sagt, weiß man immer, woran man ist.
„I’m an obsolete design“, sagt er in Terminator 3, und vielleicht liegt in dieser schon Kult gewordenen Zeile der Schlüssel zu seinem Erfolg: Arnold war immer zugleich anachronistisch und hip. In und out. Bei aller ausgestellten Stärke gelang es ihm stets, sich auch etwas Obelixhaftes zu bewahren, mit den Blondinenelementen und Eitelkeiten der narzisstischen Muskelexistenz zu spielen. Schon in den Siebzigern, als er sich unter Heerscharen schwitzender und glänzender Gladiatorentypen zum siebenfachen Mr Universum stemmte, muss ihm gedämmert sein, dass es mit bierernster Verbissenheit allein nicht geht. „Es ist doch auch lustig, wenn man da oben auf dem Podium steht, die Posen einnimmt und mit allen möglichen Muskeln wackelt“, sagt er und spannt seinen Oberarm zum Spaß ein bisschen, bis die Nähte knacken.
- Datum 25.07.2007 - 06:28 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 24.07.2003 Nr.31
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