Seit Wochen kein Regen, 37,6 Grad in Mannheim und Karlsruhe. Die deutschen Bauern schwitzen. Allein bei der Getreideernte rechnet der Deutsche Bauernverband mit bis zu einer Milliarde Euro Schaden. "Für viele Landwirte geht es um die Existenz", klagt Bauernpräsident Gerd Sonnleitner.

Das Getreide ist noch nicht mal ganz vertrocknet, schon fordert die Bauernlobby Nothilfen von Bundesverbraucherministerin Renate Künast. Dabei hätten sich die Bauern gegen zu viel Sonne absichern können – mit Wetterderivaten.

Der badische Bauer vereinbart zum Beispiel mit seiner Bank die für ihn kritische Temperatur von 34 Grad. Für jeden Tag, der heißer ist als die vereinbarte Temperatur, zahlt ihm die Bank den Betrag von 5000Euro. Die Bank wiederum kassiert – wie bei anderen Sicherungsgeschäften auch – eine wetterunabhängige Optionsprämie.

In der Industrie ist so etwas längst Alltag. "Automobilunternehmen sichern ihr Exportgeschäft schließlich auch mit Währungs-Swaps Optionen oder Futures gegen den starken Euro ab", sagt Stefan Roggenkamp, Experte für Wetterderivate bei der HypoVereinsbank. Das Wetter kann niemand ändern, dagegen absichern kann sich jeder: Ein Biergartenbetreiber gegen Regen, ein Sonnenstudio gegen Sonne, ein Winterreifenhersteller gegen zu wenig Schnee oder ein Windparkunternehmer gegen laue Luft.

Etwa 80 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung sind nach Einschätzung der Deutschen Bank direkt oder indirekt vom Wetter abhängig. Nach einer Studie von PriceWaterhouseCoopers und der Weather Risk Management Association hat sich das Geschäft mit Wetterderivaten in Europa im vergangenen Jahr fast verdoppelt. Weltweit liegt das Marktvolumen bei 4,3 Milliarden Dollar.

Rund 85 Prozent der Wettergeschäfte betreffen Temperaturrisiken. Wetterderivate beruhen in den meisten Fällen auf Einzelvereinbarungen mit einer Bank oder einer Versicherung. "Die Unternehmen brauchen individuelle Produkte", sagt Hans Esser, Berater für Wetterderivate bei Finanztrainer.com. Gegenüber der herkömmlichen Katastrophenversicherung sei das Derivat flexibler, weil man damit jedes noch so skurrile Risiko absichern könne. "Zudem fließt im Schadensfall Geld, ohne erst den Schaden feststellen lassen zu müssen", sagt Esser. Auch fallen bei den Wetterderivaten keine Versicherungs- und keine Mehrwertsteuer an.

Vor allem Energieversorger, Baufirmen und die Unternehmen der Tourismus- und Freizeitindustrie haben die Vorteile der Wetterpapiere für sich entdeckt. "Nur die deutschen Landwirte", schätzt HypoVereinsbanker Roggenkamp, "klingeln lieber bei Frau Künast, bevor sie eine Optionsprämie zahlen."