Berlin

Zum Schluss eines zwei Stunden langen Gesprächs über seine Stasi-Verstrickungen sagt Lothar Bisky diesen Satz, halb trotzig, halb beschwörend: "Das wirkliche Leben und das registrierte, das sind zwei unterschiedliche Dinge."

Seit drei Wochen ist Bisky wieder Vorsitzender der PDS. Er müht sich, seine sieche Partei zu retten. Jetzt aber muss er sich erst einmal mit der Vergangenheit beschäftigen und seine Glaubwürdigkeit verteidigen. In der Birthler-Behörde sind neue Dokumente über Bisky aufgetaucht: eine IM-Karteikarte und Vermerke über Berichte, die er geliefert hat. Nimmt man diese mit früher entdeckten Dokumenten zusammen, spricht alles dafür, dass Bisky Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) war, der Abteilung für Auslandsspionage des Ministeriums für Staatssicherheit.

Erste Vorwürfe gegen Bisky gab es schon 1995. Damals wurde die IM-Akte seiner Frau gefunden, in der ein "IM-Vorgang des Ehemannes" erwähnt ist. Damals dementierte Bisky: "Zu keinem Zeitpunkt war ich IM." Ende Juni hat die CIA die so genannten "Rosenholz-Daten" für die Forschung freigegeben – eine Kopie der HVA-Personenkartei, die der US-Geheimdienst nach der Wende erbeutete. Sie werden nun in der Birthler-Behörde gesichtet. In Kürze, ist zu vernehmen, werden Dokumente zu Bisky herausgegeben. Der ist nun vorsichtiger geworden. Ein klares Dementi gibt es von Bisky heute nicht mehr.

Das „registrierte Leben“ des Lothar Bisky ist das eines Inoffiziellen Mitarbeiters. In der HVA-Personenkartei gibt es ein Kärtchen, das Biskys Namen trägt, eine IM-Registriernummer, den Decknamen „Bienert“. 1966 wurde es angelegt. Da war Bisky 25 Jahre alt und gerade mit dem Studium der Kulturwissenschaften an der Leipziger Uni fertig geworden. Die HVA hatte offenbar bemerkt, dass aus dem Mann mal etwas werden könnte.

Was Bisky das "wirkliche Leben" nennt, spielte in einer Wohnung in der Erich-Ferl-Straße in Leipzig. Ein reges Kommen und Gehen habe geherrscht, erzählt er, die Türen hätten stets offen gestanden, man habe getrunken und gelacht, seine Ehefrau habe immer Brotwürfel in der Pfanne gebraten, und ein Schulfreund seiner Ehefrau sei häufig da gewesen, und der, ja, mit dem habe er sich auch unterhalten, und der sei wohl von der HVA gewesen. Bisky erzählt weitschweifig, relativierend. 1959 war er aus dem Westen in die DDR gekommen, weil er sie für das bessere Deutschland hielt. "Natürlich" habe ihn die Stasi verhört, habe ihn gefragt, ob er als Agent zurückgehen wolle in die BRD. "Ich hätte das gemacht", sagt er. Damals habe er geantwortet, wenn es "für den Frieden ist, für die Weltrevolution, da würde ich nicht abseits stehen". Später habe man ihn erneut gefragt, räumt Bisky ein, wieder habe er ja gesagt. "Aber es ist nie was daraus gefolgt."

In seinem "registrierten Leben" hat Bisky Berichte geliefert. Belege dafür finden sich in der Datenbank Sira. Dies ist eine Art elektronisches Posteingangsbuch der HV A, das 1998 entschlüsselt wurde. In Sira finden sich Einträge mit Biskys Registriernummer und dem Namen seines Führungsoffiziers bei der HVA, der im Sektor Wissenschaft und Technik (SWT) der Abteilung XV zugeordnet war. Die Berichte selbst sind nicht erhalten.

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