Die Terrakotten mit ihren tönernen Augen haben fast alles gesehen, fast die ganze Geschichte Tartus, in der zahllose mächtige Europäer auftreten und, kaum erkennbar, die Esten. Diese Figuren aus gebranntem Ton, Stadtbürgergesichter, aber auch gekrönte Köpfe, hat im 14. Jahrhundert ein außerordentlicher Brennmeister für die Johanniskirche gefertigt. Tausend verschiedene. Über den Kapitellen, unter den steinernen Baldachinen sitzend, sehen sie seither dem Welttheater zu: 600 Jahre Krieg, Brand, Seuchen, Bomben. Viele derer, die das überstanden haben, stehen heute im Regal eines kühlen Kellers neben dem Kirchenschiff, wo sie Kopf für Kopf restauriert und kopiert werden, Auge in Auge nun mit der Gegenwart.

Künftig sollen nur noch wetterfeste Kopien an der Außenseite der Kirche auf die Stadt blicken. Schon bald, 2005, ist hier Hansetag, dann soll alles fertig sein. Heute ist die Johanniskirche noch eine Baustelle, mitten im Stadtzentrum der Hansestadt Tartu (Dorpat), drei Kopfsteinpflastergassen vom Rathausplatz entfernt. Im Kirchenschiff steht der estnische Kunsthistoriker Kaur Alttoa, beleibt, kettenrauchend, und sagt mit einer Armbewegung, die das ganze Gotteshaus umspannt: "Das ist mein Kind." Alttoa ist für die Restaurierung zuständig, seine Frau Eve für die Konservierung der Terrakotten.

"Die Tonfiguren sollten an den schwarzen Tod erinnern, an die Pest, die um 1350 mit dem Livländischen Krieg in diese Gegend kam", vermutet Kaur Alttoa und findet die Worte, die er sucht, fast ohne Zögern auf Deutsch. Die Archive sind verbrannt, Quellen gibt es kaum, man muss in den Steinen lesen, die stammen von hier. Die Kirche ist, auch in ihrer Zerstörung, ein Monument europäischer Stadtgeschichte. Die Stadt kommt aus Europa, ist unterwegs nach Europa, und gern möchte man sie ein bisschen begleiten.

Erkennbar haben deutschbaltische, schwedische, später russische Baumeister die Stadt Tartu immer von neuem erbaut, haben schwedische, polnische, russische, deutsche Truppen sie immer von neuem verwüstet. Währenddessen haben die Esten vor allem gearbeitet, gehungert, gefroren. Im günstigen Fall gab es für sie Getreidegrütze mit Strömlingslake, dem Salz eingelegter Fische, zu essen. Armeleutenahrung. Heute noch liegen auf dem Wochenmarkt neben den zarten Schnitzeln auch die Füße, die Schwänze, die halbierten Köpfe der Schweine. "Die brauchen wir nur noch für Sülze", sagen zwei Hausfrauen. Eine 35-Jährige schüttelt den Kopf: Was man daraus koche, wisse sie nicht. Sie werde ihre Mutter mal fragen.

Die meisten Esten haben all die Jahrhunderte mit ewig eisigen Wintern, mit tagundnachthellen Sommern unfrei im Keller der Historie zugebracht. "Sag mir Liebling, was haben die Kartoffelkeime / in unserem Keller im Sinn", hat über diese Kellerexistenz der estnische Dichter Paul-Eerik Rummo gesagt, Die Freiheit der Kartoffelkeime heißt das Gedicht: "Ich vermute, bald / werden sie wie bleich-stielige Lanzen die Etagen erklimmen, / die Decken durchbohren, die Fußböden demolieren, / die Möbel spleißen und die Einkaufsnetze / zerfetzen (Freiheit allem Gemüse!)". Das Gedicht entstand etwa 1966, in der Sowjetzeit, als Tartu wegen seines Militärflughafens eine geschlossene Stadt war. Da blieb den Kartoffeln im Keller noch ein Vierteljahrhundert zum Keimen.

In einem Keller der Altstadt, nur ein paar Häuser von der Johanniskirche entfernt, duckt sich heute ein blühender Kunstgewerbeladen, den seit fünf Jahren und nebenher Tairi Leis betreibt, eine Ökonomiestudentin mit einer schmalen Intellektuellenbrille im breiten, schönen Gesicht und zahllosen Rastazöpfen. "Handicraft" steht auf ihrer Visitenkarte, sie spricht Deutsch, die Waren in ihrem Laden sind ausnahmslos "made in Estonia". Handgewebte Teppiche, Wollstricksachen und Holzschnitzspielzeug, die Häkel- und Klöppelarbeiten der alten Leute, die an einem Schal für umgerechnet 15 Euro fünf Tage lang arbeiten. Der Stundenlohn für Studentenjobs liegt bei gut einem Euro.

"Ich werde beim Referendum über den EU-Beitritt im September mit Nein stimmen", sagt Tairi, "es gibt hier ja gar keine öffentliche Debatte, nur Werbung um Zustimmung." Viele Gaststätten, fürchtet sie, werden vor den EU-Normen ebenso wenig Bestand haben wie die Suppentöpfe der Schulküchen, die schließen müssten, weil sie sich die neuen Normtöpfe nicht leisten könnten. Die Esten würden ihre Wälder für den Export noch schneller abholzen. "Wir brauchen noch ein paar Jahre, um stark zu werden. Die Leute merken ja jetzt erst, dass die wollenen Mützen, die hier seit Ewigkeiten gestrickt werden, besser wärmen als die Kunststoffimporte aus dem Westen. Die Esten kaufen jetzt erst wieder bei mir."

Das Estland, das einem im Kellerladen von Tairi Leis begegnet, ist unabhängig und stolz, zugleich europäisch. Wer hier jobbt, will von den osteuropäischen Elendsgeschichten, die in westlichen Zeitungen stehen, nichts mehr hören, spricht ein paar Fremdsprachen, hat mal im Ausland studiert, informiert sich im Internet über die Welt. Hantiert fortgesetzt mit dem Handy, das in Estland alles kann, auch Bustickets kaufen und Parkgebühren entrichten, aber spielt auch Theater. Gerade erst haben die beiden Studentinnen, die hier arbeiten, eine Collage aus dem Werk von Jakob Michael Reinhold Lenz auf die Bühne gebracht, das frisch auf Estnisch vorliegt. Es traten auf: ein Soldat, ein Hofmeister, ein Pfarrer, ein genervter Goethe, eine Liebende, zwei Kritiker. Die deutsche Sturm-und-Drang-Mischung. Die Studentinnen spielten die Kritiker.