Passanten gucken verwundert. Was macht denn der Mann da? Fotografiert der wirklich das Kopfsteinpflaster? Da ist doch nichts zu sehen. Nur ein paar Asphaltflicken, mit denen irgendwelche Löcher gestopft wurden. Kopfschüttelnd gehen sie weiter. Womit sich mancher den Sonntag vertreibt! Aber in Berlin ist man ja einiges gewohnt. "Pfostenlöcher der Mauer, dritte Generation", sagt Leo Schmidt mit Kennerblick und trägt eine rote Markierung in seine Karte ein.

Ein bisschen sieht er aus wie Indiana Jones. Groß, markantes Kinn, graues T-Shirt, beigefarbene Cargo-Hose. Doch die Peitsche sucht man vergebens, und Harrison Fords Dreitagebart sowieso. Schmidt ist schließlich ein ordentlicher Professor von der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus (BTU). Außerdem ist sein Schlapphut nicht aus Filz, sondern aus Stroh. "Der hat schon so manche Grabung in Kleinasien mitgemacht." Stolz steckt er den Zeigefinger durch ein Loch. Kugel eines Raubgräbers? "Nein", lacht Schmidt, "bloß 18 Jahre alt."

Und überhaupt geht es hier nicht um den Tempel des Todes oder einen verlorenen Schatz, sondern um die Hinterlassenschaften der Berliner Mauer. Die ist doch komplett weg, lautet das gängige Urteil. Von den erbärmlich angenagten Resten am Martin-Gropius-Bau oder der Mauer-Gedenkstätte in der Bernauer Straße einmal abgesehen.

Doch auch andernorts ist eine ganze Menge geblieben. Wer sucht, der findet. "Eine Entenanlegestelle etwa", sagt Axel Klausmeier, Schmidts wissenschaftlicher Mitarbeiter, und berichtet von seinem jüngsten Fund im dichten Gebüsch am Ufer der Spree, einen Steinwurf von der Schillingbrücke entfernt. "Enten nannten die Grenzer ihre Patrouillenboote." Auch ein Stück Hinterlandsicherungsmauer stehe dort, mitten auf einer Baustelle und zweckentfremdet, um einem Haufen Sand Halt zu geben. Vermutlich wird sie verschwunden sein, wenn die ver.di-Bundesverwaltung fertig ist.

Zwei Jahre waren Leo Schmidt und seine Mitarbeiter im Auftrag des Berliner Senats unterwegs. Sie dokumentierten die Reste der Berliner Mauer auf dem rund 43 Kilometer langen innerstädtischen Grenzstreifen. Die restlichen 112 Kilometer sind Sache des Landes Brandenburg. "Man will wissen, was noch vorhanden ist", sagt Schmidt, um nun, 14 Jahre nach dem Mauerfall, über denkmalpflegerische Unterschutzstellungen zu entscheiden. Nach der Wende war alles, was nach Mauer aussah, in kürzester Zeit abgeräumt. Vor allem die dem Westen zugewandten "vorderen Sperrelemente" und die Wachtürme. Noch die DDR hatte im Dezember 1989 Teile der Mauer unter Denkmalschutz gestellt. Doch die Denkmalsplaketten bewirkten das Gegenteil: Wie ein Gütesiegel lockten sie die Mauerspechte an.

Und so blieb von der bunten Betonwand nichts übrig. Denn die bis zum Schluss verwendete, nach ihrem Einführungsdatum benannte "Grenzmauer 75" bestand aus L-förmigen Stützwandelementen des Typs UL 12.41, mit denen man in der Landwirtschaft offene Silos baute. Sie benötigten keine Fundamente, nur ein Mörtelbett. Einmal abgeräumt, hinterließen sie keine Spuren. Im Gegensatz zum Vorläufermodell, der ab 1965 verwendeten dritten Mauer-Generation: relativ schmale Platten, die zwischen H-förmigen Stahlbetonpfeilern steckten und von einem Abwasserrohr aus Beton bekrönt wurden. "Deren Pfostenlöcher sind noch an vielen Stellen zu finden, wie hier bei der St. Thomas Kirche. Dort drüben, am Engeldamm, sieht man übrigens die Löcher der rückwärtigen Grenzsperren."

Ein paar Meter weiter, hinterm Döblinplatz, stößt man im Unkrautgestrüpp auf ein kniehohes Geländer, rot-weiß gestrichen: "Achtung! Sperrgebiet!" Nur autorisierte Personen durften hier weitergehen. Auch als Pfahl oder bloße Farbmarkierung an der Wand tauchte das Warnsignal auf. In der Regel folgte wenige Meter danach die Hinterlandmauer. Von der ist aber keine Spur mehr zu entdecken. Dafür windet sich der geteerte Kolonnenweg durchs Gebüsch. Gekreuzt wird er von einem Nachwende-Jägerzaun. Und obwohl man sich nur knapp hundert Meter von der quicklebendigen Kreuzberger Oranienstraße entfernt befindet, ist hier, dies- und jenseits des Zauns, pure Wildnis. "Betreten verboten" verkündet ein Schild. Deutsche Kontinuitäten.