Der unsterbliche Kommentar zum Thema staatlicher Zensur ist das Kapitel XII in Heinrich Heines "Buch Le Grand", dessen vollständiger, einseitiger Text lautet: "Die deutschen Zensoren -----------------------------------------------------------------------------------------------------Dummköpfe---------------------------------------." (Anm. d. Red.: Einige Gedankenstriche wurden weggelassen. Aber nur aus Platzgründen.) Der lang erwartete und am Donnerstag endlich veröffentlichte Untersuchungsbericht des US-Kongresses zur Rolle der Geheimdienste bei den Anschlägen vom 11. September bestätigt die transkulturelle und überzeitliche Gültigkeit dieser These aufs Schönste - wenn auch ein wenig umständlicher, nämlich auf ganzen 900 Seiten. Doch beginnen wir von vorn. Der eigens eingesetzte Ausschuss aus Abgeordneten und Senatoren hatte die Ereignisse im Vorlauf des 11. September eingehend überprüft. Dabei hatte er geheime Dokumente eingesehen und hochrangige Experten der Aufklärungsdienste befragt. Die Schlussfolgerung der Parlamentarier war vernichtend: Der Inlandsgeheimdienst F.B.I. wie sein Auslandspendant C.I.A. ignorierten wiederholt Warnungen, dass die Terrororganisation al-Qaida Anschläge in den Vereinigten Staaten plante. In einem Dokument mussten die entsetzten Abgeordneten lesen: "Pläne, ein amerikanisches Flugzeug zu kapern, kommen gut voran. Bei Probelauf kamen zwei Mann durch die Sicherheitsschleusen am New Yorker Flughafen." Das Papier datierte vom Dezember 1998.Beunruhigend genug - und ein gefundenes Fressen für demokratische Präsidentschaftskandidaten wie Senator und Ausschussmitglied Bob Graham aus Florida, der sogleich tönte, der Bericht beweise, dass die Katastrophe hätte verhindert werden können. Doch das eigentlich Verstörende an dem Papier ist - und damit wären wir wieder bei Heine - was nicht mehr darin steht. Genauer: was vom Weißen Haus daraus entfernt wurde. Dass die Präsidialbehörde nicht recht behilflich hatte sein wollen bei der Aufklärung der Vorwürfe gegen F.B.I. und C.I.A. war bekannt. Nun aber ist es nachzuprüfen - sozusagen geschwärzt auf weiß . Dutzende Seiten fehlen; und der 47 Kilobyte umfassende Teil IV, in dem es um "Gewisse heikle Fragen der Nationalen Sicherheit" geht, ist fast völlig ausradiert. Doch aus den Überresten wird klar: Besonders nervös wurden die Tintenbrigaden, wenn es um die Hintermänner der Attentäter und ihre Kontakte in Saudi-Arabien ging. Mag sein, dass es tatsächlich gute Gründe gab dafür - etwa die Notwendigkeit, noch aktive Agenten zu schützen. Vor dem Hintergrund amerikanischer Verschleierungstänze beim Thema Massenvernichtungswaffen aber bewirkt diese, nun ja, Vertuschungsoperation vor allem eins: neue Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Regierung Bush. Was auch immer die amerikanischen Zensoren sich gedacht haben: klug war es wohl nicht.Kommentare und Anregungen