gesellschaft Jugend ohne Raum

Die Alten haben die Zukunft schon besetzt. Nur ein Generationenwechsel könnte in Deutschland Reformen möglich machen

Dem unerschrockenen Thomas Jefferson setzte ein politisches Problem zu, nagte an ihm bis ans Ende seines Lebens: warum sich aus der vielversprechenden Revolution der Amerikaner nur ein neuzeitlicher Staat mit allen zugehörigen neuzeitlichen Malaisen entwickelt hatte. Schlimmer noch: dass es nicht gelang, den Zauber des Anfangs – Freiheit, Vernunft, Enthusiasmus – durch die Zeit zu retten. Jugendlichkeit und Politik, das konnte augenscheinlich nicht zusammengehen.

Allzu schnell hatte sich der Staat Zwängen aller Art überlassen, er hatte seine Chance verspielt, bei Bedarf umzusteuern und wieder gemäß ursprünglichen Zielen zu handeln, sich also zu „verjüngen“. Heutige Soziologen nennen das Phänomen „Pfadabhängigkeit“. Jefferson jedenfalls litt unter diesem Alterungsschicksal moderner Republiken, was man von den bundesrepublikanischen Politikern, die seit 54 Jahren auf ihrem Pfad traben, nicht behaupten kann. Mittlerweile dämmert ihnen aber, dass er irgendwo im Geröll enden könnte.

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Generation Grass

Geröll, das sind all die praktischen Schwierigkeiten, die einer Politik im Sinne der Nachgeborenen im Wege liegen: Lehrstellen ohne Chance auf Weiterbeschäftigung, Schulen und Unis ohne Ehrgeiz, Unternehmen, die nur noch ihre Personalkosten senken wollen, unterfinanzierte Alters- und Krankenversorgung, ein Staat auf Pump. Noch bleiben die Politiker auf ihrem Pfad und wir verfolgen andächtig ihre minimal invasiven Eingriffe in die Herzkammern staatlicher Daseinsvorsorge. Die gefühlte Geschwindigkeit beim Traben ist höher als die reale. Und so ist das beherrschende Gefühl nach wie vor die Veränderungsangst.

So groß ist die Furcht vorm Kommenden, dass ein gesellschaftliches Phlegma inzwischen regelrecht inszeniert wird. Die Konzerne besetzen ihre Vorstandsposten wieder mit den alten Haudegen. Der Parteivorstand der SPD ist im Schnitt 59 Jahre alt. Man dachte, Helmut Kohl hätte durch Anwesenheit eine Epoche geprägt, aber wer wirklich immer da war und da sein wird, ist der missgelaunte Günter Grass. (Will keiner mal das Porträt der „Generation Grass“ schreiben?) Jürgen Habermas entwirft die EU als Trutz- und Fliehburg der Sozialstaatlichkeit. Die Einzelgewerkschaften pflegen liebevoll ihre traditionellen Konfliktlinien.

In Zeiten, in denen ein gesellschaftlicher Wandel überständig zu sein scheint, aber keine Idee existiert, wie man ihm Form gibt, hätte ein Generationenwechsels etwas Tröstliches. „Generation“ klänge nach Wachstum und Reife, nach biologisch kontrolliertem Wandel. Und weil Generationen angeblich durch ein ideelles Band verbunden sind, verspräche der Generationenwechsel auch, ein sinnhafter Prozess zu sein, keine wirre Revolte und kein Durchmarsch anonymer Marktkräfte.

In den letzten Jahren war das Erfinden von „Generationen“ ein abwechslungsreiches Spiel mit Identitäten; beinahe jede Woche erscheint ein neues Generationenbuch. Das Staunen würde aber einen unerwarteten Höhepunkt erleben, wenn eines Tages ein echter Generationenkonflikt aufbräche. Möglich wäre das. Die Zukunftslosigkeit betraf schließlich nicht jene, die den Ausdruck no future erfanden. Erst heute ist vorstellbar, dass zwei, womöglich drei nachkommende Alterskohorten keine Spuren mehr in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft hinterlassen werden.

Sie werden zwar nicht verkommen, an Brot und Computerspielen wird kein Mangel sein – wohl aber an Zugangschancen. Früher eröffneten Wirtschaftsflauten die Gelegenheit zur Anpassung an neue Bedürfnislagen, dann studierte man Elektrotechnik statt Pädagogik oder Informatik statt Juristerei. Inzwischen schrumpfen alle Branchen, und Zukunft ist nicht länger die Sache eines besonders klugen oder flexiblen Verhaltens des Einzelnen.

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