Essay Der dritte Totalitarismus

Radikale Islamisten kämpfen um die Weltherrschaft. Das haben sie mit Hitler und Stalin gemein

Im vergangenen Frühjahr strahlte die ägyptische Fernsehstation IQRAA, die mit saudischem Geld finanziert wird, eine für muslimische Frauen bestimmte Sendung aus. Die charmante Fernsehjournalistin Doua Amer fragte die dreijährige Basmallah: „Weißt du, wer die Juden sind?“ – „Ja.“ – „Hast du sie gern?“ – „Nein.“ – „Warum?“ – „Weil sie Affen und Schweine sind. Und auch, weil sie die Frau unseres Propheten vergiften wollten.“

Menschen einer ganzen Welt werden von solchen Lehren beeinflusst. Es gibt heute an die 1,2 Milliarden Muslime. Man spricht von internationalem Terror; aber versteht man auch, was dahinter steckt? Der internationale Terrorismus ist nicht ohne den radikalen Islamismus denkbar, und dieser Islamismus ist eine Ideologie. Selten wird gefragt, welche Ziele diese Ideologie verfolgt, woher sie kommt, wie sie in die Gegenwartsgeschichte einzuordnen ist. Die Weltgemeinschaft, und nicht nur die Amerikaner, reagiert auf diese Herausforderung mit polizeilichen und militärischen Aktionen: die Terroristen finden, ihre Organisationen zerschlagen, ihre finanziellen Quellen beschlagnahmen, ihre Führer gefangen nehmen oder töten. Reicht das als Antwort?

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Viel ist von Fundamentalismus die Rede. Gläubige, die ihre heiligen Schriften streng wörtlich nehmen und ihre Lehren für die allein selig machenden halten, gibt es in vielen Religionen. Radikaler Islamismus ist auch fundamentalistisch, doch geht er weit über den Fundamentalismus heraus. Es gab im Islam eine ganze Reihe von fundamentalistischen Sekten und Strömungen, so die des Abdul Wahab, dessen Lehren im 19. und 20. Jahrhundert vom Königshaus Saud in Arabien verbreitet wurden. Offiziell werden sie bis heute in Saudi-Arabien befolgt, obwohl zwischen dem Puritanismus eines Abdul Wahab und den etwas weniger puritanischen Gepflogenheiten des saudischen Königshauses Welten liegen.

Der radikale Islamismus aber ist etwas ganz anderes. Ihn schuf Hassan al-Banna in Ägypten, der 1928 die Muslim-Bruderschaft gründete. Die Bewegung verbreitete sich hauptsächlich durch ihre soziale Arbeit. So richtete sie in Dörfern und Städten Kliniken ein und sprang überall dort in die Bresche, wo der Staat auf dem Feld der Sozialfürsorge nichts zuwege brachte. Die Kehrseite ist, dass in solchen sozialen Einrichtungen und in islamistischen Schulen bei der Auslegung des muslimischen Gesetzes strengste Frömmigkeit herrscht. Der maßgebliche Ideologe dieser Bewegung war Sajjid Qutb, ein ägyptischer Beamter, der in New York gelebt hatte und dort zu der Überzeugung gekommen war, dass der Westen dekadent sei. Der Islam werde an seine Stelle treten und eines Tages die Welt beherrschen.

In seinen Schriften vom Anfang der fünfziger Jahre greift Qutb auch die Juden an. Er betrachtet sie als die Avantgarde des Westens und als Feinde des Islams. So wenig wie Hitler in Mein Kampf spricht Qutb deutlich aus, was mit ihnen zu geschehen habe. Aber die Schlussfolgerung ist klar – es gelte, die Juden zu vernichten, wo es eben geht. Der Staat Israel müsse verschwinden. Qutb wandte sich gegen den arabischen Nationalismus, also auch gegen den damaligen ägyptischen Diktator Gamal Abdel Nasser. Denn Qutb strebte keinen nationalistischen, sondern einen islamischen Staat an, der den Weg zur islamischen Weltherrschaft ebnen sollte. Nasser sah in der Muslimbruderschaft, der er ursprünglich selbst angehört hatte, einen Todfeind: Qutb wurde 1966 hingerichtet. Der radikale Islamismus ist also ägyptischer Herkunft, und fast alle seine auf Qutb folgenden ideologischen Köpfe waren Ägypter – so auch Ajman al-Sawahiri, der Stellvertreter bin Ladens. Die einzige wichtige Ausnahme war Abdul ’Ala al-Maududi, ein 1979 verstorbener Pakistaner.

Der radikale Islamismus ist selbstverständlich nicht identisch mit dem Islam. Wie weit er sich in der islamischen Welt verbreitet hat, ist allerdings unmöglich festzustellen, denn Meinungsumfragen sind in Ländern wie Pakistan, Malaysia, Indonesien oder Saudi-Arabien undenkbar. Man kann immerhin sagen, dass es auch antiradikale Strömungen im Islam gibt, so die friedliebende, sehr weit verbreitete Sufi-Philosophie; dazu kommen liberale Tendenzen in einigen islamischen Ländern und in der muslimischen Diaspora im Westen.

Was will der radikale Islamismus? Erstens nichts weniger als die Weltherrschaft. Das sagt er klipp und klar, schwarz auf weiß. Der Islam soll überall durchgesetzt werden, wenn möglich durch friedliche Überzeugung, wenn nicht, dann eben auf andere Art. Zweitens fordert der Islamismus die Abschaffung des Staates und seiner gesetzlichen Normen. Gott ist für ihn der alleinige Gesetzgeber, zusätzliche menschliche Gesetzgebung hält er nicht nur für überflüssig, sondern sogar für lästerlich. Ein islamistischer staatlicher Apparat ist deshalb nur als eine rein technische Einrichtung vorstellbar, die von Priestern beherrscht wird. Für das nationale Moment von Staatlichkeit ist in der Glaubensgemeinschaft der Muslime nach islamistischer Lesart kein Platz. Parlamente und Demokratie seien das Produkt irregeleiteter Ideen von Ungläubigen. Die schiitische Revolution des Ajatollah Chomeini im Iran sah diesen Punkt freilich etwas anders; dort war man von Anfang an bereit, den Bürgern zumindest ein minimales Rederecht zuzugestehen, natürlich unter strikter religiöser Aufsicht.

Drittens will der radikale Islamismus die Vernichtung der Juden und an erster Stelle Israels. Dies soll das Vorspiel zum Sieg über den Westen insgesamt und über Amerika im Besonderen sein. Der islamistische Antisemitismus hat seine Wurzeln zum Teil in der Judenfeindlichkeit, die während des Kampfes der jüdischen Stämme in Arabien gegen den aufkommenden Islam des 7. Jahrhunderts entstand. Sie fand, neben freundlicheren Einschätzungen der Juden, ihren Niederschlag im Koran. Hinzu kommt der Einfluss des modernen europäischen Antisemitismus und besonders seiner nationalsozialistischen Prägung. Er verbreitete sich vor dem Hintergrund wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Probleme der islamischen Welt. Die antisemitische islamische Propaganda, und häufig auch die arabisch-nationalistische, bedient sich historischer Fälschungen, so der „Protokolle der Weisen von Zion“, der Ritualmordbeschuldigung, und auch christlicher theologischer Motive wie der Mär von den Juden als Christusmördern. Das Resultat ist ein genozidaler Diskurs. Wir müssten eigentlich aus der Geschichte gelernt haben, dass es Fanatiker mit ihrer Ideologie blutig ernst meinen.

Der radikale Islamismus verbreitet die Utopie einer friedlichen, von Gott mittels der Herrschaft von „Weisen“ regierten Welt. Weil in dieser Sicht nach dem Sieg über die Ungläubigen die menschliche Geschichte abgeschlossen sei, kann man von einer universellen, apokalyptischen Utopie sprechen. Wir müssen uns keine Illusionen darüber machen, dass jede radikale, universelle, apokalyptische Utopie absolut mörderisch ist.

In den letzten 100 Jahren entstanden drei radikale Ideologien, die die Welt von Grund auf verändern wollten: der Bolschewismus, der Nationalsozialismus und der radikale Islamismus. Es gibt große Unterschiede zwischen ihnen, aber auch ein Reihe von Parallelen. Alle drei galten oder gelten ihren Anhängern als quasireligiöse oder religiöse Offenbarungen. Alle drei strebten oder streben nach der Weltherrschaft. Alle drei waren oder sind radikale Utopien, die das Ende der geschichtlichen Welt versprechen oder versprachen: sei es die klassenlose Gesellschaft, sei es das „Tausendjährige Reich“. Alle drei wollten oder wollen die Abschaffung von Staat und Recht; im Sowjetkommunismus gab es zwar, auf dem Papier, eine wunderbare Verfassung, doch in der Praxis regierte die Partei und in der Zeit des Stalinismus der oberste Genosse, dessen Wort Gesetz war. Im Nationalsozialismus wurde die durch Normen begrenzte preußisch-deutsche Staatsbürokratie zunehmend von dem Willen des Führers ersetzt, in dessen Person die Partei und dadurch wiederum die Volksgemeinschaft verkörpert war. Weltherrschaft, radikale Utopie, Zerstörung von Staat und Recht, absoluter Glaube sind die gemeinsamen Komponenten der Totalitarismen – und schließlich der Massenmord, der im radikalen Islamismus bisher nur angestrebt ist, in den anderen Fällen aber verwirklicht wurde.

Zwei Unterschiede zwischen den totalitären Ideologien sind indes besonders hervorzuheben. Revolutionäre Bewegungen, die eine Religion statt einer anderen oder eine Klasse an Stelle der bisher regierenden an die Macht bringen wollten, gab es in der Geschichte oft. Da sind Islamisten und Kommunisten nicht anders als die Christen in den Konfessionskriegen der Reformationszeit oder die französischen Revolutionäre von 1789. Aber eine auf einer Rassenhierarchie aufgebaute Weltutopie hat es bis zu den Nationalsozialisten nicht gegeben. Man könnte also behaupten, dass der Nazismus die einzige wirklich radikale Revolutionsbewegung war, auch wenn die anderen beiden nicht weniger gefährlich waren oder es noch sind.

Der zweite Unterschied: Anders als Nationalsozialismus und Kommunismus ist der radikale Islamismus keine zentral organisierte Bewegung. Er ist nicht mit einem bestimmten Land verbunden, und mit Ausnahme von bin Laden hat er auch keine charismatische Führerpersönlichkeit hervorgebracht. Er operiert in einer Vielzahl von Gruppen, die miteinander eng kooperieren, auf ideologischer Basis.

Alle drei Ideologien wandten sich gegen die Juden, die sie als exemplarische Vertreter und Symbole einer feindlichen, liberalen, individualistischen, in sich widersprüchlichen Welt betrachten. Während das NS-Regime das Projekt eines weltweiten Genozids an allen von ihm als Juden definierten Menschen hervorbrachte, entschloss sich Stalin kurz vor seinem Lebensende zu einer Massendeportation aller sowjetischen Juden in die Eiswüsten Sibiriens, wo sie in Massen umgekommen wären. Beide totalitäre Regime sahen die Juden als Avantgarde der Moderne und als die geheimen, eigentlichen Herrscher der westlichen Welt an. Diese Wahnvorstellung pflegen auch die radikalen Islamisten.

Gewiss heizt der Nahostkonflikt den radikalen Islamismus und seinen Judenhass an. Allerdings wurde die genozidal antisemitische Linie des Islamismus durch seinen Vordenker Qutb bereits 1950 festgelegt, zwei Jahre nach der Gründung Israels und 17 Jahre vor der Eroberung und Besetzung des Westjordanlandes. Wer glaubt, dass ein israelisch-palästinensischer Kompromiss den radikalen Islamismus zufrieden stellen würde, der irrt. Die Ideologie verlangt die Vernichtung nicht nur Israels, sondern der Juden insgesamt. Immerhin würde ein Kompromiss den radikalen Islamismus sehr wahrscheinlich schwächen; doch bleibt fraglich, ob die Eliten beider Seiten im Nahostkonflikt zu einem Kompromiss imstande sind.

Der radikale Islamismus hat offenbar mehrere Ursachen. Die muslimische Welt ist ins Hintertreffen geraten, nicht nur im Vergleich mit Europa und Amerika, sondern auch mit Japan, Indien, Korea und jetzt sogar China. Das scheint mit einem Mangel an Individualismus zusammenzuhängen: Es fehlt der Mittelstand, der eine demokratische Entwicklung vorantreiben könnte. Ansätze in dieser Richtung, die sich im frühen 20. Jahrhundert entwickelten, wurden zum einen durch die westlichen Kolonialmächte zunichte gemacht, die sich lokaler Autokraten bedienten. Zum anderen sträubten sich konservative Geistliche, von denselben Autokraten unterstützt, gegen jede Reform, die den Islam an die Moderne angepasst hätte. Dadurch unterschied sich der Weg des Islams von dem des Christentums und des Buddhismus. Die Verarmung in der islamischen Welt trug ihren Teil zur Karriere des Islamismus bei, die Ideologen der Bewegung indes stammen größtenteils aus den besseren Kreisen – es sind Söhne von Millionären und hohen Beamten darunter, Absolventen religiöser Akademien und Ärzte. Auch bei den Nazis war die (Pseudo-)Intelligenz führend, genauso im Kommunismus. Die verarmten und verbitterten Menschen, die das Fußvolk abgeben, laufen den reichen und wohlausgebildeten Revolutionären hinterher.

Dagegen müsste eine groß angelegte Kampagne geführt werden, doch das ist nur möglich, wenn sich Muslime selbst daran beteiligen. Man kann eine Ideologie nicht allein polizeilich oder militärisch bekämpfen. Die Schlacht findet nicht zuletzt in den Köpfen statt. Sogar im Kampf gegen das nationalsozialistische Regime mussten die Westmächte erst ihre eigene Bevölkerung von der Notwendigkeit der Auseinandersetzung überzeugen. Der menschenfeindlichen Interpretation des Islams durch die Islamisten muss eine friedliche und fortschrittliche entgegengestellt werden. Ebenso nötig wäre ein wirtschaftlicher Aufbauplan für islamische Länder – am besten verantwortet von den Vereinten Nationen. Dazu eine antiradikale politische Allianz, in der nicht nur Regierungen, sondern auch NGOs mitarbeiten sollten. Ein naiver Pazifismus eignet sich zur Durchsetzung eines solchen Entwicklungsprogramms nicht. Es muss klar sein: Wo Beweise vorliegen, ist die Anwendung militärischer Gewalt gegen Terroristen unausweichlich.

Der erste Schritt im Kampf gegen den radikalen Islamismus ist aber die Erkenntnis, dass die zivilisierte Welt in großer Gefahr schwebt – Globalisierungsfreunde wie Globalisierungsgegner, Linke wie Rechte, Sozialdemokraten, Liberale und Konservative sollten sich darin einig sein. Besonders in Europa wiederholt sich derzeit eine Entwicklung, die aus den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts bekannt ist. Wohlmeinende Liberale, Konservative und Sozialisten glaubten damals, dass Hitler nur das Unrecht von Versailles tilgen wolle und Stalin die friedliebende Sowjetunion zur Demokratie führen werde. Letzteres wurde uns auch in den fünfziger und sechziger Jahren immer wieder von liberalen Menschenfreunden gepredigt. Heute wird das Verständnis für die Motive der Terroristen damit begründet, dass man es sich nicht mit dem Islam verderben dürfe. Diese Naivität müssen wir zurückweisen, wenn wir gegen die Bedrohung durch den radikalen Islamismus gewappnet sein wollen.

Siehe auch Zeitläufte Seite 70

 
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