schulsysteme Testen, testen, testen

Mit Bildungsstandards und Schulvergleichen wird Englands Nachwuchs auf Leistung getrimmt. Ein Vorbild für Deutschland?

Fast beschämt schaut Haydn Evans um sich. „In Deutschland sehen die Schulen sicher viel besser aus“, sagt der Schulleiter der Sir John Cass Foundation School. Ausgetretene Teppichfliesen, leicht vergammelte Alu-Fensterrahmen, niedrige Decken mit unfreundlich weißem Neonlicht und in der Ecke eine traurig aussehende Hydrokulturpflanze. Doch davon abgesehen, ist dies der Ort einer Erfolgsgeschichte.

Sie ist umso bemerkenswerter, als die Schule im Londoner Stadtteil Stepney liegt, wo Drogen und Waffen in den Hauseingängen umgeschlagen werden. Die Schüler von Haydn Evans leben in verwahrlosten Hochhäusern, zwischen zugigen Betonspielplätzen und großen Einfallstraßen in die Stadt. Für knapp drei Viertel der Schüler ist Englisch eine Fremdsprache, und ebenso viele kommen aus so armen Elternhäusern, dass sie freie Schulmahlzeiten erhalten. Vor zehn Jahren war der Ranglistenplatz der Schule das Abbild dieses sozialen Milieus: Die John Cass School bildete in der landesweiten Bildungsliga das Schlusslicht. Heute hat sich das Bild gewandelt. Haydn Evans und seine 60 Lehrer haben aus der Schule eine der 50 besten des Landes gemacht.

Anzeige

In der Diskussion über die Notwendigkeit von Bildungsstandards und Schulevaluation dient Großbritannien vielen deutschen Bildungsexperten als Vorbild oder Horrorszenario. Ob Bildungsstandards oder Schulinspektionen, landesweite Leistungstests oder Schulvergleiche: Fast alles, was in Deutschland nach der Pisa-Pleite debattiert wird, ist auf der Insel längst Realität.

Im Alter von 7 und 11 Jahren werden englische Schulkinder in Lesen, Schreiben und Mathematik getestet, im Alter von 14 Jahren in Englisch und Mathematik. Die Testergebnisse dienen dazu, herauszufinden, wie viele der Schüler landesweit einheitliche Standards erreichen, und damit, wie gut die Lehrer ihren Lehrauftrag erfüllen. Alljährlich im Herbst werden die performance league tables veröffentlicht, in der jedermann nachlesen kann, welche Schule wie abschneidet. Die dicken Beilagen gehören zu den meistgelesenen Teilen in britischen Zeitungen. Gerade in und um London reagieren die Immobilienpreise wie Seismografen auf die Ergebnisse der Schultests. Gute Schulen sind Mangelware in der großen Stadt, und wo immer eine Schule den Satz nach oben getan hat, schauen ehrgeizige Eltern sich sogleich nach einem neuen Haus um.

Weinkrämpfe vor der Prüfung

Nach Meinung der Bildungspolitiker in der Labour-Regierung sprechen die Erfolge für sich. In den letzten fünf Jahren ist die Zahl der Zöglinge, die den Standard erreichen, von 32 auf 75 Prozent gestiegen. Bis zum Jahr 2006 sollen es 85 Prozent sein. Auch im internationalen Vergleich scheint sich das System zu bewähren. Nur schwedische und holländische Kinder können besser lesen als englische. Zu diesem Schluss kommt die internationale Grundschulstudie Pirls (in Deutschland Iglu), die kürzlich veröffentlicht wurde. Auch bei Pisa schnitten die Engländer recht passabel ab. Der Staatssekretär im Londoner Bildungsministerium Stephen Twigg sieht die Vorteile darin, dass Lehrer und Schulleiter sich für ihre Arbeit gegenüber der Öffentlichkeit zu verantworten haben. „Die Veröffentlichung der Rangliste ist die beste Art, Lehrern ins Bewusstsein zu rufen, welche Verantwortung sie mit der Erziehung der Schulkinder gegenüber der Gesellschaft tragen“, erklärt er. Die Messlatte: der veröffentlichte Schulerfolg. Labour hat damit die halbe Volte vollzogen, weg von den antiautoritären Bildungsmethoden der siebziger Jahre hin zu der Idee von Bildung als öffentlicher Dienstleistung, deren rigorose Qualitätssicherung vom Staat wahrgenommen werden muss.

Allerdings muss die Regierung sich mit heftiger Kritik herumschlagen. Der Hauptvorwurf lautet, das Tabellensystem ersticke den Lehrplan. Schüler lernten für den nächsten Ligatest, nicht fürs Leben. Rund 14 Wochen verbringen sie zwischen ihrer Einschulung und der Prüfung zur mittleren Reife mit diesen Tests. Und die guten Lesekenntnisse kommentiert der Kinderbuchautor Philip Pullman mit der bissigen Bemerkung, Schulkinder in England, Wales und Schottland würden „wie Roboter“ lesen, weil nicht mehr genug Zeit vorhanden sei, die Lernenden an den Inhalt heranzuführen. „Ganze Bücher werden sowieso nicht mehr gelesen“, beklagte Pullman kürzlich in einem viel beachteten Vortrag in Oxford, „stattdessen gibt es Leseübungen von der Fotokopie.“

Auch die Lehrer sparen nicht mit heftiger Kritik. Nick Grant von der Lehrergewerkschaft NUT argumentiert, dass die Tests, gerade bei jungen Kindern, die Kreativität unterdrückten und für „spielerisches Lernen miteinander“ keine Zeit mehr bleibe. Diese Verdrängung von Kooperation durch notenfixierten Wettbewerb im Klassenzimmer führe zu Enttäuschung und Langeweile.

Service