KrimkriegEuropas erstes Verdun

Im Sommer 1853 begann der Krimkrieg – und zum ersten Mal zeigte sich der Krieg in seiner neuen, industriellen Gestalt von Gerd Fesser

Jede Zeit hat ihre eigenen Stichworte, ihre Leitartikel-Phrasen und -Metaphern, und so wusste im 19. Jahrhundert jeder Zeitungsleser und Dorfkrug-Politiker, was mit dem "kranken Mann am Bosporus" gemeint war und der "orientalischen Frage". Der "kranke Mann" hieß die Türkei beziehungsweise das Osmanische Reich; bei der "orientalischen Frage" ging es um Sein oder Nichtsein ebendieses Reiches, das in jener Zeit noch immer eine gewaltige Ausdehnung besaß – vom Balkan bis zum Fuß der Arabischen Halbinsel, von Mesopotamien im Osten bis Tunesien im Westen. Doch bereits seit dem Ende des 17. Jahrhundert befand sich das Imperium unter dem Halbmond in einem Zerfallsprozess. Wirtschaftlich sank es auf den Stand eines halbkolonialen Rohstofflieferanten herab, geriet in immer stärkere Abhängigkeit von den ökonomisch fortgeschrittenen Ländern Westeuropas. Zu seinem gefährlichsten Gegner aber hatte sich Russland entwickelt.

Anfang 1853 kam eine komplexe Entwicklung in Gang, die schließlich, im Sommer desselben Jahres, in einen der grauenvollsten Kriege, die Europa bis dahin erlebt hatte, einmünden sollte: den Krimkrieg. Als treibende Kraft agierte der Herrscher aller Reußen, Zar Nikolaus I. Dieser düstere Despot trug, seitdem er 1830/31 den Aufstand der Polen und 1849 den Aufstand der Ungarn blutig niedergeworfen hatte, den Beinamen "Gendarm Europas". Er war davon überzeugt, dass die Tage des "kranken Mannes am Bosporus" gezählt seien und Russland sich beim Zusammenbruch dieses Reiches seine alten Expansionsziele, insbesondere "Zarigrad" (Konstantinopel) und die türkischen Meerengen sichern müsse. Bereits in den 1840er Jahren hatte er vergeblich versucht, die Regierenden Österreichs und Großbritanniens für eine Aufteilung der Türkei zu gewinnen. Seit Januar 1853 entwickelte er in vertraulichen Gesprächen mit dem englischen Botschafter George Hamilton Seymour neue Ideen für eine Aufteilung des Osmanischen Reiches. Der Brite berichtete sofort nach London. Dort war man hellwach, sah man doch vitale eigene Interessen durch die russischen Pläne bedroht.

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Der britische Export in die Türkei hatte zwischen 1825 und 1852 um 800 Prozent zugenommen. Mittlerweile war das riesige Reich der Hauptabnehmer englischer Industrieprodukte. Schon um der Handelsinteressen willen wollten die Briten die Integrität der Türkei erhalten. Des Weiteren ging es ihnen darum, die Verbindungswege nach Indien nicht unter die Kontrolle Russlands fallen zu lassen.

Auch Frankreich – wo sich im Dezember 1851 ein Neffe Napoleons an die Macht geputscht hatte und nun als Napoleon III. regierte – zeigte sich entschlossen, der russischen Expansion entgegenzutreten. Konfliktstoff mit St. Petersburg boten vordergründig die heiligen Stätten in Palästina. Jerusalem und weitere Städte des Heiligen Landes waren überwiegend von Muslimen und Juden bewohnt, die damals noch friedlich zusammenlebten. Die christliche Minderheit hingegen war arg zerstritten. So pflegten sich insbesondere zu Ostern die griechisch-orthodoxen Mönche mit den katholischen Franziskanern zu prügeln. Bei dem, was schon die Zeitgenossen "Mönchsgezänk" nannten, ging es zum Beispiel darum, wer die Grabeskirche in Jerusalem restaurieren und wer den Schlüssel zur Geburtskirche und -grotte in Bethlehem bewahren dürfe. Hinter den Ansprüchen der Orthodoxen stand Russland, als Anwalt der Katholiken blähte sich Frankreich. Napoleon III. suchte sich auf die Katholiken Frankreichs zu stützen. Da ergriff er gern die Gelegenheit, als Verteidiger katholischer Interessen aufzutreten.

Ende Februar 1853 entsandte Nikolaus I. Alexander Fürst Menschikow nach Konstantinopel. Der Admiral sollte mit der türkischen Regierung eine Konvention abschließen, welche die Vorrechte der Orthodoxen an den heiligen Stätten garantierte. Dazu war Konstantinopel bereit. Doch Menschikow hatte noch eine zweite, sehr weitreichende Forderung in petto: Die ganze Türkei solle sich durch einen Vertrag unter das Protektorat Russlands stellen. Dieses Ansinnen wies die türkische Regierung, vom britischen Botschafter Stratford Canning dazu ermutigt, zurück. Menschikow reiste daraufhin am 21.Mai 1853 unter großem Eklat ab.

Drei Wochen später setzten Großbritannien und Frankreich ein deutliches Zeichen: Die britische und die französische Mittelmeerflotte gingen in der Besika-Bucht nahe der Einfahrt zu den Dardanellen vor Anker. Wenig später, Anfang Juli, rückte eine russische Armee von 80000 Mann in die türkisch verwalteten Donaufürstentümer Walachei und Moldau ein. Daraufhin erklärte die türkische Regierung, wiederum von den Briten ermutigt, Russland am 4.Oktober 1853 den Krieg. Die russische Armee überschritt die Donau und begann die strategisch wichtige türkische Festung Silistria zu belagern. Auch griff, am 30. November, die russische Schwarzmeerflotte an. Im Hafen von Sinope setzten die Russen Sprenggranaten ein und schossen sämtliche osmanischen Schiffe in Brand.

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Wenige Wochen später lief die britisch-französische Flotte ins Schwarze Meer ein. Nikolaus machte jetzt Kompromissvorschläge. England und Frankreich traten daraufhin nicht etwa in Verhandlungen ein, sondern erklärten Russland im März 1854 den Krieg. Napoleon III. ging es letztlich darum, Frankreichs alten Anspruch auf eine Führungsrolle in Europa zu bestätigen.

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