Die Veröffentlichung der Bilder der Leichen von Saddam Husseins Söhnen Udai und Kusai demonstriert auf makabere Weise das Dilemma, dem die amerikanisch-britischen Koalitionsstreitkräfte im Irak gegenüberstehen. Dass man sich zu diesem Schritt genötigt sah, nachdem man zunächst aus guten Gründen gezögert hatte, die Fotos frei zu geben – denn dies widerspricht den westlichen Vorstellungen von der Menschenwürde – belegt, wie hart die Besatzer um ein Minimum an Glaubwürdigkeit in der irakischen Bevölkerung kämpfen müssen.Das Mittel, das sie in diesem Fall angewendet haben, ist jedoch – um das mindeste zu sagen - sehr fragwürdig. Das Vorführen getöteter   Feinde als Trophäen zielt nicht zuletzt auf Clanführer und Chefs radikal-religiöser   Gruppierungen, denen Brutalität   im Umgang mit Gegnern Respekt einflößt. Aber wollen Amerikaner und Briten im Irak nicht in erster Linie einen Wertewandel   bewirken? Ist er nicht die Voraussetzung für das Funktionieren irgendeiner   haltbaren Form demokratischer Selbstbestimmung?

Sich an die Sitten und Gebräuche antidemokratischer Kräfte anzupassen, birgt das Risiko, dass man auf Dauer von der Bevölkerung nicht mehr von ihnen unterschieden   und selbst bloß als ein weiteres Gewaltregime betrachtet   wird, dem man sich aus dem einzigen Grunde beugt, dass es stärker ist als andere. Das aber führt in eine fatale Herrschaftslogik: Jedes Zögern, die äußersten Mittel anzuwenden, wird dann in Zukunft als Zeichen der Schwäche ausgelegt werden. Zudem ist es gar nicht gesagt, dass das politische Kalkül, das hinter der Veröffentlichung der Bilder steckt, wirklich aufgeht. Ob die Tötung der Köpfe des alten Regimes seine terroristischen Anhänger demoralisieren wird oder erst recht anstachelt, ist offen. Aus toten Führern können leicht verklärte Märtyrer werden. Wirklich zurückgehen wird der bewaffnete Terror erst, wenn die Befehls- und Logistik-Strukturen zerschlagen sind, die ihn ermöglichen. Dorthin aber scheint es, trotz des spektakulären Erfolgs, den die Ausschaltung der Söhne Saddam Husseins zweifellos darstellt, noch ein sehr weiter Weg zu sein.

Der Ärger um die Veröffentlichung der Fotos sollte aber nicht gleich wieder die Freude überdecken, die der Tod Udais und Kusais unter der irakischen Bevölkerung zu Recht ausgelöst hat. Zumal die Heuchelei in manchen Presseorganen gerade wieder einmal neue Höhepunkte erreicht: gierig stürzt man sich auf die abscheulichen Fotos, druckt sie womöglich auf der Titelseite   ab – nicht ohne daneben die scheinheilige Frage zu stellen, ob es moralisch vertretbar   sei, dass die US-Regierung solche Bilder frei gibt.

Tatsache bleibt:   Udai und Kusai Hussein waren Mörder und Folterknechte der grausamsten Sorte; bei Udai trug die Lust am Quälen, Töten und Vergewaltigen   offensichtlich pathologische Züge. Sie sind zudem offenbar im Kampf getötet   worden. Mit der lauten Ankündigung, man werde auch Saddam selbst "finden und töten", sollten sich die Verantwortlichen   der amerikanischen Besatzungsmacht aber zurückhalten. Wenn Saddam Hussein gefunden wird, sollte man ihn, sofern es irgendwie geht, unbedingt lebend gefangen nehmen. Und das nicht nur, weil eine Liquidation ohne Gerichtsurteil jeder Rechtsnorm demokratischer   und zivilisierter Staaten   ins Gesicht schlagen würde. Sondern auch, weil Saddam Hussein und den Schergen seines Regimes von einem unabhängigen Gericht   (möglichst einem irakischen) der Prozess gemacht werden muss – nur so kann die ganze Wahrheit über die maßlosen Verbrechen dieses Regimes vor aller Welt   ans Tageslicht kommen. Diese Klärung aber ist für einen möglichen demokratischen Neuanfang im Irak (wie für die weitere Entwicklung im gesamten Nahen Osten) von höchster Bedeutung.

Die Ausschaltung der Söhne Saddam Husseins ruft jetzt   jedenfalls in Erinnerung zurück, welche enorme Belastung für den Neuanfang von den Resten des alten Regimes ausgeht. Nicht nur die nackte Gewalt, die Anschläge und Sabotageakte   selbst, die von den untergetauchten   Banden verübt werden, sondern vor allem der psychologische Druck, der von der unterschwelligen Angst in der irakischen Gesellschaft ausgeht, die alte Herrschaft könnte eines Tages wieder zurückkehren, ist nach wie vor die Hauptbremse für den Beginn einer besseren, freieren und friedlicheren Zukunft des Irak.

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