Fernbahn Ich habe einen Traum

Daniel Libeskind wurde am 12. Mai 1946 in Lodz, Polen, geboren. 1957 wanderte seine Familie mit ihm zunächst nach Israel aus und siedelte 1960 nach New York über. Dort besuchte Libeskind, der in seiner Jugend als musikalisches Wunderkind galt, die Bronx High School of Science und studierte anschließend an der Cooper Union School of Architecture. Der spektakulärste Bau des weltweit lehrenden Architekten ist das Jüdische Museum in Berlin. Im Februar dieses Jahres gewann Libeskind zwar den Wettbewerb um die Neubebauung von Ground Zero in New York, vorige Woche jedoch wurde die Federführung bei diesem Großprojekt seinem Konkurrenten David Childs übertragen. Libeskind ist verheiratet, hat drei Kinder und zog kürzlich von Berlin nach New York um. Hier träumt er vom absoluten Bahnhof

»Mein Traum-Bahnhof setzt sich wie alle Träume aus gespeichertem Wissen zusammen – und doch erzählt mir der Traum etwas über die Zukunft«

Mein Traum ist ein echter Traum, den ich immer wieder träume, seit langer Zeit: Jedes Mal kommt irgendwann ein Schnitt, und beim nächsten Mal träume ich weiter, Stück für Stück. Dabei ist ein großes Mosaik oder Puzzle entstanden.

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Ich träume seit über drei Jahren von einem gigantischen Bahnhof. Dieser Bahnhof meiner Träume ist ein fantastischer Untergrundbahnhof, halb viktorianisch, halb hässliche New Yorker Subway, ein bisschen Piranesi. Diese seltsame Mischung stört mich im Traum überhaupt nicht.

In meinen Träumen verändert sich der Bahnhof immer wieder, er ist nie fertig, immer im Entstehen. Man trifft natürlich auch Menschen, aber vor allem dominiert der Horizont, eine Anmutung, die nicht gerade typisch für Bahnhöfe ist. Zudem bleibe ich gefangen in Lichtgewölben. Alle großen Bahnhöfe haben diese Gewölbe, jenseits deren man eine andere Welt nur ahnt.

Albrecht Dürer hat einmal einen seiner Träume in seinem Tagebuch beschrieben. Mir ist er im Gedächtnis geblieben, weil er nicht symbolisch oder allegorisch ist, sondern eine trockene Beschreibung enthält. Es gibt auch ein Aquarell von diesem Traum. Man sieht, wie die Wasserströme in riesigen Säulen vertikal herunterfließen; sie sehen fast aus wie auf dem Kopf stehende Pilze. Das Räumliche in diesem Bild erinnert mich an meinen eigenen Traum, der sehr architektonisch ist und doch Räume enthält, die mir nicht vertraut sind.

Andererseits gibt es in meinem Traum-Bahnhof ganz konkrete Aspekte, etwa Aufzüge oder Rolltreppen. Manches sieht sehr altmodisch aus und scheint, wie etwa die Fahrkartenschalter, nicht in bester Verfassung zu sein. Kein Wunder, dass ich so träume, sind doch die ersten Bahnhöfe im viktorianischen Zeitalter entstanden.

Ich bin in diesem Traum immer selbst im Bahnhof, so als wohnte ich dort. Der Bahnhof ist meine Liebe, mein Leben, mein New York. Ich besteige dort Züge in unbekannte Richtungen und komme in anderen Bahnhöfen an. Nicht in echten Bahnhöfen, sondern in Bahnhöfen an sich – geometrischen Konstrukten, in denen Schienen in verschiedenen Winkeln aufeinander treffen, sich kreuzen.

Jetzt, wo ich im Rahmen des Gesamtplanes für Ground Zero tatsächlich über einen realen Bahnhof nachdenken musste, interessiert mich, wie ich aus dem Bahnhof zum Horizont komme, der sich so untypisch in meinem Traum auftut. Auch bei Dürer ist nicht klar, was dieser Horizont ist. Der Bahnhof ist eine Welt der Dunkelheit, wie sie Etienne-Louis Boullée, ein utopischer Architekt aus der Zeit der Französischen Revolution, beschrieb. Für ihn war Paris bei Tag eine banale Stadt, die erst bei Nacht interessant wird, wenn man im Dunkeln nur die Form, die riesige Masse erkennt.

Ich treffe in meinem Traum auch eine Menge interessanter Leute aus meiner Welt der Architektur. Im Aufzug stehe ich neben Menschen wie Ramon Llull, dem katalanischen Mystiker aus dem 13. Jahrhundert. Auf andere stoße ich beim Ticketkauf, oder wenn sie nach dem Weg fragen. Sie sprechen mit mir, sagen aber nie Bedeutendes oder Tiefschürfendes. Sie wollen immer nur Auskünfte haben: wohin, wann, wie teuer? Ich treffe auch Groucho Marx, stets mit überdimensionierter Fliege, und Thomas Jefferson. Er ist immer in Grün gekleidet und trägt seinen kleinen Mozart-Zopf.

Und nun das Denk- und Merkwürdige: Diese Träume beziehen sich auch auf mein reales Leben. Gerade baue ich ein Haus auf Mallorca, und es hat mit Ramon Llull zu tun; er ist auf Mallorca aufgewachsen. Ich betreue ein anderes Projekt in Frankreich, wo mir jemand erzählt hat, dass Jefferson einst genau die betreffende Stadt, Le Havre, besucht hatte.

Und die Shopping-Mall, die ich in der Schweiz baue, ist definitiv von den Marx Brothers inspiriert. Das hab ich dem Bauherrn erklärt, als der mich nach meinem Konzept fragte. Ich habe ihm von dem Marx-Brothers-Film The Big Store erzählt. In dem Film verstecken sie sich vor Ladenschluss im Gebäude und eignen sich danach den Inhalt des Kaufhauses an. Sie wälzen sich in den Betten, benutzen die Küchen und produzieren dabei mächtig Klamauk. All diese Menschen tauchen in meinem Bahnhof auf, und alle suchen nach Zügen, die in alle Richtungen fahren.

Ich bin sicher, dass in den nächsten Fortsetzungen meines Traumes noch viele andere Leute dazukommen werden. Denn all meine Projekte beziehen sich auf Menschen, nicht notwendigerweise Berühmtheiten, die irgendwann in meinen Traum eingehen.

Dürer selbst ist allerdings nie in meinem Traum aufgetaucht, nur sein Aquarell mit den vertikalen Strömen, die wie hängendes Wasser anmuten. Bei mir sind es die auf dem Kopf stehenden Gebäude, die eher vom Himmel herunterhängen als auf der Erde fußen. Sie berühren den Boden nicht einmal. Im Traum hatte ich selbstverständlich keine Probleme, diese »Statik« zu akzeptieren. In der Wirklichkeit müsste man sich über die Stabilität solcher Konstruktionen ernste Sorgen machen.

Vielleicht sind die hängenden Gärten meines Projekts für Ground Zero von den hängenden Häusern meines Traums oder den hängenden Flüssen Dürers beeinflusst. Komischerweise habe ich bei der Planung nie an die hängenden Gärten von Babylon gedacht. Wenn ich aus meinem Traum aufwache, kann ich mich an alles erinnern und könnte eine ziemlich genaue Zeichnung davon machen. Seltsam ist, dass ich diesen Bahnhof nie von außen betreten habe, ich bin immer schon drin. Die Gewölbe ändern sich von Mal zu Mal, doch ähneln sie immer mehr dem alten Rom – daher auch die Verbindung zu Piranesi. Bloß sehen die Züge eben eher wie die vergammelten Subway-Züge von New York aus, weder so elegant wie der Orient-Express, noch so stromlinienförmig wie die französischen TGVs. Freilich ist Reisen heute ein Massenphänomen und gar nicht elegant.

Wenn es diesen Horizont nicht gäbe, wäre das alles ein Albtraum, weil ich ein Gefangener in diesem riesigen, labyrinthischen Bahnhof bleiben würde.

Mein Traum-Bahnhof setzt sich wie alle Träume aus gespeichertem Wissen zusammen, und doch erzählt mir der Traum etwas über die Zukunft. Hätte ich je geträumt, einmal einen der größten Bahnhöfe der Welt bauen zu dürfen? Niemals. Jetzt tue ich es – vielleicht.

In meinem Traum ist der Bahnhof keine Maschine, sondern so intim und fantastisch wie bei Jules Verne. Ich will den Horizont, die hängenden Gebäude, das Tageslicht in diese Konstruktion hineinbringen.

Wahrscheinlich werde ich erst erfahren, was hinter dem Horizont steckt, wenn das Traum-Projekt verwirklicht wird. Dann werden wir sehen, ob mein Traum tatsächlich eine prophetische Bedeutung hat.

Aufgezeichnet (im Mai 2003) von CHRISTINE BRINCK

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