Spionage Die zwei Leben des Genossen B.Seite 2/2

Im „wirklichen Leben“, seit 1969, war Lothar Bisky Reisekader. Mittlerweile arbeitete er am Leipziger Institut für Jugendforschung, später wurde er einer der profiliertesten Medienwissenschaftler der DDR. Er schrieb Unesco-Studien, fuhr zu Konferenzen nach Jugoslawien, nach England, nach Belgien, in die USA. Bisky gibt zu, nach jeder Reise habe er Berichte geschrieben. Das war üblich. Nicht üblich war, dass man sie für die HVA schrieb. Bisky sagt: „Wem ich damals Durchschläge gegeben habe, das habe ich nicht mehr in Erinnerung.“ Nach allem, was man weiß, lieferte Bisky Sachberichte. Er gibt zu, seitens der HVA habe es „Interesse gegeben an meiner Einschätzung der Massenmedien in der kapitalistischen Welt“. Zum Beispiel habe es einmal die Anfrage gegeben, wie und von wem westliche Medien künftig geleitet würden. „Das ist eine wissenschaftliche Frage“, sagt Bisky, aber ihm sei klar gewesen, „das kann man auch anders gebrauchen. Ich war ja nie naiv.“ 1976 fand ein internationaler Kongress in Leipzig statt. Da sei er nach Einschätzungen der Referenten gefragt worden. Von der HVA? Von „vielen Leuten“.

Aus dem „registrierten Leben“ gibt es eine Beurteilung, die Oberstleutnant Körner von der Abteilung SWT der HVA am 8. August 1980 verfasst hat. Darin heißt es: „In der langjährigen erfolgreichen Zusammenarbeit mit dem Gen. B. erwies sich dieser als ein zuverlässiger und einsatzbereiter Genosse. An die Erfüllung ihm übertragener Aufgaben geht er verantwortungsbewußt, parteilich und mit politischer Klarheit heran.“

1979 zog Bisky nach Berlin, wurde Professor an der Parteiakademie für Gesellschaftswissenschaften. Im „registrierten Leben“ wurde er abgeschaltet, seine Personenakte unter der Nummer 8593 archiviert. Das Dokument ist nicht erhalten, weil die HVA im Wendewinter 1989/ 90 ihre Unterlagen zerstören durfte. Ein interessantes Detail lässt sich dennoch rekonstrieren: Bisky wurde „aus weiterbestehenden Interessen der HVA“ vor Anwerbeversuchen anderer Stasi-Dienststellen geschützt.

Später wurde Bisky Leiter der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg, machte sich einen Namen als Rektor, der seinen Studenten Freiräume erkämpfte. Die „Rosenholz-Daten“ deuten darauf hin, dass er zeitgleich von der HV A unter einem neuen Decknamen reaktiviert wurde. Damit konfrontiert, räumt Bisky ein, dass es nach 1986 „neue Kontakte“ zur HVA gab. Unter anderem sei es um „jemanden“ gegangen, den er „an der Hochschule anstellen“ sollte. Nachfragen dazu weist er ab.

Zum „wirklichen Leben“ des Lothar Bisky gehört, dass er an Verstrickungen immer nur zugibt, was sich nicht länger leugnen lässt. Er beharrt: „Über Personen habe ich keinerlei Negativauskünfte gegeben.“ Er habe „nicht über Kollegen berichtet“ und niemals „einem meiner Studenten geschadet“.

Für das Gegenteil gibt es keine Belege.

 
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