arztberuf Der Schluck vor der OP

Mediziner nehmen häufiger Drogen als andere Berufsgruppen. Sie glauben, die Sucht im Griff zu haben. Darum bleibt ihre Abhängigkeit oft lange unbemerkt, ihr Weg zur Therapie ist besonders schwierig

Anfangs war die Ärztin nur gereizt, blaffte zunächst das Personal, dann auch die Patienten an. Die Medikamenten-Bestellungen der Praxis nahmen zu, die Patientenzahlen aber ab. Die 36-jährige Internistin wurde immer unkonzentrierter, während ihr Konsum an Tranquilizern und Schmerzmitteln stieg. Die Medizinerin glaubte lange, mit sich im Reinen zu sein. Schließlich hatte sie sich früh niedergelassen, ihre Praxis lief gut. Auch ihre Rolle als Mutter von zwei Söhnen füllte sie glänzend aus.

Tatsächlich aber war sie der Doppelbelastung nicht gewachsen. Sie litt unter Nervosität, Schlafstörungen, Gereiztheit. Der Griff zu den Beruhigungsmitteln lag nahe. Aus der sporadischen Selbstmedikation wurde Sucht. Die Ehe scheiterte, der Zusammenbruch folgte.

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Süchtige Ärzte sind ein Tabuthema. Dabei räumt die Ärztekammer Hamburg ein: „Gegenüber anderen Berufsgruppen sind Ärzte stärker suchtgefährdet.“ Die Bundesärztekammer geht davon aus, dass sieben bis acht Prozent deutscher Ärzte mindestens einmal im Leben suchtkrank werden. Das wären rund 25000 Mediziner. Gleichwohl seien Behandlungsfehler infolge der Abhängigkeit selten, behauptet die Ärztekammer. Nach anderen Schätzungen ist die Kunstfehlerquote Abhängiger 10- bis 100-mal so hoch wie unter nicht abhängigen Ärzten. Zumindest ist das Problem inzwischen so groß, dass sich erste Kliniken auf die Behandlung süchtiger Ärzte spezialisiert haben.

Eins dieser Zentren hat auch die medikamentenabhängige Internistin aufgesucht, nachdem ihre Situation immer auswegloser wurde. Einem schweren Entzug folgte eine Intensivtherapie. Trotz eines kurzen Rückfalls arbeitet sie heute wieder in ihrer Praxis.

Sechs Jahre bis zur Einsicht

Das Glück und die Kraft, sich von der Sucht zu befreien, haben viele nicht. Nach einer US-Studie lassen sich Ärzte durchschnittlich sechs Jahre Zeit, ihre Erkrankung in Angriff zu nehmen. Bernhard Mäulen, Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Villingen-Schwenningen, hat im Jahr 2000 unter 400 suchtkranken Ärzten eine Befragung durchgeführt. Gut die Hälfte der Betroffenen hing an der Flasche, ein Drittel war in eine Abhängigkeit von Alkohol und Medikamenten geraten, und der Rest griff zu Betäubungsmitteln oder gar einem Mix aus Alkohol, Drogen und Medikamenten.

Damit sind Mediziner statistisch gesehen doppelt so häufig medikamentenabhängig wie der Durchschnitt der Bevölkerung. Eine Rolle spielt sicher der leichte Zugriff auf Medikamente, aber auch der unverbrüchliche Glaube daran, die Dosis im Griff zu haben. Die Folge ist eine schleichende Abhängigkeit. Wer etwa Opiate spritzt, geht euphorisiert und konzentriert an die Arbeit. Zumindest so lange, wie das Mittel nicht zum Dauerbegleiter wird. Typisch ist, dass suchtkranke Mediziner lange nicht auffällig werden, sei es, weil sie kontrollierter mit den Aufputschmitteln umgehen, Kollegen ihre Fehler ausbügeln oder niemand wagt, den Halbgott in Weiß darauf anzusprechen. „Erstaunlich ist, wie lange das funktioniert. Für viele ist Alkohol der Treibstoff, der sie präziser arbeiten lässt, weil sie ohne gar nicht mehr können“, sagt Edda Gottschaldt, Chefärztin der Oberbergklinik im Weserbergland, die sich wie die Partnerzentren im Schwarzwald und in der Nähe von Berlin auf die Behandlung von süchtigen Ärzten und Führungskräften spezialisiert hat. So verwundert es nicht, dass der typische Arztpatient 45 Jahre alt ist und sich erst nach einem gravierenden Vorfall in Behandlung begibt.

Viele plagen Versagensängste, Minderwertigkeitsgefühle, Leistungsstress, lange Arbeitszeiten, große Verantwortung, wirtschaftliche Zwänge. Ein Spagat zwischen rationaler und emotionaler Höchstleistung. Ein eher funktional geprägtes Menschenverständnis verführt zu der Überzeugung, dass alles heilbar ist. So meldeten sich nach einem Aufruf über die Ärztekammer Hamburg mit dem Angebot, Betroffenen diskret zu helfen, nur eine Hand voll. „Die wenigen, die sich angesprochen fühlen, sind Ärzte, die von weiter her kommen und hier den Schutz der Anonymität suchen“, sagt die Psychologin Birgit Knuschke, Leiterin der Suchtberatungsstelle Wedel bei Hamburg, „trotzdem wird in den seltensten Fällen Kontakt zu uns gehalten. Viele tauchen wieder ab, weil sie glauben, es selbst zu schaffen.“ Selbsteinsicht und Therapiemotivation seien kaum vorhanden.

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