Im vergangenen Frühjahr strahlte die ägyptische Fernsehstation IQRAA, die mit saudischem Geld finanziert wird, eine für muslimische Frauen bestimmte Sendung aus. Die charmante Fernsehjournalistin Doua Amer fragte die dreijährige Basmallah: "Weißt du, wer die Juden sind?" – "Ja." – "Hast du sie gern?" – "Nein." – "Warum?" – "Weil sie Affen und Schweine sind. Und auch, weil sie die Frau unseres Propheten vergiften wollten."

Menschen einer ganzen Welt werden von solchen Lehren beeinflusst. Es gibt heute an die 1,2 Milliarden Muslime. Man spricht von internationalem Terror; aber versteht man auch, was dahinter steckt? Der internationale Terrorismus ist nicht ohne den radikalen Islamismus denkbar, und dieser Islamismus ist eine Ideologie. Selten wird gefragt, welche Ziele diese Ideologie verfolgt, woher sie kommt, wie sie in die Gegenwartsgeschichte einzuordnen ist. Die Weltgemeinschaft, und nicht nur die Amerikaner, reagiert auf diese Herausforderung mit polizeilichen und militärischen Aktionen: die Terroristen finden, ihre Organisationen zerschlagen, ihre finanziellen Quellen beschlagnahmen, ihre Führer gefangen nehmen oder töten. Reicht das als Antwort?

Viel ist von Fundamentalismus die Rede. Gläubige, die ihre heiligen Schriften streng wörtlich nehmen und ihre Lehren für die allein selig machenden halten, gibt es in vielen Religionen. Radikaler Islamismus ist auch fundamentalistisch, doch geht er weit über den Fundamentalismus heraus. Es gab im Islam eine ganze Reihe von fundamentalistischen Sekten und Strömungen, so die des Abdul Wahab, dessen Lehren im 19. und 20. Jahrhundert vom Königshaus Saud in Arabien verbreitet wurden. Offiziell werden sie bis heute in Saudi-Arabien befolgt, obwohl zwischen dem Puritanismus eines Abdul Wahab und den etwas weniger puritanischen Gepflogenheiten des saudischen Königshauses Welten liegen.

Der radikale Islamismus aber ist etwas ganz anderes. Ihn schuf Hassan al-Banna in Ägypten, der 1928 die Muslim-Bruderschaft gründete. Die Bewegung verbreitete sich hauptsächlich durch ihre soziale Arbeit. So richtete sie in Dörfern und Städten Kliniken ein und sprang überall dort in die Bresche, wo der Staat auf dem Feld der Sozialfürsorge nichts zuwege brachte. Die Kehrseite ist, dass in solchen sozialen Einrichtungen und in islamistischen Schulen bei der Auslegung des muslimischen Gesetzes strengste Frömmigkeit herrscht. Der maßgebliche Ideologe dieser Bewegung war Sajjid Qutb, ein ägyptischer Beamter, der in New York gelebt hatte und dort zu der Überzeugung gekommen war, dass der Westen dekadent sei. Der Islam werde an seine Stelle treten und eines Tages die Welt beherrschen.

In seinen Schriften vom Anfang der fünfziger Jahre greift Qutb auch die Juden an. Er betrachtet sie als die Avantgarde des Westens und als Feinde des Islams. So wenig wie Hitler in Mein Kampf spricht Qutb deutlich aus, was mit ihnen zu geschehen habe. Aber die Schlussfolgerung ist klar – es gelte, die Juden zu vernichten, wo es eben geht. Der Staat Israel müsse verschwinden. Qutb wandte sich gegen den arabischen Nationalismus, also auch gegen den damaligen ägyptischen Diktator Gamal Abdel Nasser. Denn Qutb strebte keinen nationalistischen, sondern einen islamischen Staat an, der den Weg zur islamischen Weltherrschaft ebnen sollte. Nasser sah in der Muslimbruderschaft, der er ursprünglich selbst angehört hatte, einen Todfeind: Qutb wurde 1966 hingerichtet. Der radikale Islamismus ist also ägyptischer Herkunft, und fast alle seine auf Qutb folgenden ideologischen Köpfe waren Ägypter – so auch Ajman al-Sawahiri, der Stellvertreter bin Ladens. Die einzige wichtige Ausnahme war Abdul ’Ala al-Maududi, ein 1979 verstorbener Pakistaner.

Der radikale Islamismus ist selbstverständlich nicht identisch mit dem Islam. Wie weit er sich in der islamischen Welt verbreitet hat, ist allerdings unmöglich festzustellen, denn Meinungsumfragen sind in Ländern wie Pakistan, Malaysia, Indonesien oder Saudi-Arabien undenkbar. Man kann immerhin sagen, dass es auch antiradikale Strömungen im Islam gibt, so die friedliebende, sehr weit verbreitete Sufi-Philosophie; dazu kommen liberale Tendenzen in einigen islamischen Ländern und in der muslimischen Diaspora im Westen.

Was will der radikale Islamismus? Erstens nichts weniger als die Weltherrschaft. Das sagt er klipp und klar, schwarz auf weiß. Der Islam soll überall durchgesetzt werden, wenn möglich durch friedliche Überzeugung, wenn nicht, dann eben auf andere Art. Zweitens fordert der Islamismus die Abschaffung des Staates und seiner gesetzlichen Normen. Gott ist für ihn der alleinige Gesetzgeber, zusätzliche menschliche Gesetzgebung hält er nicht nur für überflüssig, sondern sogar für lästerlich. Ein islamistischer staatlicher Apparat ist deshalb nur als eine rein technische Einrichtung vorstellbar, die von Priestern beherrscht wird. Für das nationale Moment von Staatlichkeit ist in der Glaubensgemeinschaft der Muslime nach islamistischer Lesart kein Platz. Parlamente und Demokratie seien das Produkt irregeleiteter Ideen von Ungläubigen. Die schiitische Revolution des Ajatollah Chomeini im Iran sah diesen Punkt freilich etwas anders; dort war man von Anfang an bereit, den Bürgern zumindest ein minimales Rederecht zuzugestehen, natürlich unter strikter religiöser Aufsicht.