Das waren noch Zeiten, als Dieter Gorny als Minister for Mittelstand, Future and Tomorrow gehandelt wurde! Rauschgoldengelgleich zog er durch die Hallen der Kölner Popkomm und versorgte Publikum wie Journalisten mit hochauflösendem Innovationssprech: "Benutzeroberfläche", "Interaktivität", "Synergieeffekt" – immer feste drauf auf die Zwölf! "Dieter Gorny und sein Einfluss auf das Kommunikationsgebaren des späten 20. Jahrhunderts", das wäre mal ein Thema für eine Magisterarbeit. Und jetzt: Schock! Die von Gorny gegründete Entertainment-Messe zieht nach Berlin. Köln blutet aus, Jecken allein zu Haus.

Erklärungen gibt es viele, zum Beispiel, dass Gorny ein unwürdiger Ziehsohn Kölns ist – so sehen es die Stadtoberen, die bereits an Dolchstoßlegenden stricken. Dass Subventionsgelder aus geheim gehaltenen Hauptstadtfonds im Spiel waren – so orakeln investigative Wirtschaftsreporter, die allerdings nicht wissen, wo und wie tief diese vergraben sein könnten. Auch die vergleichende Städtepsychologie kommt zu ihrem Recht. Ein Kommentator der FAZ gelangt zu der Einschätzung, das ächzend alte Köln mit seinen 352 katholischen Kirchen stehe für "den Glamour ewiger Jugend", Berlin dagegen ziehe die Branche an "wie ein gigantischer Magnet". Wenn es dabei nur nicht zu Verletzungen kommt! Wir können allerdings der Prophylaxe halber Entwarnung geben. Hauptstädtisch und standorttechnisch war Berlin schon immer eine Wolke, popkulturell ist sie es wieder. Die Leute ziehen her, weil alle da sind, aber sie wissen nicht wirklich, warum sie es tun, ja, nach einer Weile vergessen sie selbst das.

Nehmen wir nur Tim Renner, Chef der deutschen Universal. Was wurde nicht alles an die Wand gemalt, als der Konzern von Hamburg in die Hauptstadt zog. Von der neuen deutschen Musikmetropole war, ganz im Sinne der Gorny-Schule, die Rede („capital of talent“) , der unglaublich kultigen Atmosphäre in Kreuzberg-Friedrichshain, von Top und Pop und den insgesamt überdurchschnittlich günstigen Bedingungen für wechselseitige Befruchtung im frisch renovierten Eierspeicher der DDR. Und heute? Liegt das Firmengebäude beschaulich an seinem Industriehafen, wo die Fische und die Schiffe schlafen, gelegentlich sieht man Renner nicht einmal unentspannt durchs lokale Nachtleben geistern – aber hat schon einmal irgendjemand von einer einzigen erfolgreichen Band gehört, die Universal Berlin und der Welt beschert hat beziehungsweise umgekehrt?

Zu den wenigen trendähnlichen Erscheinungsformen, die der Hauptstadttran dem Hauptstadtpop momentan zugesteht, gehört kleinteilige Trendverweigerung, gepaart mit Konsumkritik. Nach dem Jahrzehnt der großen Töne ist wieder Bodenhaftung gefragt. Vielleicht hat der Umzug also doch sein Gutes: Wenn eine Stadt wie Berlin ihren Neuankömmlingen zu etwas verhilft, dann zur schleunigsten Ankunft auf dem Boden der Tatsachen. Willkommen daheim, Popkomm! Nichts braucht die gebeutelte Branche weniger als noch mehr Palaver rund um den Synergieeffekt.