Pop von Fink Wanderer durch Reim und Rhythmus

Raus aus dem Hamsterrad des Pop: Die Hamburger Band Fink erfindet die Country-Musik neu.

Auf der Suche nach den Assoziationsketten: Nils Koppruch (l.) und Andreas Voß

Foto: Anja Lubitz/trocadero records

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Diese Helden suchen Linderung. Einer taucht das Gesicht in eine Schale Wasser, ein anderer steckt seinen Kopf in eine abenteuerlich anmutende Kühlmaschinerie. Die Zeichnungen auf dem neuen Album der Band Fink stammen aus einem medizinischen Lehrbuch vom Ende des 19. Jahrhunderts, das Sänger Nils Koppruch auf dem Dachboden seiner Großeltern fand. Haiku-Ambulanz haben die sechs Hamburger ihre inzwischen fünfte CD getauft: Auf dem Rummelplatz der Bilder und Assoziationen darf wieder gerätselt werden.

Fink kennen das schon: Vier Alben, viele lästige Fragen – Country auf Deutsch, geht das denn? Unversehens ist der Band dabei die Leithammelrolle einer neuen Folklorebewegung zugefallen, die sich – vor ein paar Jahren noch undenkbar – quer durch die Republik formiert. Ensembles wie Cow (München), Erdmöbel (Köln) und Missouri (Hamburg) machen schon seit Jahren Musik, ihre Country-Schmonzetten, Walzerstücke, all die schnarrenden Lieder zur Westerngitarre sind wurzelverliebte Gegentöne zum allzu himmelblauen Hauptstadtgetöse, das von der Band Wir sind Helden angeführt wird – nach dem Motto: Rezession, Baby, aber mit frechem Mädchengesang!

„Man könnte drüber lachen, aber ich muss da jetzt gleich raus“, singt Koppruch nur, konkreter werden seine textlichen Hinweise auf Pop als bloßen Unterhaltungsbetrieb nie. Es gibt bei Fink einen ausgesprochenen Ekel vor dem Wettlauf im Hamsterrad. „Durch den massiven Sieg des Kapitalismus“, sagt Fink-Bassist Andreas Voß, „wird das plötzlich so altmodisch, sich mit künstlerischen Prozessen zu beschäftigen. Es geht um Aktienkurse, Geldverdienen, Gleichschaltung. Dinge, die’s seit Adenauer gibt. Aber heute ist das ökonomisch und kulturell so dominant, dass der Wunsch nach dem anderen Leben leicht verloren geht.“

Die Band Fink suchte sich ihre Geschäftspartner im anderen Leben gewissenhaft aus: Die ersten beiden Alben erschienen auf iXiXeS Records, einer Art Hamburger Reformhaus für ökologisch einwandfreie Country-Produkte, die folgenden CDs übernahm L’Age D’Or, ein des Truckerschlagers generell unverdächtiger Verein. Und jetzt Trocadero – das Label aus dem rheinischen Ratingen bedient seit Jahren die deutsche Americana-Fanbase mit gehobenem Singer-Songwritertum. Nach ihren Auftritten im Rahmen der Tribute-Shows zum 50. Todestag von Hank Williams und der mit Schauspieler Peter Lohmeyer schnell herausgejagten Protestnote zum Irak-Krieg (Bagdad Blues) spielen Fink heute wieder sich selbst: knorrige Musikanten, deren Songs traditionell nah am Wasser gebaut sind.

Einer der seltsamsten Beiträge auf dem neuen Album heißt Sonne nicht gesehen. Koppruch lässt darauf einen Regen niederprasseln, für den das angloamerikanische it’s raining cats and dogs eine mickrige Beschreibung ist. Es regnet regelmäßig in Koppruchs Songs, und einmal weinte der Songwriter in Übertragung einer schon viel zu klassischen Popzeile sogar einen ganzen Fluss. Koppruchs Lieder sind Liebeslieder, Nachbarschaftslieder und vertonte Stillleben – ein paar von ihnen kann man sich als Marschverpflegung beim Volkswandertag vorstellen. Ernsthafte Anwärter auf die Liederbücher zukünftiger Jugendlandschulheimklassen, die klampfend im Schatten deutscher Burgruinen chillen, wurden auch schon ausgemacht. Engstirnige Traditionalisten sind Fink trotzdem nicht.

Haiku-Ambulanz ist das erste Album, das die Band komplett per Rechner aufgezeichnet und bearbeitet hat. Die Songs werden jetzt von Drum-Loops und Reggae-Bassläufen angeschoben. Für die Schnippelarbeit mussten erst mal Handbücher gewälzt werden. „Das war wie mit der Pedal-Steel-Gitarre am Anfang“, sagt Andreas Voß. „Keiner wusste, wie’s geht. Wir spielen mit den Instrumenten, und die Instrumente spielen mit uns. Als Les Paul sich die ersten Gitarren ausgedacht hat, spannte er einfach Klaviersaiten, die er in der Scheune gefunden hatte, über Bahngleise. Er wollte wissen, was für Töne er damit erzeugen konnte.“

Nils Koppruch, Jahrgang 1965, hat spät mit der Musik angefangen – als Zivi in einem linken Kinderladen in Hamburg. Er macht das Abi auf dem zweiten Bildungsweg und entdeckt sich selbst „als Schulkind, das plötzlich unheimlich viel Zeit hat“. Da war er schon 24. Es folgen Schulband, Punkband und die von Johnny Cash beschleunigte Entdeckung, „dass Country-Musik nicht gleich Roger Whittaker ist“. Heute pflücken Fink Country & Folk wie selbstverständlich von der Apfelwiese, „und morgen, Kinder“, singt Koppruch in seinem aktuellen Superschlager, „essen wir Kompott“. Es müssen keine fertigen Geschichten erzählt werden, weil Geschichtenerzählen etwas für die ist, die ein Anfang und ein Ende suchen. Fink ziehen los, Ziel unbekannt: Das Plingen der Wandergitarren begleitet rhythmisierte Assoziationsketten, aus denen herrliche Sehnsuchtsmelodien aufsteigen.

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