Schiiten Abgang der Schweiger

Saudi-Arabien: Die lange unterdrückte schiitische Minderheit fordert Zugang zu Staatsämtern und Bürgerfreiheiten

Qatif/Saudi-Arabien

Ein letzter Blick in den Rückspiegel: Niemand ist uns gefolgt. Wir parken im nachtschwarzen Hof und gehen von hinten in das Haus. Eine Wolke Kaffeedampf hängt im Eingang, man wartet bereits. In einer großen Diwanijja, dem Herrenzimmer des Hauses, sitzt ein Dutzend Männer auf einem langen Rundum-Wandsofa, manche barfüßig, alle in weißen Gewändern. Sie reden, schlürfen ihren Kaffee, stellen die Tassen ab, nachdenklich, stumm. Und reden wieder.

Ihr Treffpunkt ist, wenn man so will, illegal. Der Besitzer des Hauses in Qatif am Persischen Golf hatte keine Baugenehmigung für einen so großen Raum. Dafür gab es einen speziellen Grund: Er ist Schiit. Anhänger dieser muslimischen Glaubensrichtung bekommen in Saudi-Arabien schwerlich eine Erlaubnis für den Bau von Sälen. Es könnten sich Schiiten darin versammeln. Also baute der findige Mann zwei stuckbeladene Räume mit hohen Decken und ließ nach der Abnahme die Zwischenwand wegreißen.

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Schiiten sind in Saudi-Arabien eine Minderheit, von der lange Zeit niemand gern sprach, selbst die Schiiten nicht. Das ist nicht erstaunlich, denn bis heute sehen viele sunnitische Muslime in den Schiiten eine Art fünfter Kolonne Irans. Schon die Frage nach ihrer Zahl ist Stoff für politische Manipulation. Sind es 5, 10 oder gar 15 Prozent der 22 Millionen Saudis? Niemand hat genau nachgezählt. Manche Schiiten sind ausgewandert, in die Golfemirate oder nach Iran.

Aber mit dem Sturz des Schiitenmörders Saddam Hussein hat sich der Blick gedreht. Auf einmal nehmen die Schiiten im arabischen Irak ihr Leben in die eigenen Hände. Für die Schiiten Saudi-Arabiens werden sie zum Vorbild.

„Wir sind die letzten Schiiten in der Region, deren Rechte mit Füßen getreten werden“, eröffnet der Hausherr die Runde. Seine Gäste haben einiges zu erzählen. Hussein, ein kerniger Möbelhändler in Badelatschen, saß von 1986 bis 1993 im Sondersicherheitsgefängnis. Die saudischen Behörden warfen ihm vor, Mitglied der schiitischen Organisation Hisbollah zu sein. „Um Geständnisse zu erpressen, haben die Polizisten meine Füße und Hände zusammengebunden und mich dann am Stock kopfüber aufgehängt“, erzählt Hussein. Eine andere Foltermethode war, Gefangene einfach stehen zu lassen. Tagelang. „Wenn mir die Augen vor Erschöpfung zufielen, schlugen sie mich.“

Für den heute 43-Jährigen war das nicht die erste Schikane. Schon dem jugendlichen Hussein jagte die Polizei hinterher. Kurz nach der Revolution im Iran 1979 schmuggelte er schiitische Religionsbücher ins Land und wurde gefasst. In den ersten Jahren des Chomeini-Regimes in Teheran trieb die sunnitisch-wahhabitischen Geistlichen und die Herrscher Saudi-Arabiens eine panische Angst um, die Funken der schiitischen Revolution könnten das heilige Land von Mekka und Medina entzünden. Zum Leidwesen der saudischen Schiiten. Moscheen wurden niedergewalzt, schiitischer Religionsunterricht geächtet, Schiiten als Ungläubige und Verräter geschmäht. Illegale Reisen nach Iran wurden mit Auspeitschung nicht unter 500 Hieben vergolten.

Sit-in beim Kronprinzen

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