Lehren muss sich wieder lohnen
Wer von Ranking spricht, meint in Wahrheit Kürzung. Die deutschen Hochschulen leiden unter der Evaluierungseuphorie
Die deutschen Steuerzahler haben ein Recht zu erfahren, was ihre Hochschulen leisten. Ob allerdings deren Leistungsbilanz durch die Evaluierungswelle, die jetzt auf sie zurollt, verbessert werden kann, ist höchst fraglich. Zurzeit sprechen zwar alle von Autonomie für die Hochschulen, doch diese kommt, wie sie angesichts deutscher Bürokratietradition wohl kommen musste: Deregulierung auf Deutsch verlangt einen Regulierungsschub.
Deshalb wird die Evaluierung in der Form, wie sie sich jetzt abzeichnet, die Hochschulen viel Geld und Zeit kosten. Der Gegenwert, der sich abzeichnet, ist nicht verlockend. Angesichts der Qualitäts- und Solidarpakte, oder wie die Stellenkürzungsprogramme der Länder sonst noch in blumiger Sprache verhüllt werden, kann Evaluierung nur darüber entscheiden, ob man mehr oder weniger abgeben muss. Abgeben müssen alle. Die finanzielle Lage ist nun einmal so. Wer in Deutschland Reform sagt, meint Kürzung. Das ist bei Hochschulreformen nicht anders. Wenn die Politik eine Hochschulreform ankündigt, schauen die Rektoren ebenso besorgt in ihre Kasse wie die Rentner, wenn von Rentenreform geredet wird.
In den Hochschulen ist damit ein Problem entstanden, für das es historisch kein Vorbild gibt. Seit die moderne Universität als Stätte forschenden Lernens entstanden ist, also seit rund zwei Jahrhunderten, traten neue Wissenschaftszweige stets zu den bisherigen hinzu. Das scheint vorbei zu sein. Die Gesellschaft kann oder will es sich nicht mehr leisten, alles Alte fortzuführen, wenn Neues auftaucht. Sie verlangt Entscheidungen. Neue Wissenszweige an den Hochschulen müssen aus dem Bestand oder sogar aus schrumpfendem Etat finanziert werden. Als Folge zeichnet sich ein Verdrängungswettbewerb zwischen Fächern und in ihnen ab. Jeder muss um Rückhalt bei denen werben, die an der Vergabe der begrenzten Mittel beteiligt sind – bei Politik, Öffentlichkeit und den Entscheidungsgremien der Hochschulen, die zunehmend von außen besetzt werden. Sie alle verlangen zu Recht von den Hochschulen Leistungsbilanzen in der Hoffnung, durch sie verlässliche Grundlagen für die Entscheidung zu erhalten, was ausgebaut werden soll und was man dafür kürzen oder auch einstellen will. Evaluierung kann also künftig über die Existenz von Fächern entscheiden. Das wird allerdings nicht offen ausgesprochen. Man redet lieber von Profilbildung. Gemeint ist jedoch die Aufgabe von Fächern, von denen man glaubt, es rentiere sich nicht, sie in der eigenen Hochschule fortzuführen. Andere sollen sich um sie kümmern. Aber warum sollten andere jene Fächer fortführen, die nach heutigen Bewertungskriterien wenig einbringen?
In Deutschland entwickelten sich die Universitäten, die das Hochschulsterben zu Beginn des 19.Jahrhunderts überlebten, zwar durchweg zu Forschungsstätten, doch untereinander gleichwertig waren sie nie. Wer in Städten wie Berlin oder München lehrte, galt in aller Regel mehr als der Provinzprofessor. Jeder wusste das. An den Einkünften merkte man es. An großen Universitäten wurde mehr verdient als an kleinen, denn man hatte mehr Hörer, die zahlten. Das zog die besten Köpfe an. Diese Form von Ranking gibt es nicht mehr. Da die deutschen Hochschulen ihre Lehre gebührenfrei anbieten müssen, können sie das Ansehen, das ihre Professoren durch Forschungsleistung erwerben, nicht in Einnahmen für ihre Lehre umsetzen. Das ist ganz anders in den USA, dem gelobten Land deutscher Hochschulreformer, die sich dort unentwegt einzelne Rosinen herauspicken, die im deutschen Teig nicht schmecken.
Nicht die Lehre, nur die Forschung bringt den deutschen Hochschulen die Zusatzeinnahmen, ohne die sie nicht existieren könnten, da die staatlichen Mittel längst nicht mehr ausreichen. Das Geld, das Universitäten in den USA mit ihrer Lehre erwirtschaften, müssen die deutschen Professoren durch eingeworbene Forschungsgelder, die so genannten Drittmittel, kompensieren. Die Schieflage im Ansehen zwischen Forschung und Lehre ist deshalb in Deutschland unausweichlich. Viele Hochschulpolitiker wollen das allerdings nicht einsehen. Sie denken sich lieber Anwesenheitspflicht für Professoren aus – wie jüngst im Mainzer Hochschulgesetz. Forschungsgelder, nach denen alle gieren, werden jedoch nicht als Sitzfleischprämie ausgelobt. Wer die Lehre aufwerten will, muss sie wieder des Geldes wert machen. Solange die Lehre nichts einbringt, zählt ihre Bewertung nicht viel, erst recht nicht in einer Hochschule, die wie ein Wirtschaftsunternehmen geführt werden soll.
Evaluierung der Hochschulen und in den Hochschulen muss sein. Die Gesellschaft fordert sie, und den Hochschulen kann sie nutzen. Dringend erforderlich ist jedoch eine offene Diskussion über die Leistungskriterien und die Instrumentarien, mit denen bewertet werden soll. Hier liegt es im Argen.
Durch Evaluierung lässt sich Geld verdienen. Deshalb die wachsende Zahl von Agenturen, die Studiengänge „kreditieren“ wollen. Die Hochschulen müssen sie aus ihren Etats bezahlen, können die Ergebnisse aber nicht in Einnahmen umsetzen, solange sie ihre Lehre kostenfrei anbieten müssen. Nie eingerechnet in die Evaluierungskosten wird die Arbeitszeit der Professoren, die andere evaluieren, falls sie nicht gerade selbst evaluiert werden.
Wenn der Evaluierungsmarkt nicht die Hochschulen strangulieren soll, muss die Evaluierungseuphorie gedämpft werden. Das wird wohl nur möglich sein, wenn man die Leistungen, die eingesetzt werden, auch bezahlt. Dann würden es sich die Wissenschaftsminister überlegen, ob sie bei der Besetzung einer Professur die Zahl der Bewerber, die von den externen Gutachtern zu bewerten sind, so in die Höhe treiben sollten, wie es seit einigen Jahren geschieht. Da diese Gutachten nichts kosten, ist es wohlfeil, den Zeitaufwand für sie auszuweiten. Auch das gehört zum Evaluierungsalltag an deutschen Hochschulen.
- Datum 31.07.2003 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 31.07.2003 Nr.32
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






