Kirche (BI-)GOTTGEFÄLLIG

Der Vatikan wettert gegen Homosexuelle, hat aber eigentlich ganz andere Probleme mit dem Sexualverhalten seiner Schäfchen

Klingt wie eine anti-papistische Retourkutsche: Kaum hatte Joseph Kardinal Ratzinger, der oberste Glaubenswächter des Vatikans, vergangene Woche einen schäumenden Bannfluch gegen die gleichgeschlechtliche Liebe und die Schwulen-Ehe als Ausgeburt des „Bösen“ ausgesandt, wählte die Anglikanische Kirche in den USA – sie stammt von der notorisch romfeindlichen Church of England ab – einen bekennenden Homosexuellen zum Bischof. Der lebt seit Jahren mit einem festen Partner zusammen. Eine Beziehung, die laut Ratzinger „gegen das natürliche Sittengesetz“ und „schwer gegen die Keuschheit“ verstößt.

Den Chef-Inquisitor am Heiligen Stuhl wird dieser Konter der altvertrauten Erz-Ketzer gefreut haben. Stützt er doch sein Propagandakalkül: Lieber klein und isoliert, dafür aber auffällig und unterscheidbar, lautet sein Überlebensrezept für die Katholische Kirche, die er sonst im Meer des modernen Werterelativismus versinken sieht. Diesmal aber könnte er überzogen haben. Gerade erst hatten selbst linksprogressive Zeitgenossen den Papst wegen dessen Antikriegskurs im Irak-Konflikt als bedeutenden europäischen Moralisten gefeiert. Dieser Imagegewinn dürfte mit der – vom Heiligen Vater abgesegneten – Hasstirade des streitbaren Glaubenskongregators gegen sexuelle Abweichler wieder dahin sein. So mancher friedensbewegte Weltenretter wird nun seine Manuskripte, in denen er den Papst zum heilsbringenden Antipoden des Mega-Bösewichts George W. Bush aufbauen wollte, jetzt kleinlaut wieder einkassieren.

Ziemlich kühn von Ratzinger aber war es vor allem, sich ausgerechnet mit einer donnernden Stellungnahme zu Sex-Fragen nach vorn zu wagen. Besteht hier für innerkirchliche Investigatoren doch in anderer Hinsicht jede Menge Aufklärungsbedarf. In den USA wurden voriges Jahr tausende Fälle von Kindesmissbrauch durch katholische Priester aufgedeckt – immerhin hat sich die dortige Amtskirche diesem Problem schonungslos gestellt. Auch in Deutschland kamen einige Fälle ans Licht. Über weltweite Dunkel-, sprich: Verdunkelungsziffern aber lässt sich nach wie vor nur spekulieren. In dieser Lage stünde vatikanischen Belehrungen über gottgefälliges Sexualverhalten ein wenig mehr christliche Demut wahrlich gut an.

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