Kabarett Haarspray für die Demokratie
Die schrille Subversion des südafrikanischen Kabarettisten Pieter-Dirk Uys
Die berühmteste weiße Frau Südafrikas ist eine Fiktion, und diese Fiktion hat es in sich. Evita Bezuidenhout, ehemals Botschafterin im imaginären schwarzen Homeland Bapetikosweti, wo sie alle Apartheid-Klischees verkörperte und vertrat, hat die Zeichen der Zeit erkannt und Political Correctness gelernt. Nun ist ihr alles Regenbogen, und seit sie mit Nelson Mandela befreundet ist und drei schwarze Enkelkinder hat, wird ihre Welt täglich breiter und bunter. Evita Bezuidenhout ist eine nationale Legende, die offizielle Reden hält, im Parlament und anderswo – man stelle sich Harald Schmidt im Bundestag vor! –, und wie die Edna Everage des Australiers Barry Humphries die hassgeliebte Quintessenz ihres Landes darstellt.
Auch hinter Evita verbirgt sich ein Mann: Pieter-Dirk Uys, 1945 in Kapstadt geboren als Sohn einer vor den Nazis geflüchteten deutschen Jüdin und eines Afrikaaner-Vaters – „Ich gehöre zu beiden auserwählten Völkern“ –, ist Schauspieler, Kabarettist, Sänger, Autor, Regisseur in einer Person. Oder besser in zwei. Seit den achtziger Jahren führt er sein parfümiertes Schlachtschiff mit krassem Lippenstift und Haarspray-Charme durch die Höhen und Tiefen südafrikanischer Politik und lässt keines der Fettnäpfchen aus, die dort zahlreich herumstehen. Seine bitterbösen Satiren blamierten die Apartheid-Gesetze durch Übererfüllung, sie waren wüst und wütend, immer an der Grenze zur Geschmacklosigkeit und oft drüber hinaus. Merke: „Apartheid lässt sich nicht mit gutem Geschmack bekämpfen.“
Befürchtungen, dass die Demokratisierung ihm den Stoff entziehen könnte, aus dem seine Albträume sind, erwiesen sich als unbegründet. Auch die neue Regierung liefert ihm Texte frei Haus. „Ich zahle ihnen keine Steuern, ich zahle ihnen Tantiemen“, sagt er. Und: „Politiker sind wie Affen: Je höher sie die Fahnenstange ihres Ehrgeizes hinaufklettern, desto deutlicher sehen wir ihren Hintern.“ Natürlich ist er für den Wechsel, trotz aller Kritik. Respektlos und böse ist er immer noch, aber weicher geworden, menschenfreundlicher (auch älter); er leidet nicht mehr an seinem Land, sondern mit ihm, spricht jetzt für statt gegen etwas, und das ist viel schwerer. Da hilft ihm die Brechung durch Evita und ihre Häutungen: Sie erlaubt ihm, die Dinge so zuzuspitzen, dass sie sich selbst erledigen.
Er ist ein Stachel im Fleisch, auch im eigenen. Seine Welt hat nicht die beruhigende Schlichtheit von Gut und Böse, Recht und Unrecht, alles wird bloßgestellt, auch Sympathieträger, und das vermeintliche Einverständnis mit dem Publikum wird a priori und absichtlich unterlaufen. Trotzdem sind seine Aufführungen nicht destruktiv, denn es gibt immer jenen irren Funken „Glaubeliebehoffnung“ in ihnen, der zwischen Kalauer und Verzweiflung doch noch so etwas wie Optimismus durchscheinen lässt.
Seit 1996 hat Pieter-Dirk Uys sein eigenes Theater in Darling, eine Autostunde von Kapstadt entfernt. Den stillgelegten Bahnhof verwandelte er in Evita se Perron, eine Kabarettbühne im Stil der Pariser café- concerts , wo man an Tischen sitzt, Evita Shiraz trinkt, Bobotie isst oder Gay Muffins. Das Theater an der (echten) Arcadia Street und der (erfundenen) Piazza dolcEvita ist stets gut besucht und bietet neben zwei Bühnen einen Börassic Park und Evita’s A en C (Arts and Crafts). Das Publikum kommt aus dem ganzen Land und zunehmend aus Übersee, es kommt inzwischen sogar aus Darling, einer eher konservativen Kleinstadt, in der die Neugier das anfängliche Misstrauen besiegt hat.
Jedes Wochenende spielt Uys, wenn er nicht gerade in Europa oder Australien unterwegs ist, drei verschiedene Programme. In Dekaffirnated geht er vom verpönten „k-word“ aus und präsentiert das neue Südafrika mit einem Dutzend brillant gezeichneter Figuren. Ein Hut, ein Gesichtsausdruck, ein entblößter Bierbauch genügen ihm, um die Dämonen des Unbewussten und die langen Schatten der Vergangenheit heraufzubeschwören. Er fleddert, flucht und schmäht sich durch „die einzige funktionierende Demokratie der Dritten Welt“, auf dass man mitten im Lachen erschrecke, über was man da lacht, und doch nicht anders kann als weiterlachen. Genau das ist sein Ziel: „Make fear into fun“, er will die Angst weglachen, damit sie ihre Bedrohung verliert.
Tannie Evita praat Kaktus ist Evitas hinterhältige Neuinterpretation der weißen Siedlungsgeschichte anhand zweier Kakteen, „der Kaktus der Trennung und der Kaktus der Demokratie“. In Englisch, Afrikaans und einigen weiteren der elf offiziellen Sprachen des Landes belehrt sie das Publikum über historische Begebenheiten und langjährige Missverständnisse. Ganz die frühere Diplomatin, ist sie auch um eine angemessene Entschuldigung nicht verlegen: „Wir bitten für die Apartheid um Entschuldigung“, sagt sie, „Es tut uns Leid, dass sie nicht funktionierte“.
Tannie Evita’s Cooksisters schließlich entdeckt die politische Dimension von Kochbüchern (wer verträgt was nicht und aus welchem Grund?) und kommt zu der Erkenntnis: „To lean to the left means nothing is right, while to favour the right means nothing is left.“ Die Evita-Programme sind Dialoge mit dem Publikum, ein blitzschnelles Pingpong, bei dem sie stets das letzte Wort behält und Recht sowieso. Dass Uys dabei als Evita Meinungen vertritt, die er sonst nicht teilt, liegt in der Natur der Sache. Aber das Lästermaul begnügt sich nicht mit Worten, es lässt imponierende Taten folgen. Mit seinem Aids-Aufklärungsprogramm tingelte er wochenlang durch die Schulen des Landes, unbezahlt und unter strapaziösen Bedingungen. Er, der Superstar, hätte das nicht nötig, er tut es aus Überzeugung und aus Empörung über die hanebüchenen Irrwege der offiziellen Aids- Politik. „Das Apartheid-Regime hat Menschen getötet. Jetzt haben wir eine demokratische Regierung, die die Menschen einfach sterben lässt“, schimpft er und schickt Evita in den Kampf gegen die neue Geißel des Kontinents. Er ist stolz darauf, dass sie in einigen der 400000 Schulkinderköpfe einen Funken gezündet hat, der diese vielleicht vor dem Schlimmsten bewahrt.
- Datum 31.07.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 31.07.2003 Nr.32
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