PorträtDie seltsamen Lehren des Doktor Carrel

Wie ein katholischer Arzt aus Frankreich zum Vordenker der radikalen Islamisten wurde von Rudolf Walther

Der französische Arzt Alexis Carrel erhielt 1912 den Nobelpreis.
Doch wichtiger noch als seine medizinischen Forschungen wurde die elitäre Lebensphilosophie des konservativen Katholiken Carrel – vor allem für Sajjid Qutb.
Der ägyptische Schullehrer und Schriftsteller, der einen mehrbändigen Kommentar des Koran verfasste und 1966 vom Nasser-Regime ermordet wurde, gilt Vielen heute als geistiger Vater der al-Qaida-Krieger und Inbild des islamischen Fanatikers.
Carrel und Qutb – ein extremer Fall, der wieder einmal zeigt, was schon Goethe wusste: "Orient und Occident sind nicht mehr zu trennen." Weder im Guten noch im Schlechten

Die Biografien der beiden Männer könnten unterschiedlicher nicht sein – der eine stammt aus einem ägyptischen Dorf und endet als Aufrührer am Galgen, der andere, ein Franzose, macht Karriere in den USA und erhält 1912 den Nobelpreis für Medizin. Begegnet sind sie sich nie, der Schulinspektor und Literaturkritiker Sajjid Qutb, der Vielen als Vater des radikalen Islamismus gilt, und der streng katholische Arzt Alexis Carrel – und doch verbindet beide ein geistiger Weg, der in die Schrecken der Gegenwart mündet.

Qutb (sprich: Kutub) wurde 1906 im mittelägyptischen Dorf Muscha geboren, studierte in Kairo und trat 1933 für 15 Jahre als Schulinspektor in den Dienst des Bildungsministeriums. Nebenher arbeitete er als Journalist und Literaturkritiker. Von 1948 an verbrachte er drei Jahre in den USA, entdeckte für sich den Islam und sagte nach seiner Rückkehr: "Ich wurde 1951 geboren." Er schloss sich den 1928 von Hassan al-Banna gegründeten Muslimbrüdern (al-Ihwan al-Muslimin) an und stieg schnell zu deren Propagandachef auf.

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Die Muslimbrüder verstanden sich nicht als politische Partei, sondern als religiöse und karitative Organisation. Am 23. Juni 1952 stürzten Oberst Gschamal Abdel Nasser und das "Komitee der freien Offiziere" das korrupte Regime König Faruks. Zunächst verbündeten sich die Muslimbrüder mit den Freien Offizieren, aber nachdem Nasser bereits im Januar 1953 alle Parteien verboten und eine Staatspartei gegründet hatte, wurden die Brüder gnadenlos verfolgt (obwohl ein Drittel der Offiziere selbst zu ihnen gehörte). Im Dezember 1954 ließ Nasser sieben Muslimbrüder hängen, Qutb wurde ein halbes Jahr später zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Bis auf wenige Monate, in denen er provisorisch frei gelassen wurde, verbrachte er sein restliches Leben im Gefängnis. Am 29. August 1966 starb er, gefoltert, nach kurzer Gerichtsfarce, am Galgen.

Der 1873 bei Lyon geborene Alexis Carrel dagegen verschied ganz friedlich und wohlversorgt mit den heiligen Sakramenten am 5. November 1944 in seinem Bett in Paris. Er war, nach Schuljahren bei den Jesuiten und dem Studium der Medizin in Lyon, im Begriff, eine glänzende Karriere anzutreten, als er nach einem Besuch in Lourdes im Mai 1902 die wundersame Heilung eines todkranken Mädchens öffentlich verteidigte. Das Wunder hatte Carrel bekehrt: "Mein größter Wunsch und das höchste Ziel meiner Bemühungen ist es, zu glauben, tief und blind zu glauben und niemals mehr weder zu diskutieren noch zu kritisieren."

1902 war auch ein Schlüsseljahr der neueren französischen Geschichte – der Beginn der Amtszeit des radikaldemokratischen Ministerpräsidenten Émile Combes (ZEIT Nr. 51/02). Zu einem seiner Ziele hatte er es sich gemacht, Kirche und Staat rechtlich völlig voneinander zu trennen. Seine Gegner stilisierten ihn bald zum Antichristen in Person. So musste Carrel in der aufgeheizten Stimmung um die Dreyfus-Affäre und den erbitterten Streit zwischen katholischer Kirche und Staat, Klerikalen und Laizisten mit seiner Verteidigung einer Wunderheilung beträchtliches Aufsehen erregen. Seine reellen Chancen, Chef der staatlichen chirurgischen Klinik in Lyon zu werden, zerschlugen sich über Nacht.

Carrel ging nach Kanada, von dort über Chicago nach New York, wo er im Rockefeller Institute for Medical Research forschte. Für seine bahnbrechenden Arbeiten auf dem Gebiet der Gefäßchirurgie erhielt er 1912 den Nobelpreis. Bei Kriegsbeginn kehrte er nach Frankreich zurück und beteiligte sich an der Entwicklung neuer Methoden zur Wundbehandlung, um Infektionen und Amputationen zu verhindern.

Wieder in den USA, schrieb er das lebensphilosophische Buch Der Mensch. Das unbekannte Wesen, das 1935 erschien und, in 19 Sprachen übersetzt, mit einer Gesamtauflage von einer Million Exemplaren zu einem Weltbestseller werden sollte. Im letzten Kapitel dieses Werkes geht es um "die Wiederherstellung des Menschen", bei der "die freiwillige Eugenik" eine entscheidende Rolle spielt. Denn mit ihr lasse sich "die Vermehrung der Geisteskranken und Schwachsinnigen" unterbinden, eine Aufgabe, deren Lösung über "das Geschick der weißen Völker" entscheide. Es wundert daher nicht, dass Carrel im Vorwort zur US-Ausgabe 1939 "den Glauben" der deutschen und italienischen Jugend lobt, die wieder bereit sei, "sich für ein Ideal zu opfern".

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs kehrte er erneut in die Heimat zurück; im Vichy-Frankreich machte ihn Marschall Pétain 1941 zum Chef der (mit 40 Millionen Franc und 150 Mitarbeitern ausgestatteten) Stiftung für das Studium der Probleme des Menschen. In der Vision des streng asketisch lebenden Mediziners bildete das Forschungsinstitut ein "wissenschaftliches Kloster", in dem "die wissenschaftliche Basis des mystischen Lebens" studiert und der "Gegensatz von Wissenschaft und Religion" überwunden werden sollten. Für Carrel gehörten Kapitalismus, Faschismus, Sozialismus und Kommunismus gleichermaßen in die "Zeit des Obskurantismus". Die Demokratie wollte er durch eine "Biokratie" ersetzen, welche die physischen, intellektuellen und spirituellen Fähigkeiten des Menschen –"den Menschen in seiner Totalität" – wiederherstellen sollte.

Carrel war längst tot, als Qutb, während der fünfziger Jahre, im ägyptischen Gefängnis saß und seinen umfangreichen Koran-Kommentar verfasste, am Ende waren es 4016 Seiten. Wichtiger jedoch als das monumentale Werk Im Schatten des Korans selbst wurde ein Kondensat daraus, das 1964 unter dem Titel Wegzeichen erschien und nach Qutbs Tod etliche Neuauflagen erlebte. Das Buch lässt viele Lesarten zu, fromme Muslime können sich ebenso darauf beziehen wie religiöse Terroristen. Die Wegzeichen sind ein radikal-theologischer Traktat, politisch leicht zu instrumentalisieren.

Wie Carrel in seinen Schriften, so stellt auch Qutb der Moderne eine schwarze Diagnose: "Die Menschheit steht in unseren Tagen am Rande des Abgrundes", und zwar nicht wegen drohender atomarer, ökologischer oder sozialer Katastrophen, sondern "weil sie ihre Werte verloren hat". Die Welt befindet sich für Qutb im Zustand der "Barbarei" (jahilijja), zurückgefallen in jene Zeit, bevor Gott den Menschen den Islam und die Utopie der "muslimischen Gemeinschaft" offenbarte. Qutb steht in einer langen Tradition radikaler islamischer Herrschaftskritik, die de facto anarchistische Konsequenzen hat. Denn "barbarisch" ist jede Gesellschaft, in der jemand anderes regiert als Gott und sein "Gesetz" (scharia). Scheich Sibiki von der Kairoer Universität al- Azhar rügte denn auch 1967 Qutbs "aufrührerischen Stil" und verurteilte seine Thesen als Häresie.

Doch Qutb versteht den Islam gar nicht als theologische Lehre, sondern als ein buchstäblich alles umfassendes Universum – als "Gesetz und soziale Ordnung" –, das bis ins letzte Detail von der absoluten "Souveränität" (hakimijja) Gottes beherrscht wird. In diesem utopischen Universum wird das irdische Leben ein göttliches. Im Gegensatz zum neueren Christentum, das Qutb in einer "schädlichen Schizophrenie" befangen sieht, weil es Glauben und Wissen, Kirche und Politik, Priester und Laien trennt, bleibt für ihn der Koran absolute Offenbarung, die jede Trennung von "kaltem Wissen" und Handeln überwunden habe und "lebendige Antworten auf eine reale Situation" bereithalte: "ein System für das alltägliche menschliche Leben in allen seinen Aspekten".

Für Carrel widerspricht die westliche Zivilisation der menschlichen Natur

Die Wegzeichen handeln davon, wie die "muslimische Gemeinschaft" wiederherzustellen ist. Diese bestand für Qutb nur in der kurzen Zeit, als der Prophet und die ersten vier Kalifen von 622 bis 661 in Medina "die höchste und reinste Gemeinschaft" anführten, die allein von einer "allumfassenden, gegenseitigen Liebe" bestimmt wurde. Sie brauchten "nur selten auf Strafen und Gesetze, die Gott diktierte, zurückzugreifen". Denn "die Kontrolle des Handelns kam von innen, aus dem Gewissen. Man wollte nur Gott gefallen und dafür dessen Belohnung erhalten." Der Weg zu diesem Ziel führt laut Qutb einzig über eine Rückkehr zum ursprünglichen Glauben. Die zu errichtende Gemeinschaft ist kein Volk, keine Nation und kein Staat, sondern bildet ein tendenziell universales Ganzes und eine unauflösliche Einheit von Regierenden und Regierten, die nach dem "göttlichen Gesetz" in Harmonie zusammenleben und zusammenarbeiten und "Gehorsam" nur Gott schulden.

Zunächst treten nur wenige diesen Weg an – "die Avantgarde" (jama) oder die "islamische Bewegung" (haraket al-islamijja), wie Qutb sie nennt. Aber er zeigt sich überzeugt, dass deren "Predigen und Reden" schnell Früchte zeitigen werden: "Aus drei werden zehn, aus zehn hundert, aus hundert tausend … und so entsteht und festigt sich die muslimische Gemeinschaft."

Es sind "Avantgarden der islamischen Wiederauferstehung", auf die Qutb vertraut und für deren Tätigkeit er den vielfältigen Begriff "Kampf" (dschihad) verwendet. Ein Wort, das alles Mögliche umschließt: vom inneren Kampf gegen Begierden und Ehrgeiz über den Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit und nationale Interessen bis zum Aufstand gegen "die Usurpatoren der Macht" – schillernde Passagen, die sich die Islamisten später als Legitimation für ihren Terror zurechtlegen sollten. Dagegen setzte Qutb ("wir sind Prediger und keine Richter") auf einen Islam, den er als "ehrfürchtige emanzipatorische Kraft" verstand. Für ihn ist der "Kampf", der nicht zu den fünf Pfeilern des Islams (Glaubensbekenntnis, Gebet, Fasten, Almosenspenden, Pilgerfahrt) gehört, "ein Akt höchster Andacht" und Teil des geistigen Erziehungsplans. Schießübungen sind darin allerdings nicht vorgesehen: "Glaube" (aqidah) und "islamische Bewegung", angeführt von der "Avantgarde", kämpfen für "Gott und Gott allein" (Qutb) und nicht für ein Volk oder einen Staat – und schon gar nicht mit Terror.

Die äußerlichen Gemeinsamkeiten zwischen Carrel und Qutb liegen auf der Hand: Die Elite im "wissenschaftlichen Kloster" des Mediziners trifft man bei Qutb als "Avantgarde" wieder, und die "biologischen Klassen" Carrels sind bei Qutb "Glaubensklassen". Ob "westliche Zivilisation" (Carrel) oder "Barbarei" (Qutb) – beide sind "uns nicht angemessen", weil sie "unserer wahren Natur" (Carrel) oder Qutbs "guter, gesunder Natur" widersprechen. In dem Ziel, Wissen und Glauben zu versöhnen, sind sich beide ohnehin völlig einig.

Keinen Autor zitiert Qutb so häufig wie Carrel

Die entscheidenden Affinitäten liegen jedoch tiefer. Keinen Autor, den Koran ausgenommen, zitiert Qutb so oft und so ausführlich wie Carrel. Was Qutb an Carrel fasziniert hat und was er von ihm in seine Studien übernimmt und für seine Zwecke anpasst, ist, wie der in den USA lehrende Islamwissenschaftler Ibrahim M. Abu-Rabi 1996 in seinem Buch Intellectual Origins of Islamic Resurgence feststellte, erstens dessen Menschenbild, "auf das er mehr vertraut als auf den Koran". Und zweitens folgt Qutb Carrels Methode. Der fromme Arzt beklagt, dass "der Mensch, dieses Ganze", dieses einzigartige, komplexe Wesen, in der gesellschaftlichen Realität wie in der Wissenschaft aufgespalten und zerrissen werde. Alles zerfalle der modernen Wissenschaft von Darwin bis Freud in Geist und Materie. Und die ausschließliche Konzentration auf die materielle Natur des Menschen bewirke, dass dessen spirituelle Seite unterdrückt bleibe.

Ihre ursprüngliche Einheit und Harmonie können die Menschen Carrel zufolge nur finden, wenn sie bereit sind, "die Welt nach den Gesetzen des Lebens" und des Evangeliums "neu zu schaffen". Die Paradoxie, dass die Menschen "Diener Gottes" und zugleich frei sind, löst sich für Carrel auf, weil die menschliche Natur, die als oberster Maßstab dient, immer auch als gottgegeben gedacht wird. Um zur "totalen Realität" vorzudringen, müssen "die philosophischen Systeme aufgegeben" und durch "wissenschaftliche Konzepte" – Carrel meint damit biologisch und theologisch gestützte Theorien – ersetzt werden. Über "das universelle Wissen", solche zu entwerfen, verfügen nach Carrel nur "kleine Gruppen von Menschen": die Avantgarde, die Elite.

Was Qutb "die islamische Methode" nennt, die Integration von Erziehung, Ethik, Ökonomie und Politik zu einem ganzheitlichen System "göttlicher Einzigartigkeit", gleicht aufs Haar dem Vorgehen Carrels bei "der Vereinheitlichung aller Fähigkeiten und ihrer Koordination auf einen einzigen Glauben hin" – der "Über-Wissenschaft". Qutb folgt Carrel auch darin, dass der Glaube keines wissenschaftlichen Beweises zugänglich und bedürftig sei, da er von Gott stamme und menschliche Vernunft grundsätzlich nicht an diesen heranreiche. Qutb sieht in den Naturwissenschaften geradezu einen Beleg für den universellen Zusammenhang von allem mit allem und für den göttlichen Willen, der Natur klare, dem Menschen dienende Gesetze zu verleihen. Mit den Sozialwissenschaften, die das Bild vom "ganzen Menschen" oder der "menschlichen Natur" historisch und sozial laufend differenzieren, können dagegen beide wenig anfangen.

Jede Art von Differenzierung oder Historisierung, Skepsis oder Agnostizismus stellt die Vorstellung von ganzheitlichen und obendrein gottgegebenen Weltentwürfen infrage. "Die islamische Methode" Qutbs schmiegt sich eng an "die neue Wissenschaft" Carrels an, der von dieser verlangte, sie müsse "vollständig und dabei einfach genug" sein, "dass sie unserem praktischen Handeln als Grundlage dienen kann". Was die Einfachheit betrifft, so überbot der französische Mediziner den ägyptischen Koran-Interpreten: Carrel wollte nicht nur Mord und Diebstahl, sondern auch "Neid, Geiz, Hochmut und Ehebruch verbieten".

Für westliche Kommentatoren ist Qutb die Verkörperung des islamischen Fanatismus. "Urvater der militanten arabischen Islamisten" nennt ihn der langjährige Nahost-Korrespondent der NZZ, Arnold Hottinger, einen "Vordenker von al-Qaida" gar der linksliberale New Yorker Publizist Paul Berman, während er für den Nestor der angelsächsischen Orientalisten, Bernard Lewis, schlicht ein "Terrorist" ist. Dabei erweist sich, dass Qutbs Koran-Interpretation bis ins Innerste vom biologisch-christlichen Ganzheitsdenken Carrels geprägt wurde. Beide sind in dem präzisen Sinne fundamentalistisch, als sie die Sicht auf das Ganze beanspruchen und zur Schrift zurückkehren wollen und darin die Grundlagen für die Erneuerung "des ganzen Menschen" sehen.

Holistisches Denken, das meint den Versuch, alles in einem Ganzen, einem umfassenden System aufgehen zu lassen, gehört – selbstverständlich weit über Carrel hinaus – zum festen Bestand der europäischen Philosophie. Ibrahim M. Abu-Rabi hat darauf hingewiesen, wie nahe Qutbs Darstellung des Verhältnisses der Religion zum Staat jener Hegels steht. "Im allgemeinen", schreibt Hegel, "ist die Religion und die Grundlage des Staates eins und dasselbe; sie sind an und für sich identisch", so wie "Religion und Philosophie in eins zusammenfallen", weil beide als Manifestationen des absoluten Geistes immer auf das Ganze zielen.

Qutb folgt Carrel darin, "die menschliche Natur" zur Voraussetzung und zum Maßstab von allem Denken und Handeln zu machen. Weil "die menschliche Natur" gleichzeitig als von Gott verliehen unterstellt wird, immunisieren beide "die menschliche Natur" gegen Kritik, denn Gott antwortet ebenso wenig auf Nachfragen wie "die" Natur auf Einwände. Den Kern von Qutbs vermeintlich orientalischem Islamismus bildet ein naturalistischer Fehlschluss, der in der europäischen Philosophie tief verankert ist. Alle philosophischen Versuche seit der Antike, "Gutsein" oder "Bösesein" im ethisch-moralischen Sinne auf natürliche beziehungsweise naturgegebene Eigenschaften zurückzuführen, beruhen auf solchen naturalistischen Fehlschlüssen. So schreibt Carrel: "Es ist das Ziel des Lebens, die Gesetze des Lebens zu befolgen. Diese Gesetze lesen wir aus unserem Körper und unserer Seele ab und nicht aus philosophischen Systemen und Konzeptionen." Damit werden ethische Normen ("Gesetze des Lebens") direkt aus biologischen Tatsachen und psychologischen Diagnosen abgeleitet. Das heißt, in Qutbs Sprache übersetzt, es kann keine menschliche Freiheit, also auch keine freie, vielgestaltige Gesellschaft, geben, sondern nur Gehorsam vor dem Gesetz Gottes.

Die islamischen Bewegung, die sich infolge des Sechstagekrieges von 1967 schnell radikalisierte, erhob Qutb nach seinem Tod zum Märtyrer; seine Werke werden in der ganzen muslimischen Welt eifrig studiert.

Zur Rezeptionsgeschichte von Carrels Schriften im Westen gehört, dass sein Buch vom Menschen – ohne Vorwort, aber sonst unverändert – noch bis zum Ende der fünfziger Jahre vom Münchner Verlag Paul List vertrieben wurde. Nicht einmal das emphatische Lob für die "energischen Maßnahmen" der Nazis "gegen die Vermehrung der Minderwertigen, Geisteskranken und Verbrecherischen" war getilgt. Bei Gelegenheitskriminellen empfahl Carrel "heilsame Lektionen mit der Peitsche", für Mörder, Räuber und Kindesentführer "kleine Anstalten für schmerzlose Tötung, wo es die dazu geeigneten Gase gibt". Das alles blieb noch 1957 (inzwischen hatte die Auflage das 45. Tausend erreicht) kommentarlos stehen. Carrels Schwadronieren über "entartete Majorität", "Kinder aussondern" oder "Individuen ausmerzen" störte im Adenauer-Staat offenbar ebenso wenig wie seine Polemik gegen "Frauenrechtlerei" und sein Plädoyer dafür, Kindern "die moralischen Gewohnheiten" nach der Methode von "Tierdressuren" beizubringen. Der Verlag warb mit dem Slogan "Das grundlegende Werk des Nobelpreisträgers" weiter für ein rassistisches Pamphlet, in dem von "Rassen" nur aus "Gründen psychologischer Natur" (Carrel) wenig die Rede ist.

Zwar beschloss 1996 die medizinische Fakultät der Universität Lyon, die bislang den Namen "Alexis Carrel" getragen hatte, sich umzubenennen, doch noch drei Jahre später erhielt in Münster ein junger Zahnarzt den Doktorgrad der ehrwürdigen Westfälischen Wilhelms-Universität für eine Dissertation, in der er die "freiwillige Eugenik" des frommen Mediziners so verharmloste: "Gegenüber Schwerverbrechern vertritt Alexis Carrel die Meinung, diese in humaner und wirtschaftlicher Art einer schmerzlosen Tötung zu übereignen." Kein Wort darüber, dass sich Carrel als "Werkzeug von Gottes Gnade" verstand und seinem dubiosen "Endziel, dem normalen Menschen zu seinem Recht zu verhelfen", Vernunft und Ethik opferte.

Gewiss nur eine bizarre Episode aus der oft genug bizarren Welt des akademischen Lebens. Und dennoch ein Fall, der zeigt, wie lebendig Carrels fatales Denken auch im Okzident immer noch ist.

Der Autor ist Historiker und lebt in Frankfurt am Main

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