Schiieten Aufstieg der Wächter

Irak: Die schiitische Mehrheit könnte schon bald zum Albtraum für die amerikanischen und britischen Sieger werden

Nadschaf/Irak

Was machen eigentlich die irakischen Schiiten? Sie schießen nicht auf amerikanische Soldaten. Das ist bemerkenswert, denn immerhin hatte man von ihnen genau das befürchtet. Viele hatten vorausgesagt, dass sie ihre Waffen gegen den Besatzer richten würden. Nicht gleich nach dem Einmarsch, denn die US-Soldaten haben sie vom Diktator befreit. Aber die Dankbarkeit dafür würde nur kurze Zeit währen. Die schiitischen Mullahs würden schon bald ihre Anhänger zum Kampf gegen die Ungläubigen aufrufen. So weit die Absichten, die den Geistlichen unterstellt wurden.

Die Schiiten haben wahrlich keinen guten Ruf, in Washington schon gar nicht. Dort stehen sie in ihrer Gesamtheit präventiv unter Revolutionsverdacht. Genau genommen seit 1979, seit Ajatollah Chomeini die Amerikaner aus dem Land warf und eine islamische Republik ausrief, die erste und einzige bisher. Das war die größte Demütigung für die Supermacht, vergleichbar nur mit der Niederlage im Vietnamkrieg. Die Schiiten sind daher ein Albtraum für die USA, ein Gespenst, das immerzu darauf wartet, dem Teufel aus Übersee ein Bein zu stellen.

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Die Sorge ist nicht unbegründet. Die iranischen Mullahs setzten lange auf Revolutionsexport, auf Nadelstiche gegen den Riesen, wo immer er sich befand; schon zu einer Zeit, als der Sunnit Osama bin Laden noch ein Freund der USA war. Die Schiiten sind gewissermaßen ein historischer Gegner. Darum warnten die Amerikaner auch immerzu, dass sich der Iran nur ja nicht im Irak einmischen solle, dass die Schiiten ja nicht auf die Idee kommen sollten, eine Theokratie zu errichten. „Auf keinen Fall werde man das zulassen“, sagte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Aber die Schiiten sind bisher ruhig geblieben, vergleichsweise jedenfalls. Gewalttätig sind andere. Im so genannten sunnitischen Dreieck – im Zentrum des Landes – sterben jeden Tag US-Soldaten bei Angriffen und Attentaten.

Hände weg von der Politik

Wenn die Schiiten nicht auf Amerikaner schießen, was machen sie dann? Sie stehen zum Beispiel Schlange vor dem Haus des Ajatollahs Ali al-Sistani in Nadschaf. Nicht, um sich Instruktionen für die Revolution zu holen, sondern Ratschläge für den alltäglichen Gebrauch, etwa wie man einen Angehörigen aus einem Massengrab zu bestatten habe. Solcherart sind die Sorgen in Nadschaf, es geht um Arbeit, Wasser, Strom und allerlei Dinge, die man in einem Land braucht, das von Diktatur und Krieg verheert ist.

Nadschaf war besonders betroffen vom Terror Saddam Husseins. In der heiligsten Stadt der Schiiten vermutete der Diktator die größte Gefahr für seine Herrschaft. Er zwang sie zu einem Schattendasein. In den siebziger Jahren lebten in Nadschaf zwischen 7000 und 10000 Geistliche, heute sind es rund zwei Drittel weniger. Eine Folge der grausamen Unterdrückung durch den Diktator.

Nadschaf war vor der Revolution im Iran das Zentrum der schiitischen Lehre. Hier hatte Ajatollah Chomeini im Exil gelebt und die Prinzipien der islamischen Republik entwickelt, die er später im Iran umsetzen sollte. Aber Ajatollah Chomeini war eine Ausnahme unter den Schiiten, jedenfalls unter der schiitischen Geistlichkeit des Iraks. Sie nämlich ist traditionell politisch abstinent. Politik lag ihr in aller Regel fern, Revolution erst recht. „Die Geistlichen sollen sich auf jeden Fall aus der Politik heraushalten. Nur so können sie ihre Reinheit bewahren!“, mahnt Mohammed al-Haqqani, ein enger Mitarbeiter von Ajatollah Ali al-Sistani, der heute der oberste Geistliche der irakischen Schiiten ist. Selbst Chomeini stieß während der Revolution im Iran auf großen Widerstand quietistischer Geistlicher. Er musste ihn überwinden, um seine Theokratie umzusetzen.

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