Flugangst Pechvogel

Der Wellensittich gilt als pflegeleichtes, unverwüstliches Haustier. Von Natur aus wird er an die 15 Jahre alt. Doch in deutschen Haushalten findet er oft einen frühen Tod

Das erste Hereinbrechen des Todes in Nadjas Kinderleben hieß Nico. Er war übergewichtig, hatte wuchernde Minidolche an den Zehen und übersäte ihr Zimmer mit gelben und grünen Flaumfedern. Nico starb tragisch. In der rechten Hand den Vogel, in der linken eine Nagelschere, stutzte Nadja die Krallen. Nico biss ihr in den Daumen, dann versagte sein Herz. Nico zwei fiel hinter die Einbauküche, verfing sich in der Strickwolle, musste aus dem Hundewassernapf gefischt und aus dem Schirmständer gerettet werden. Fortan misstraute Nadja dem Image des Wellensittichs als »aufgeweckt, genügsam und pflegeleicht« und stieg auf größere, robustere Papageien um. Zu Recht: Kaum ein Sittich in deutschen Haushalten stirbt an Altersschwäche.

Ein Wellensittich, das sind 1500 Federn um 40 Gramm Vogelkörper. Schwarze Knopfaugen, weiß gerändert. Fünf Gramm Vogelherz, das zehnmal pro Sekunde schlägt – wenn es denn schlägt. Sittich Rocker aus Paderborn ereilte der Infarkt, als der Neufundländer Attila an ihm schnupperte. Bubi aus Leipzig stockte das Herz, als aus der Wand neben seinem Käfig eine Bohrmaschine dröhnte. »Der plötzliche Herztod ist eine typische Wellensittichtodesart«, sagt Michael Pees, Forscher und Tierarzt an der Endoklinik für Vögel und Reptilien der Uni Leipzig. »Aber beileibe nicht die einzige. Ein Wellensittich kann älter als 15 Jahre werden. Doch ein Großteil erreicht nicht einmal das vierte Lebensjahr.«

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Schon die Krankengeschichten von Wellensittichen lesen sich wie die von Leistungssportlern: Knochenbrüche, Sehnenzerrungen, Bänderrisse. Unfallursachen sind meist Einrichtungsgegenstände. So rutschte Susi aus Essen in eine Keramikblumenvase, protestierte aber erst, als zwei Tage später die Besitzerin Wasser für einen Rosenstrauß einfüllte. Nach vorsichtigem Aufhämmern der Vase konnte Susi lebend geborgen werden. Auch Sittichweibchen Romy aus Mainz, die in den Zimmerventilator geriet, erholte sich dank Wärmelampe und Wundtinktur, anders als Hans-Dieter aus Dortmund, der sich im Telefonkabel verfing und erdrosselte.

Freiheit oder Sicherheit, das ist das Dilemma der Ziervogelhaltung. Hinter Gittern ist der Vogel behütet, aber gelangweilt, beim Freiflug lebt er gefährlich, aber artgerecht: Der australische Wildsittich ist ein Nomade, fliegt über Savannen und durch Eukalyptuswälder, Tausende Kilometer jedes Jahr. »Die Gefahren seiner Heimat kann ein Sittich einschätzen«, sagt Angelika Wedel, Ärztin für Zier- und Wildvögel in Berlin. »Hier prallt er gegen Fensterscheiben, fällt in Aktenordner, Papierkörbe und offene WCs.« Kiki etwa übersah eine Glastür. Sein Oberschnabel zersplitterte, nur ein Eckchen blieb. Die Besitzerin fütterte ihn mit der Pipette, fürchtete das Schlimmste, doch Kiki lernte, mit dem Schnabelstummel Körner zu knacken. Er überlebte, bald biss er seine Halterin wie früher allmorgendlich in den Schuh. »Eines der seltenen Happy-Ends«, sagt Vogelhalterin Gaby Schulemann. »Eigentlich sind Wellensittiche nicht besonders geeignet für das Leben im Haushalt. Sie sind zu empfindlich und zu neugierig. Weibchen klettern in jedes dunkle Loch – es könnte ja eine Nisthöhle sein.« Schulemanns Liebe zu Melopsittacus undulatus (»gewellter Gesangspapagei«) begann mit Vogel Piep, da war sie fünf. Derzeit hat sie 14 Wellensittiche aufgenommen. Sie alle sind lahm, einbeinig, flugunfähig oder blind. »Behinderte Sittiche und Unfallvögel – das ist meine Passion.« Sie weiß, wie man gequetschte Krallen kühlt, verrenkte Beinchen schient und traumatisierten Vögeln die Flugangst nimmt. Wer seine Stange nicht verlassen will, den lockt sie mit frischem Salat und einer Rispe Kolbenhirse.

So viel Liebe investiert nicht jeder in einen Vogel, der kaum mehr kostet als eine Kinokarte. »Viele Besitzer bringen ihre Wellis zu spät zum Arzt – oder gar nicht. Sie denken: Ein neuer Sittich ist billiger als die Tierarztkosten.« Derart ökonomisch mochte ein Tierfreund aus dem Rheinland einen drohenden Sittichtod nicht betrachten: Seine Nachbarin bat um Hilfe, ihr Vogel sei schlaff und leblos, »Koma«, so ihre Diagnose. Der Mann raste zum Arzt, wurde geblitzt und bestraft. Dagegen klagte er vor Gericht, aber vergebens: Es sei nicht rechtens, zur Rettung eines Wellensittichs die erlaubte Höchstgeschwindigkeit um 54 km/h zu überschreiten, befand das Oberlandesgericht Düsseldorf 1990.

Beim gängigsten Sittichunglück ist ohnehin selbst bei rascher Hilfe die Heilung fraglich: dem Tod durch Gift. So verdarb sich Hansi aus dem fränkischen Forchheim den Magen am Philodendron, Tweetie aus Viersen erlag starkem Durchfall, nachdem sie einen Weihnachtsstern entlaubt hatte. Wellensittiche lieben Grün, sie nagen und schlucken, ohne Vitaminkost von giftigem Blattwerk unterscheiden zu können. Ficus benjamini , Farn und Yucca-Palme werden jährlich Tausenden Sittichen zum Verhängnis. Die Vögel naschen vom Duftöl, knabbern an Kerzenwachs, fressen Zigarettenstummel oder erkranken, weil sie Chips oder Salzstangen probierten. »Den angeborenen Hang zum Dauernagen«, nennt das die Tierärztin Wedel. »Sittiche fressen nicht nur so ziemlich alles – sie fressen vor allem viel«, klagt auch Schulemann. »Für die Situation voller Futternapf sind sie genetisch nicht geschaffen.« Wild leben Wellensittiche in karger Flora, hier ein Akazienbaum, dort ein Strauch, sonst Savanne, Gras, Dürre. Finden sich alle paar Tage einige Früchte oder Grassamen, fressen die Vögel, so viel der Magen aufnimmt. Hierzulande tauschen Sittichhalter in Internet-Foren und Fachzeitschriften Diättipps aus. Schulemann schwört auf Salat und Apfelstückchen, auch als Unfallschutz: »So ein fetter Welli kann nicht mal anständig fliegen. Er sieht ein Hindernis und schafft es nicht, rechtzeitig auszuweichen. Oder er landet am Boden und kommt nicht wieder hoch. Dort wird er leicht übersehen und getreten – zerquetschte Füßchen, selbst ein gebrochenes Genick sind keine Seltenheit.«

Anfällig für den Tod aus Bewegungsmangel sind weniger die gewöhnlichen Heimvögel, in der Branche »Hansi-Bubis« genannt, als so genannte Standardwellensittiche – Rassevögel mit festgelegtem Farbmuster. »Sie werden allein nach dem Aussehen gezüchtet«, sagt Vogelforscher Pees. »Viele sind träge und fett. Ob der Vogel gesund ist und lebenstüchtig, instinktsicher wie ein Wildsittich – das wird zu wenig beachtet.«

Auch dort, wo Menschen essen, droht dem Sittich Gefahr. Klärchen aus Hannover ertrank im Orangensaftglas. Glück hingegen hatte Putzi, den sein Besitzer leicht versehrt aus einem Topf Erbsensuppe rettete. »Die Küche ist kein geeigneter Ort für unsere Vögel. Ich weiß von Wellensittichen, die sich an der Herdplatte verbrannten, ins Nudelwasser fielen oder im Spülwasser ertranken, weil sie den Schaum für einen festen Landeplatz hielten«, sagt Schulemann. Ein weitgehend unbekannter Feind des Sittichs ist die Teflon-Bratpfanne: Leer erhitzt, sondert sie Dämpfe ab, die eine Sittichlunge nach wenigen Minuten kollabieren lassen. Dutzendfach sterben die Vögel zur Silvesterzeit, dahingerafft vom Dunst der Raclettepfännchen.

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