Mithridates, der geschlagene und gedemütigte König von Pontus, ließ alle Welt wissen, dass die Römer nur aus einem einzigen Grund fremde Nationen mit Krieg überzogen: aus Gier nach Macht und Reichtum. Die so Angegriffenen kümmerte das nicht; unbeeindruckt spielten sie die Rolle des Weltpolizisten, der nur gerechte Kriege führt und die Pax Romana in den Ländern um das Mittelmeer erzwingt. Vergil wird den Leitsatz römischer Politik zu Beginn der Kaiserzeit in einem berühmten Hexameter zusammenfassen: "Parcere subiectis et debellare superbos" (die Unterworfenen schonen und die Hochmütigen niederkämpfen).

Der Aufstieg Roms zur Herrin von Italien und dann zur Herrscherin über die Welt hat immer wieder zum Vergleich eingeladen. Bewunderer und Kritiker imperialer Politik fanden und finden in der literarischen Hinterlassenschaft aus der Antike reichlich Argumente. Auch der modernen Supermacht USA dient Rom als historisches Paradigma einer imperialen Außenpolitik. Dies hat Peter Bender auf die Idee gebracht, eine Doppelbiografie des alten und des neuen Roms zu schreiben. Seine Frage lautet: "Gibt es zwischen der antiken und der gegenwärtigen Weltmacht substanzielle Ähnlichkeiten – sowohl zwischen ihren Wegen zur Weltmacht als auch in ihrem Verhalten als Weltmacht?"

In drei flüssig geschriebenen Kapiteln wird die vergleichende Betrachtung der beiden Staaten entwickelt. Während die römischen Krieger zunächst Italien okkupieren, nehmen die amerikanischen Siedler Nordamerika in Besitz. Der insularen Machtentfaltung folgt der erste Schritt übers Meer: hier der Erste Punische Krieg gegen die Karthager 264 bis 241 vor Christus, dort der Erste Weltkrieg 1914 bis 1918. In beiden Auseinandersetzungen sieht Bender "Kriege wider Willen", die man der Landmacht Rom und dem ökonomischen Riesen USA aufgezwungen habe. Die weltpolitisch noch unreifen Großmächte seien danach wieder reif für ihre Inseln gewesen. Während der Fall von Sagunt 219 vor Christus die Römer aus ihrer territorialen Selbstbeschränkung reißt, schreckt 1941 der japanische Überfall auf Pearl Habor die Amerikaner auf. Aus Insulanern werden Welteroberer, aus Regionalmächten in kaum drei Vierteln eines Jahrhunderts Weltmächte. Für die Römer habe der außenpolitische Isolationismus im Zweiten Punischen Krieg (218 bis 201 vor Christus), in der blutigen Auseinandersetzung mit dem genialen karthagischen Militär Hannibal, sein Ende gefunden, für die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg, im Kampf gegen Hitler-Deutschland und das japanische Kaiserreich. Trotz aller manifesten Gegensätzlichkeiten, so betont Bender, seien die Kriege "die schwersten, verlustreichsten und aufwendigsten Kämpfe" gewesen, die Rom mit einem außeritalischen Feind und die Vereinigten Staaten mit außeramerikanischen Gegnern zu bestehen hatten. Durch ihre Siege seien Römer und Amerikaner zu den ersten Weltmächten ihrer Zeit aufgestiegen.

Die ungewollte Verstrickung in neue Konflikte sei der Preis des Erfolgs gewesen. Rom habe sich mit den hellenistischen Monarchen auseinander setzen müssen, Amerika mit der Sowjetunion und ihren Satelliten. Wenn auch Roms Ostkriege und Amerikas Kalter Krieg letztlich unvergleichbar seien, vergleichbar sei das historische Ergebnis: "Davor waren Rom und Amerika die ersten Weltmächte ihrer Zeit, danach waren sie die einzigen."

Die unangefochtenen "Global Players" verwandeln sich jedoch bald in neurotische Riesen, die Opfer ihres Sicherheitskomplexes werden, an kollektiven Ängsten leiden und zu hysterischen Überreaktionen neigen. Rom macht 146 und 133 vor Christus Karthago, Korinth und Numantia dem Erdboden gleich, Amerika geht nach dem 11. September 2001 mit aller Härte gegen die "Schurkenstaaten" Afghanistan und Irak vor. Dabei "überragten" Römer und Amerikaner "Freunde und Feinde nicht nur durch ihre Kräfte und Mittel, sie fühlten sich ihnen auch moralisch überlegen und wurden damit nochmals stärker."

Der Vergleich öffnet den Blick auf charakteristische Merkmale der beiden Systeme. Eine offensive Bürgerrechtspolitik gereicht der Römischen Republik und den Vereinigten Staaten ebenso zum Vorteil wie die Anverwandlung fremder kultureller Einflüsse. Hier wie dort werden Propagandakriege geführt, der Freiheitsbegriff instrumentalisiert und die Fiktion des gerechten Krieges beschworen. Römer und Amerikaner stützen sich auf ausgeklügelte Bündnissysteme, die sie dominieren, ärgern sich aber auch heftig über undankbare Freunde und unbotmäßige Alliierte.

Karthago ist nicht der Irak

Immer wieder finden sich treffende Beobachtungen. So mussten Terrorismus und Massenvernichtungswaffen in Schurkenhänden der Bedrohung durch die einstige Atommacht Sowjetunion gleichgesetzt werden, damit die USA militärisch gegen den Irak vorgehen konnte. Provozierend stellt Bender den Irak-Krieg neben den Dritten Punischen Krieg, da ihn die Konsequenz, mit der die Bush-Administration die Intervention im Zweistromland vorbereitet habe, an die Entschlossenheit des römischen Senats zum Krieg gegen Karthago erinnert. Grenzenlose Macht habe Rom zur "Brutalisierung" und Amerika zur "Militarisierung" der Außenpolitik verleitet.