Essay Der dritte TotalitarismusSeite 3/3
Der radikale Islamismus hat offenbar mehrere Ursachen. Die muslimische Welt ist ins Hintertreffen geraten, nicht nur im Vergleich mit Europa und Amerika, sondern auch mit Japan, Indien, Korea und jetzt sogar China. Das scheint mit einem Mangel an Individualismus zusammenzuhängen: Es fehlt der Mittelstand, der eine demokratische Entwicklung vorantreiben könnte. Ansätze in dieser Richtung, die sich im frühen 20. Jahrhundert entwickelten, wurden zum einen durch die westlichen Kolonialmächte zunichte gemacht, die sich lokaler Autokraten bedienten. Zum anderen sträubten sich konservative Geistliche, von denselben Autokraten unterstützt, gegen jede Reform, die den Islam an die Moderne angepasst hätte. Dadurch unterschied sich der Weg des Islams von dem des Christentums und des Buddhismus. Die Verarmung in der islamischen Welt trug ihren Teil zur Karriere des Islamismus bei, die Ideologen der Bewegung indes stammen größtenteils aus den besseren Kreisen – es sind Söhne von Millionären und hohen Beamten darunter, Absolventen religiöser Akademien und Ärzte. Auch bei den Nazis war die (Pseudo-)Intelligenz führend, genauso im Kommunismus. Die verarmten und verbitterten Menschen, die das Fußvolk abgeben, laufen den reichen und wohlausgebildeten Revolutionären hinterher.
Dagegen müsste eine groß angelegte Kampagne geführt werden, doch das ist nur möglich, wenn sich Muslime selbst daran beteiligen. Man kann eine Ideologie nicht allein polizeilich oder militärisch bekämpfen. Die Schlacht findet nicht zuletzt in den Köpfen statt. Sogar im Kampf gegen das nationalsozialistische Regime mussten die Westmächte erst ihre eigene Bevölkerung von der Notwendigkeit der Auseinandersetzung überzeugen. Der menschenfeindlichen Interpretation des Islams durch die Islamisten muss eine friedliche und fortschrittliche entgegengestellt werden. Ebenso nötig wäre ein wirtschaftlicher Aufbauplan für islamische Länder – am besten verantwortet von den Vereinten Nationen. Dazu eine antiradikale politische Allianz, in der nicht nur Regierungen, sondern auch NGOs mitarbeiten sollten. Ein naiver Pazifismus eignet sich zur Durchsetzung eines solchen Entwicklungsprogramms nicht. Es muss klar sein: Wo Beweise vorliegen, ist die Anwendung militärischer Gewalt gegen Terroristen unausweichlich.
Der erste Schritt im Kampf gegen den radikalen Islamismus ist aber die Erkenntnis, dass die zivilisierte Welt in großer Gefahr schwebt – Globalisierungsfreunde wie Globalisierungsgegner, Linke wie Rechte, Sozialdemokraten, Liberale und Konservative sollten sich darin einig sein. Besonders in Europa wiederholt sich derzeit eine Entwicklung, die aus den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts bekannt ist. Wohlmeinende Liberale, Konservative und Sozialisten glaubten damals, dass Hitler nur das Unrecht von Versailles tilgen wolle und Stalin die friedliebende Sowjetunion zur Demokratie führen werde. Letzteres wurde uns auch in den fünfziger und sechziger Jahren immer wieder von liberalen Menschenfreunden gepredigt. Heute wird das Verständnis für die Motive der Terroristen damit begründet, dass man es sich nicht mit dem Islam verderben dürfe. Diese Naivität müssen wir zurückweisen, wenn wir gegen die Bedrohung durch den radikalen Islamismus gewappnet sein wollen.
Siehe auch Zeitläufte Seite 70
- Datum 31.07.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 31.07.2003 Nr.32
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