Was ist das Wesen eines Autoaschenbechers? Klappe auf, Klappe zu – Hauptsache, groß? Altes Denken! Beim Automobilhersteller Audi arbeiten ernst zu nehmende Ingenieure an einem dekadent anmutenden Projekt: Es geht um die Kreation des "perfekten Schließerlebnisses". Ein neuer Ascher geht erst dann in Serie, wenn der Druckpunkt ein "hochwertiges Betätigungsgefühl" vermittelt, wenn die aufzuwendende Kraft während des gesamten Vorganges nicht über Gebühr schwankt und am Ende ein "definiertes Einrasten" als Feedback wahrgenommen wird.

Das "Schließerlebnis" vermittelt sich weder durch Sehen noch Hören oder Riechen – es ist eine haptische Erfahrung. Haptik ist die Lehre vom Tastsinn, der seit dem Mittelalter als "niederer" Sinn gilt. Den niederen Tastsinn hat man (nicht nur) in der Automobilindustrie bis vor wenigen Jahren völlig unterschätzt. Unser zwei Quadratmeter großes Tastorgan wurden im besten Fall intuitiv bedient. Doch plötzlich hört man von eigens eingerichteten Haptik-Labors. In aufwändigen Kundentests wird bei Mercedes ein neuer "Softtouch-Lack" für das Armaturenbrett befingert. Kippschalter werden ausgiebig auf ihre "Wertanmutung" geprüft. Hoch bezahlte Entwickler beschäftigen sich mit scheinbar trivialen Kleinstobjekten wie dem Drehrädchen für die Einstellung der Frischluftzufuhr. Audi versucht, den subjektiven Rauigkeitseindruck von Oberflächen zu objektivieren, und entwickelt einen "haptischen Fingerabdruck".

Die Einsicht kommt spät: Die Fingerkuppe kauft mit! Dabei ist sie trivial – auf jeder Automobilausstellung kann man erleben, wie wichtig dem Autofahrer seine Tasterfahrungen sind. Zum Leidwesen der Standaufsicht, die alles wieder putzen muss, tun die Autonarren vor allem eines – grabbeln. Man untersucht die Fahrzeuge mit den Händen, steigt ein, befühlt die Armlehnen mit der Innenseite der Unterarme. Die Sitze werden gar vom Allerwertesten haptisch inspiziert! Und das sinnliche Tast-Erleben beschränkt sich keineswegs auf Autofahrer. Auch Textil- und Nahrungsmittelindustrie richten Haptik-Labors ein. Nestlé zum Beispiel analysiert und optimiert das Beiß- und Knabbererlebnis beim Verputzen neuer Snacks und Kekse. Dass Jogurt in Frankreich klumpiger, in der Schweiz cremiger sein muss, entdeckten Haptiker. Die Lehre vom Tastsinn, kein Zweifel, kommt schwer in Mode. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich der "Haptik-Designer" als neues Berufsbild durchgesetzt haben wird.

"Noch ist das Auto voll von nicht durchdachter Haptik", sagt Martin Grunwald, Psychologe an der Uni Leipzig und Leiter eines EEG- und Haptik-Forschungslabors. So könne man zum Beispiel Sitze, die manuell verstellbar sind, während der Fahrt nicht justieren. Das Lenkrad! Ist es vernünftig und sicher, wenn man das überlebenswichtige Bedienelement exzessiv mit Zusatzfunktionen befrachtet? In welchem Auto schafft man es, die Hupe zu drücken, während man heftige Lenkarbeit leistet und auch noch bremst? Immerhin haben sich heute fast alle Hersteller von einem ehemals weit verbreiteten, typischen Haptik-Paradoxon verabschiedet: dass man, um eine Tür von außen aufzuziehen, das Schloss drücken muss. Dafür stoßen ehrgeizige Entwickler auf neue Paradoxien. So erprobt Mercedes Lastwagen, die zum Lenken, Bremsen und Gasgeben nur noch einen einzigen Joystick haben. Bremst man (Joystick zurückziehen), rutscht der Körper nach vorn, der Fahrer stützt sich am Joystick ab und gibt ungewollt Gas. "Typischer Fall von haptischer Inkongruenz", urteilt Grunwald.

Der Psychologe gehört zu den wenigen Wissenschaftlern, die sich im deutschsprachigen Raum mit der Erforschung des Tastsinns beschäftigen, und wird schon deswegen gern von Automobil- und Flugzeugbauern angesprochen. Dabei ist sein Zugang eher ein medizinischer. Zum "Haptiker" wurde Grunwald noch zu DDR-Zeiten als Doktorand der Psychologie in Jena. Dort machte er eine Entdeckung, die ihn nie mehr losließ: Bei Tests zur Verarbeitung und Speicherung haptischer Informationen (die Probanden mussten "blind" ein Relief befingern und anschließend das Erkannte zu Papier bringen) war ihm eine Teilnehmerin aufgefallen, die hier völlig versagte. Ihre zeichnerische Rekonstruktion des Ertasteten hatte mit der Realität nichts zu tun. Gleichzeitig war sie offensichtlich magersüchtig. Seitdem erforscht Grunwald den Zusammenhang zwischen der Dysfunktion der für den Tastsinn zuständigen Gehirnregion (parietaler Cortex), den daraus resultierenden Haptikproblemen und der immer noch rätselhaften Krankheit Anorexia nervosa (an Magersucht leiden in Deutschland etwa 500000 Mädchen und junge Frauen. 15 bis 20 Prozent von ihnen sterben daran).

Mit dem Phantom untersuchen Studenten die virtuelle Prostata

Ein Zufallsfund katapultierte den Leipziger Forscher im vergangenen Jahr in die Elite der internationalen Haptikforschung: Er entdeckte im Verlauf seiner Untersuchungen an Magersüchtigen einen Effekt, den man schon von der Verarbeitung optischer Reize her, beim Tastsinn jedoch noch nicht kannte: Der Tastsinn arbeitet nicht kontinuierlich, sondern legt Pausen im Millisekundenbereich ein, als müsste das Gehirn Informationen gelegentlich zwischenspeichern. Genau dieser Effekt war es, der Forscher des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston aufhorchen ließ: Perfekte haptische Simulation, eines der großen Themen des dortigen Touch Laboratory, lässt sich nur erreichen, wenn man die Verarbeitung haptischer Informationen im Gehirn perfekt versteht.

Mit der "haptischen Simulation" beschäftigen sich Haptikforscher weltweit. Sie ermöglicht, dass virtuelle Objekte oder Prozesse nicht nur gesehen oder gehört, sondern auch mit dem Tastsinn erlebt werden können. Das fängt bei virtuellen Werkzeugen für Architekten an, die beim Modellieren eines Baukörpers gern auch fühlen würden, wie elastisch oder hart die verarbeiteten Materialien sind (RWTH Aachen). Die Uni Münster arbeitet an Hilfsmitteln, die es ermöglichen, unzugängliches Gewebe im Körper virtuell auf noch nicht sichtbare Strukturveränderungen hin "abzutasten" (holografische Endoskopie). In der Produktentwicklung wäre es ein fantastischer Fortschritt, wenn man zum Beispiel ein am Rechner modelliertes Handy virtuell testen könnte. Der reale Prototyp wäre dann überflüssig.