DIE ZEIT-Schülerbibliothek (38) Der verzauberte Tod

Der junge Chef der schönsten Buchhandlung einer deutschen Universitätsstadt gestand bei der Vorstellung einer Thomas-Mann-Biografie, dass er mit diesem Autor „so gar nichts anfangen konnte“ – bis er den alten Visconti-Film gesehen und sich, von dem Meisterwerk hingerissen, dazu durchgerungen habe, die Erzählung zu lesen: ein zweites Mal überwältigt.

Die venezianische Novelle sichert, fast ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod und gut neunzig Jahre nach ihrem Erscheinen, noch immer den Weltruhm des Hanseaten – mehr als jedes andere seiner Bücher. Aber es braucht geduldige Neugier, um ins Geflecht der Geschichte vorzudringen. Immerhin ist schon im zweiten (langen) Satz ein Cicero-Zitat über das Wesen der Beredsamkeit zu bewältigen; später im Text sind es Sokratische Fantasien, und am Ende setzt der Erzähler mit humanistischem Hochmut voraus, dass man weiß, was unter einem „bleichen und lieblichen Psychagoge“ zu verstehen sei. So hieß, um dieses Fragezeichen zu löschen, der hübsche Diener des Hades, des griechischen Todesgottes, der dem sterbenden Gustav von Aschenbach in der Stunde seines Hinschieds zuzulächeln schien.

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Das kleine Werk, ganz von der bürgerlichen Bildungswelt geprägt, ist rasch nachzuerzählen: Aschenbach, ein gefeierter Schriftsteller an der Schwelle des Alters, sieht sich durch eine krisenhafte Verwirrung unbestimmter Art im Fortgang seiner Arbeit aufgehalten, und er beschließt – angeregt durch die Begegnung mit einem seltsamen Mann von rothaarigem Typus am Münchner Nord-Friedhof –, nach Süden zu reisen, um in der erfrischenden Ablenkung seinen Frieden wiederzufinden. Der Urlaub auf einer dalmatinischen Insel indes erweist sich als unzuträglich. Also schifft er sich nach Venedig ein, an Bord von einem grell geschminkten (homosexuellen) Narren verstört. Auch der finstere Gondoliere, der ihn auf seinem schwarzen Kahn mit dem „sargschwarzen“ Armstuhl zum Lido hinüberrudert, gehört zur Rasse der Rothaarigen, nicht anders als der „bösartige Bänkelsänger“, der ihn hernach bis ins Hotel verfolgt: Boten des Unheils, allesamt.

Aschenbach, dem Thomas Mann die Züge des kurz zuvor verstorbenen Komponisten Gustav Mahler gab, beobachtet in der Halle, im Speisesaal und am Strand des Grand Hotels den anmutigen Sohn einer polnischen Aristokratenfamilie, den schönen Tadzio, der ihn mit seinem Charme bezaubert. Die beiden wechseln kein Wort. Aber die Sprachlosigkeit der fremden Partner betont nur die schmerzlich-zarte Gewalt der Passion, die den alternden Schriftsteller überkommt. Indessen mehren sich die Zeichen, dass eine geheimnisvolle Gefahr durch Venedig schleicht. Abreisen sind unübersehbar. Der Bedienstete eines englischen Reisebüros gesteht dem Gast, dass die Stadt von einer Cholera-Epidemie bedroht ist. Aschenbachs Versuch, sich davonzumachen, scheitert an der Tücke der Umstände. Er fühlt sich elend, dennoch hastet er durch die Gassen, dem Knaben hinterher. Er harrt aus – bis zum stummen Abschied von Tadzio, dessen Familie endlich aufbricht: Es ist der Tag, an dem Aschenbach stirbt.

Ein Liebestod, der Musik Richard Wagners näher als der Gustav Mahlers. Thomas Mann hat das gefährliche Spiel mit der verbotenen Lust seiner Knabenliebe – in jener Epoche gnadenloser verpönt als heutzutage, da man sich nur an der Minderjährigkeit stieße – durch den Aufwand an antiker Symbolik in die Sphären der „Vergeistigung“ zu entrücken versucht. Sein Publikum verstand die homoerotische Leidenschaft denn auch als ein Gleichnis der Liebe schlechthin (was sie in gewisser Hinsicht ist). In Wirklichkeit spiegelte sie das geheimste Verlangen des Autors. Thomas Mann, sagte ein Kenner, habe in dieser Erzählung sein privatestes Problem sichtbar gemacht und es zugleich „mit der Wahrheit verhüllt“. Das kunstvolle Spiel zwischen Selbstoffenbarung und verschleiernder Mythologie gibt dem Werk seinen klassischen Rang.

π Thomas Mann: Der Tod in Venedig Und andere Erzählungen; mit einem Nachwort von Reinhard Baumgart; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2000; 367 S., 17,– Euro

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