Vergebens hatte der Angeklagte das Gericht gebeten, eine Strafe zu verhängen, "die mich hart anfasst, aber nicht vernichtet". Die Justiz hat das härteste Urteil gesprochen, welches das deutsche Strafrecht zulässt. Wenn eine Sanktion geeignet ist, einen Lebensplan zu vernichten, dann diese: Lebenslänglich.

Hart angefasst – das hatten Gäfgen zuvor andere. Frankfurter Polizisten drohten Gäfgen bei seiner Vermehmung, ihm große Schmerzen zuzufügen, sollte er nicht damit herausrücken, wo er Jakob Metzler versteckt halte.

Der Fall trat in Deutschland eine Debatte über die Zulässigkeit von Folter los. Innenminister Schily nannte die Absichten der Polizisten "ehrenwert" – und musste gleich nachschieben, das Folterverbot wolle er natürlich nicht aufweichen. Der Vorsitzende des Deutschen Richterbundes, Mackenroth, sagte, es seien "Fälle vorstellbar, in denen auch Folter oder ihre Androhung erlaubt sein können, nämlich dann, wenn dadurch ein Rechtsgut verletzt wird, um ein höherwertiges Rechtsgut zu retten" – und schwächte diese Feststellung kurz darauf wieder ab (Gewalt müsse im Strafprozess natürlich tabu bleiben).

In der Hysterie der Diskussion ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied nie gemacht worden: Derjenige zwischen Folter, um eine belastende Aussage zu erpressen, und Folter, um ein Menschenleben zu retten.

Wandeln wir den Fall von Magnus Gäfgen nur ein wenig ab. Nehmen wir an, das Opfer wäre noch nicht tot gewesen, als die Polizisten mit Gewalt drohten. Was wäre falsch daran gewesen, Gäfgen fünf Minuten Schmerzen zuzufügen, um das Leben des Jungen zu retten? Vor Gericht hätten die so gewonnenen Aussagen freilich nicht verwertet werden dürfen. Und doch, die Bilanz der Tat sähe anders aus: kein Toter, kein Mord, keine 15 Jahre Haft. Zwei Leben gerettet.

Sicher, normalerweise wird ein geständiger Entführer von sich aus verraten, wo er sein Opfer versteckt hat, schon, um für sich selbst die ganze Sache nicht noch schlimmer zu machen. Aber was, wenn sich der Täter nicht von rationalen Erwägungen leiten lässt? Wenn er psychisch krank ist oder mit dem Leben ohnehin abgeschlossen hat oder kein Gefängnis fürchtet oder wenn ihm sein Opfer völlig gleichgültig ist?

Hält ein Entführer seinem Opfer ein Messer an die Kehle, erlaubt es das Gefahrenabwehrrecht der Polizei in den meisten Bundesländern, den "finalen Rettungsschuss" abzufeuern. Der Täter, der sich selbst ins Unrecht setzt – so die Ratio des Gesetzes – ist in der Dilemma-Situation nicht mehr schützenswert. Diese Dilemma-Situation besteht aber auch, wenn der Entführer in der Verhörzelle sitzt und sein Opfer dringend Hilfe braucht. Denn auch dann hält er das Opfer in seiner Gewalt: durch den Wissensvorsprung gegenüber der Polizei. Das Schutzbedürfnis des Täters müsste konsequenterweise also auch hier hinter dem Lebensrecht des Opfers zurückstehen. Ja, die Menschenwürde des Opfers gebietet es in diesem Fall dem Staat sogar, den Täter ... zu foltern?