Die Zeit: Die Europäische Kommission will Stammzellforschung auch an embryonalen Zellen künftig fördern. Dagegen protestieren Österreicher, Iren und vor allem die Deutschen. Hat Sie die geballte Kritik an Ihrem Vorschlag überrascht?

Philippe Busquin: Nein. Schließlich rührt die embryonale Stammzellforschung an Elementarfragen, die sich nicht nur jede Nation, sondern jeder Einzelne stellt. Wir haben es hier nicht mit einem klassischen politischen Problem zu tun. Da wird nicht nach Parteifarbe diskutiert. Was Deutschland in all dem auszeichnet: Dort gibt es eine Debatte auf höchstem Niveau. Natürlich wühlt das Thema tief sitzende Gefühle auf. Wo wir von Ethik und Werten reden, geht es um vieles zugleich: etwa die Freiheit der Forschung – für mich ein Grundrecht –, festgeschrieben in der Europäischen Charta der Grundrechte. Die Würde des Menschen. Und das meint auch: Schränken bestimmte schwere Krankheiten diese Würde nicht ein, muss hier nicht nach Heilung gesucht werden? Und es geht um Würde, wenn über verschiedene Vorstellungen von "Leben" gestritten wird.

Zeit: Bis zu welchem Punkt können Sie den Kritikern der Forschung an embryonalen Stammzellen folgen?

Busquin: Sie fragen mich nach meiner persönlichen Einstellung. Aber was zählt die, wo hier nach einer Definition gesucht wird, die es Europa ermöglichen soll, im internationalen Vergleich zur Spitze der Forschung zu gehören? Gewiss, Spitzenforschung macht mitunter Angst. Für mich ist aber nicht eine bestimmte Forschung an sich zu verurteilen, sondern nur ihr Ge- oder Missbrauch.

Zeit: Sie geben der Freiheit der Forschung die Priorität?

Busquin: Die Freiheit der Forschung ist ein Grundwert. Aber die Forschung ist darum nicht einfach frei. Deshalb brauchen wir ein ethisches Regelwerk. Auf europäischer Ebene besorgt das seit drei Jahren die Europäische Ethikgruppe mit ihren Stellungnahmen. Darauf stützt sich auch die EU-Kommission. Der Ruf dieses Rates ist untadelig, jedenfalls gab es bisher keine Klagen. Hier sitzt so etwas wie der gemeinsame Nenner, der Konsens der Europäer in schwierigen Fragen. Natürlich gibt es immer Leute, die einen solchen Konsens nicht akzeptieren.

Zeit: Die Ethikgruppe konnte vor einem tiefen Dissens quer durch alle Institutionen und Mitgliedsstaaten nicht schützen.