Ist es erlaubt, über die deutschen Terroristen eine Ausstellung zu machen? In Berlin wächst derzeit wilder Streit um ein Projekt, das sich mit dem popkulturellen Nachleben der RAF beschäftigen will. Angehörige der Mordopfer und Politiker der Unionsparteien empören sich über die Verharmlosung, wenn nicht gar Rechtfertigung des Terrors, die sie von der Ausstellung befürchten.

Nun ist das Phänomen, dem sich die Berliner KunstWerke widmen wollten, vielleicht nicht nach jedermanns Geschmack, aber auch nicht zu leugnen: Die Terroristen haben längst begonnen, ein gespenstisches Nachleben in Comics und auf T-Shirts ("Prada Meinhoff"), in Filmen, Romanen und auf Gemälden zu führen. Sie sind (übrigens ähnlich den Figuren des Nazireichs) in der Welt der Popkultur längst zu glitzernden Ikonen der Gewalt geworden, und ihre Attraktivität, die mit der historischen Wirklichkeit nichts zu tun haben muss, entspringt dem vermuteten Provokationspotenzial, manchmal auch nur der jugendlichen Vermutung, es habe sich vielleicht doch um Helden gehandelt, etwa in der Art von Robin Hood oder den guten Räubern im Märchen.

Das ist keine Verharmlosung, die von den Ausstellungsmachern erfunden wurde, sondern ein Prozess der Irrealisierung, der in der Gesellschaft abläuft. Darum sollte die Schau auch "Mythos RAF" heißen und nicht etwa "Schäbige Wirklichkeit des Terrors". Unglückseligerweise gibt es nun aber Leute, die den Begriff "Mythos" nicht kritisch, sondern nur positiv verstehen können, und diese Leute stießen noch dazu auf ein Konzeptpapier, das nach "Ideen und Idealen" der Terroristen fragte, die möglicherweise aktuell geblieben seien. Zwar war das Papier längst überholt und auch die Ausstellung schon aufs nächste Jahr verschoben, ehe die Empörung einsetzte, aber der Stein des Anstoßes war gegeben. Man kann nur hoffen, dass er auch zu einem Anstoß des Denkens führt.

Denn das ist ja gerade die Pointe, dass im Falle der RAF wie auch der kommunistischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts nicht erklärte Bosheit, sondern hehre Ideale zum Exzess des Mordens führten. Auch wenn den Bolschewismus gewiss niemand wiederhaben will, hat sich damit noch nicht die Idee der sozialen Gerechtigkeit erledigt. Weder Terror noch Totalitarismus müssten wir fürchten, wenn nicht Ideale, oft sogar ein plausibler Kampf gegen Missstände an ihrem Anfang stünden. Auch ein Mythos der RAF kann davon leben, dass bei geneigter Lektüre ihrer wirren Schriften manche Motive einleuchten. Das zuzugeben bedeutet weder Rechtfertigung noch Verharmlosung, sondern Erkenntnis der eigentlichen Gefahr.

Wahrscheinlich jedoch zeigt gerade die popkulturelle Vereinnahmung der RAF, dass ebendiese Gefahr nicht mehr droht. Die Einzigen, die noch an den Terror zu glauben scheinen, sind die Gegner der Ausstellung. Darin wenigstens würden sie sich mit den Terroristen treffen, die sich gewiss ebenfalls ungern auf T-Shirts verjuxt sähen. Jens Jessen