Es ist ein Buch unserer Zeit, das Isabelle Graw hier vorlegt, so viel steht fest. Ein Buch, das auf der "zentralen Grundannahme" basiert, "dass der Kunstbetrieb eine enorme Bedeutung hat". Da darf schon mal gefragt werden, ob es sich für die britische Op-Artistin Bridget Riley ausgezahlt habe, auf der Reinheit ihrer Kunst beharrt zu haben, oder ob sich die Konzeptkünstlerin Hanne Darboven mit ihrem Werk nur durchsetzen konnte, weil sie in New York "am richtigen Ort, zur richtigen Zeit" auf den Künstler Sol LeWitt traf.

Wieso waren und sind Künstlerinnen erfolgreich?, ist die Leitfrage des Buchs. Es geht also weder darum, auf zu wenig bekannte Künstlerinnen aufmerksam zu machen, noch darum, herausragende Persönlichkeiten zu feiern. Das haben drei Jahrzehnte feministischer Kunstgeschichtsschreibung gründlich geleistet. Geschlechterdifferenz ist heute eigentlich kein Thema mehr. Niemand weiß das besser als die Autorin: Isabelle Graw ist die Mitbegründerin und inzwischen alleinige Herausgeberin der Texte zur Kunst (die hier – auch dies eine Spielart des Kunstbetriebs – in jeder zweiten Fußnote zitiert werden) und gilt als eine der führenden Kunsttheoretikerinnen Deutschlands. Wieso stellt sie überhaupt noch die Frage nach dem kleinen Unterschied?

Kein Mann würde dies wagen

Weil sie der Überzeugung ist, dass Frauen anders in die gesellschaftlichen Strukturen eingebunden waren und sind – und deshalb anders mit ihnen umgehen. Charakter und Qualität der jeweiligen künstlerischen Position sind hier zweitrangig und werden allenfalls am Rande vermerkt. Das ist vielleicht der größte Mangel dieses Buchs – und zugleich einer, der ein erhellend ernüchterndes Licht auf unsere Zeit wirft.

Gleichviel: Es ist ein anregendes, thesenreiches Buch, und das provoziert naturgemäß Protest. Auf drei Thesen hat Isabelle Graw ihre Argumentation zugespitzt: Erstens neigen Künstlerinnen angeblich dazu, sich künstlerische Errungenschaften ihrer männlichen Kollegen anzueignen, zweitens tendieren sie instinktsicher dazu, sich an den Machtpolen des Kunstbetriebs aufzuhalten, drittens wissen sie, dass die (Selbst-)Inszenierung als Ausnahmefrau erfolgversprechend ist. Starker Tobak! Welcher Mann würde sich solche Thesen erlauben?

Am meisten provoziert die Beobachtung, dass Künstlerinnen sich bewusster und stärker der Aneignung als künstlerischer Strategie bedienen als Künstler – schwingt dabei doch die Unterstellung mit, dass Frauen tendenziell weniger eigenständig, weniger einfallsreich sind. Die Begründung: Jahrhundertelang waren sie von der offiziellen Auseinandersetzung mit Kunst ausgeschlossen, erst allmählich wurde ihnen das Studium der Kunst überhaupt zugestanden. Graw zieht einen Bogen von Helen Frankenthaler, die sich Pollocks Dripping-Technik – Inbegriff der Macho-Kunst – zu Eigen machte, über die von Frauen dominierte Appropriation Art bis zum Werk von Cosima von Bonin, der Großmeisterin des Networking, die ihren Ausstellungen gleich ganze Werkgruppen anderer Künstler einverleibt. Von Bonin inszeniert sich und ihre Freunde als geheimbündlerischen Zirkel und zieht ihren Erfolg aus einer bewusst instrumentalisierten Hermetik. Dem Betrachter wird das Gefühl vermittelt, nicht dazuzugehören und deshalb auch ihre Kunst nicht verstehen zu können. Ein kalkuliertes Spiel mit dem Kunstbetrieb, das auf simpler Psychologie basiert und bislang gut funktioniert: Kuratoren wie Kritiker verschaffen ihr Ausstellungen und Artikel und wollen so demonstrieren, dass sie dazugehören.

Die Frage ist allerdings, ob solche Aneignung eine spezifisch weibliche Strategie ist. Noch deutlicher stellt sich diese Frage für die zweite angeblich weibliche Strategie: Sich an den Machtpolen des Kunstbetriebs aufzuhalten dürfte auch für männliche Kollegen, die auf Erfolg hoffen, ratsam sein. Mehr zu denken gibt die dritte Behauptung, dass es Künstlerinnen nur mit dem Prädikat der "Ausnahmefrau" in den Olymp der Kunst schaffen – ob angeblich ungewollt wie im Fall von Rosemarie Trockel oder berechnend selbst inszeniert wie bei Sarah Lucas und Tracey Emin. Diesen beiden prominenten Vertreterinnen der Young British Artists stehen allerdings eine ganze Reihe anderer Künstlerinnen zur Seite, die ebenfalls erfolgreich sind. Das Ende der Ausnahmefrau kündigt sich an, während Trockel sich noch als "einzig erfolgreiche" Frau ihrer Generation durchgesetzt hat.