Das Gemetzel in Liberia ließe das Gewissen der meisten Europäer und Amerikaner unberührt, gäbe es nicht die emotionale Wucht der Fernsehbilder aus dem Morast des Bürgerkriegs. Länder wie Deutschland, die ihre Kolonialgeschichte vergessen haben, sehen keinen Grund, lebensrettend in diesen und ähnliche afrikanische Konflikte einzugreifen. Das ist ein Fehler, der sich rächen könnte. Ein im Terror versinkendes Westafrika würde ähnliche sicherheits- und energiepolitische Risiken erzeugen wie der Nahe Osten. Nicht nur Amerika, auch Europa muss sich stärker denn je in Afrika engagieren. Dafür gibt es vor allem moralische Gründe.

Präsident George W. Bush, der vor Jahresfrist keine "nationalen oder strategischen Interessen" mit dem Schicksal des Landes verknüpfen konnte, hat sich unter dem Eindruck der Schreckensnachrichten aus Monrovia eines anderen besonnen. Die Vereinigten Staaten und einige Nachbarländer Liberias intervenieren nun militärisch – zu spät. 200000 Menschen sind bereits umgekommen. Liberia ist, wie viele andere Länder Afrikas auch, nur noch ein parastaatliches Gebilde. Zugleich vermittelt es eine Ahnung von Afrikas Gegenwart und Zukunft.

Ein Weltkrieg in der Mitte

Die große Mehrheit von 700 Millionen Afrikanern lebt unter Despoten und ist heimgesucht von Aids, Malaria, Bilharziose und ständig wachsender Armut. Seit vier Jahrzehnten sinkt das kontinentale Bruttosozialprodukt um jährlich 0,2 Prozent. Bis zum Ende des Kalten Kriegs war der Erdteil den Herrschaftsprojektionen der Supermächte ausgeliefert. Die Folgen in Angola oder Äthiopien waren verheerend. Mit dem Rest der Welt verbindet Afrika nur mehr der Import von Handfeuerwaffen, die Tankerrouten der Ölkonzerne – oder die Naturpark-Romantik der National Geographic- Kanäle. Serengeti darf nicht sterben? Afrika schon.

Die nördliche Hemisphäre verschließt sich den Billiggütern Afrikas. Dort verhindert staatlich sanktionierte Korruption Auslands-Investitionen. Auf der Welthandelsskala kommt der Erdteil praktisch nicht mehr vor. Das amerikanische Verteidigungsbudget entspricht 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aller 48 schwarzafrikanischen Staaten. Auf einer UN-Liste der Entwicklungsländer belegen 26 afrikanische Nationen die Ränge der Allerärmsten. In der Mitte des Kontinents tobt ein genozidaler "Weltkrieg".

Afrika ist eine moralische Katastrophe. Die Verfallsgeschichte Liberias legt einen Teil der Verantwortung für die verheerenden Zustände beispielhaft offen. Über anderthalb Jahrhunderte existierte der Staat freigelassener amerikanischer Sklaven in halbdemokratischer Stabilität. Doch im Jahr 1980 regte sich in der Regierung Tolbert Widerstand gegen den Einfluss amerikanischer Handelshäuser. Das weckte Washingtons Zorn. Die halbe Tankerflotte der Welt fuhr unter liberianischer Flagge. Befördert durch CIA und State Department, putschte eine in den Vereinigten Staaten ausgebildete Elitetruppe um den Feldwebel Samuel Doe gegen Präsident William Tolbert. Dessen Kabinett wurde am Strand von Monrovia erschossen. Zur Belohnung durfte der Mörder Doe als erster Staatsgast Präsident Reagans 1981 im Weißen Haus seine Honneurs machen. Dann überließ ihm die Schutzmacht das Land zur Beute, bis ihm Liberia 1989 von seinesgleichen, unter ihnen der Revolutionskumpan Charles Taylor, wieder abgenommen wurde. Es war ein Raubmord. Der spätere Präsident Taylor war anwesend, als Doe 1990 in Stücke zerhackt wurde. Sieben Jahre Bürgerkrieg folgten.

Amerikas Bereitschaft, in die Selbstmordkrise Liberias einzugreifen (wenn auch mit minimalen Mitteln), ist zu begrüßen – weniger als Wiedergutmachung vergangener "Fehler", genauer: eines außenpolitischen Verbrechens, sondern als Wahrnehmung moralischer Menschenpflichten, um Menschenrechte zu retten. Der naheliegende Imperialismus-Vorwurf wäre erst dann berechtigt, wollten sich intervenierende Staaten nach ihren militärisch gestützten, moralischen Gesten vor dem Wiederaufbau zerfallender Staaten drücken.

Solche Abstinenz gründete auf der Annahme, die Überlegenheit des Westens würde sich zum Wohle der Menschheit von allein durchsetzen. Das verrät ein naives Vertrauen in den Fortschritt der Geschichte. Er ist im Westen mit Demokratisierung und Säkularisierung eng verknüpft. In der Dritten und Vierten Welt aber wächst der religiöse Fundamentalismus.