Nachruf Zum Tode von Bob Hope
Er war der perfekte Darsteller des Unterdurchschnittlichen. Feig, großsprecherisch, opportunistisch und hinterhältig. Die Radikalität aber, mit der er seine Nichtsbesondersheit ausstellte, der Mut, durch Unverschämtheit die fehlende Begabung zu ersetzen, das machte Leslie Townes Hope, genannt Bob, zum Gesamtkunstwerk nicht nur für sondern auch für alle, die davor schaudert. Und zum Ahnherrn einer amerikanischen Strategie von Patriotismus und Nihilismus. Bob Hope, der für Nixon Wahlkampf machte, der der eifrigste aller Truppenbetreuer war, die amerikanische Fahne besonders hochhielt – und dabei die gemeinsten Witze über den Präsidenten riss, der „Vietnam nach Las Vegas verkaufen“ würde.
Bob Hope begann, nachdem er sich als Tänzer und sogar Boxer versucht hatte, als klassischer Stand-up-Comedian. Er stellt sich vor andere Leute hin und erzählt Witze. Witze über Leute, über die sein Publikum gern lacht. Zu denen gehört er natürlich selbst. Anfangs erzählte er einfach die Witze nach, die er aus den Magazinen klaute, die man an jedem Kiosk um die Ecke kaufen konnte. Das Publikum lachte trotzdem. Nein, vielleicht gerade deshalb. Denn dieser Bob Hope will nichts anderes sein als der schmierigste aller Schmierenkomödianten. Seine besten Witze macht dieser Komiker darüber, was für ein schlechter Komiker er ist.
Hope, als Kind englischer Einwanderer in einigermaßen elenden Umständen in Ohio herangewachsen und daher der klassische Überlebenskomiker, war enorm erfolgreich auf der Bühne und beim Radio. Das Kino schien seine Sache zunächst nicht. Seine Filme waren so schlecht und erfolglos, dass er Witze über seine cineastischen Katastrophen in die Bühnenshows einbaute. Brachte einen Lacher und kostete einen Vertrag. Und dann war da jene Serie, die dem am nächsten kam, was man neben den Marx Brothers in der Welt von Apfelkuchen und Antikommunismus als filmische Anarchie bezeichnen könnte. Es begann schon 1940 mit The Road to Singapore und führte über ein Dutzend B-Produktionen schließlich 1962 zu einem letzten, selbst für Fans unerträglichen Nachzieher, Road to Hongkong.
Die Road to- Filme waren einfach aufgebaut: Dorothy Lamour hatte irgend etwas Exotisches an. Bing Crosby sang ein paar schmachtende Lieder. Und Bob Hope machte, was er am besten konnte, Witze über den eigenen miesen Charakter. Die beiden kämpfen mit allen Tricks um die Gunst der Schönen, und am Ende bekommt Crosby sie. Die Filme waren nicht nur billig, sie machten sich über ihre eigene Billigkeit lustig. Sie waren nicht nur formelhaft, sondern holten aus dem Prinzip der Wiederholung die besten Gags. Wenn es zu arg wurde, wandte sich Hope in die Kamera und meinte, er habe das Gefühl, das alles schon einmal erlebt zu haben. Eine Flaschenpost enthält nichts als einen Pfandzettel für die Flasche, ein Schauspieler geht durchs Bild, weil Bob Hope behauptet, er habe ihm eine Rolle verschaffen müssen, aus persönlichen Gründen, und ein Kamel sagt, dies sei der merkwürdigste Film, in dem es je mitgespielt habe. Heute ist das alles Stoff für hippe Cineasten, aber damals amüsierten sich echte Menschen über diese Filme, die albern, auf entspannte Weise hysterisch und durch und durch unwichtig waren.
Später kehrte Hope zur Bühne zurück, wurde ein beliebter Fernsehstar, einer der reichsten Männer im Showbusiness. Er tauchte bei allen erdenklichen Wohltätigkeitsveranstaltungen auf, und wenn man ihn einen Rechten nannte, was ihn keineswegs kränkte, nahm er gern für sich in Anspruch, eher Repräsentant der Mehrheit zu sein. Middle America, dem seine Dankbarkeit galt, für das er sich opferte. Als 75-Jähriger trat er bei einer Jubiläumsfeier für die Truppenbetreuung, deren Heiliger er war, in einem Kokosnussbikini und mit einem Mopp als Perücke auf. Er bereiste zusammen mit Bibo aus der Sesamstraße China und brachte eine Zeit lang die Oscar-Zeremonien auf den Schnittpunkt zwischen Glamour und Wahnsinn.
Vergangenen Montag starb der 100-jährige Bob Hope in seinem Haus in Kalifornien. Er lebte schon lange im Himmel von Middle America. Er ist nicht durch guten Geschmack da hingekommen. Aber durch eine wundersame Form von Ehrlichkeit. Genau die macht ihn auch für den Rest der Welt unsterblich.
- Datum 31.07.2003 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 31.07.2003 Nr.32
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