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Je komplizierter die Weltlage, desto fester glauben die Deutschen an Verschwörungstheorien von 

Steht ein notorischer Lügner an der Spitze der Weltmacht? Die Enthüllungen über die frisierten Beweise, mit denen Präsident George Bush seinen Krieg gegen den Irak begründete, erwecken alte Verschwörungstheorien zu neuem Leben. Haben nun doch all die Skeptiker Recht, die dem amerikanischen Präsidenten noch nie ein Wort geglaubt haben? Diejenigen etwa, die schon immer überzeugt waren, die US-Regierung habe die Anschläge vom 11. September selbst in Auftrag gegeben – um für ihre imperialen Feldzüge eine Dauerrechtfertigung zu schaffen.

Das immerhin wäre eine begreifliche Erklärung für den unfassbaren Terror, der New York und Washington so plötzlich traf. Verschwörungstheorien sind so attraktiv, weil sie das Leben leichter machen. Verwirrendes wird logisch, Vages wird zur Gewissheit. Lady Di musste sterben, weil sie einen Araber heiraten wollte. Möllemann hat der Mossad umgelegt. Hinter Sars stecken Biowaffen-Viren.

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Langsam, aber sicher sickert der allgemeine Konspirationsverdacht in den gesellschaftlichen Mainstream ein. Beim Internet-Buchhändler Amazon schnellten nach dem 11. September Titel wie Trümmer für den Feldherrn oder Die verbotene Wahrheit in den Verkaufscharts nach oben und halten sich seitdem dort. In Frankreich geriet die Dokumentation L’Effroyable Imposture ("Der schreckliche Betrug") zum Bestseller. Der selbst ernannte Voltaire-Nachfolger Thierry Meyssan behauptet darin, das Pentagon könne nur durch eine Explosion aus dem Inneren beschädigt worden sein. Unangefochtenes Standardwerk der deutschen Verschwörungsgläubigen ist der Überraschungserfolg 11.9. von Mathias Bröckers, Ex-Feuilletonchef der taz. Über 130000 Exemplare des schnell gestrickten Paperbacks hat der Zweitausendeins-Versand in nur acht Monaten verkauft. Tenor: Die Anschläge von New York und Washington kamen George Bush ebenso gelegen wie einst Adolf Hitler der Reichstagsbrand. Eine repräsentative Umfrage der ZEIT ergab einen verblüffenden Befund: Mittlerweile halten es 31 Prozent der unter 30-jährigen Deutschen für möglich, dass die US-Regierung die Anschläge selbst in Auftrag gegeben hat.

Ein tumber Texaner lenkt die Welt

Sicher, Konspirationsvorwürfe haben Unterhaltungswert, erzeugen Spannung inmitten des nachrichtlichen Einerleis. Sie fordern aber auch den Intellekt heraus. Der Münsteraner Soziologie-Professor Hans Jürgen Krysmanski findet sogar: "Der allgemeine Verschwörungsverdacht als Haltung, um Erkenntnis zu gewinnen, ist unbedingt zu begrüßen." Mit Studenten, die Verschwörungstheorien anhängen, führe er die interessantesten Gespräche. "Die Leute haben ein Forschungsmotiv und sind angeregt. Unsere traditionelle Linke hingegen ist einfallslos und ängstlich." Buchautor Bröckers resümiert: "Das verschwörungstheoretische Denken rückt aus seiner randständigen Lage als Schmuddelecke der Erkenntnistheorie in das Zentrum nüchterner politischer Analyse."

Tatsächlich? Die professorale Erklärung klingt verdächtig nach weltanschaulicher Genugtuung. Und diejenige von Bröckers nach dem Wunschdenken eines Journalisten, der seinen Namen unwiderruflich einer zweifelhaften Mission verschrieben hat. In Wahrheit dürfte sich hinter dem Verschwörungswahn etwas weniger Akademisches verbergen als die Geburt einer neuen kritischen Erkenntnismethode.

Da ist zuerst eine weit verbreitete Antipathie gegen den Weltenlenker George Bush, eines, wie die Volksmeinung glaubt, tumben Texaners, der gerade wegen seiner Unverbildetheit als gefährlich gilt. Der Typ darf doch nicht wahr sein, wünschen sich viele, und wie gerufen kommt da der Einwand, wonach der Mann in der Tat nicht der rechtmäßige amerikanischer Präsident sei; hat nicht alles mit einer Verschwörung angefangen? Damals, bei der Wahl 2000, als George seinen Bruder Jeb, Gouverneur von Florida, angeblich die Stimmenauszählung manipulieren ließ? Kurzum: Das Bild vom bigotten Trickser, dem alles zuzutrauen ist, hat sich tief in die öffentlichen Meinung eingebrannt.

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