Krimkrieg Europas erstes VerdunSeite 5/5
Bis zum Fall von Sewastopol hatten 73000 russische, 70000 französische und 22000 britische Soldaten ihr Leben verloren. 61000 von ihnen waren im Kampf getötet worden, 104000 an Krankheiten und Seuchen gestorben oder ihren Verwundungen erlegen.
Nikolaus I. lebte nicht mehr. Nach seinem Tod am 18. Februar 1855 hatte Alexander II. den Zarenthron bestiegen. Im März 1856 musste er in Paris Frieden schließen. Im Vertrag sowie in weiteren Konventionen garantierten die europäischen Mächte die Unabhängigkeit und Integrität der Türkei. Das Schwarze Meer wurde neutralisiert, und Russland durfte dort fortan keine Kriegsflotte und keine Festungen besitzen. Der Krimkrieg zerstörte endgültig das auf dem Wiener Kongress 1815 geschaffene politische System. Infolge der Haltung Österreichs war die Solidarität der „Heiligen Allianz“, der drei konservativen östlichen Großmächte, zerbrochen. Russland hatte seine Rolle als führende Militärmacht und „Gendarm“ Europas ausgespielt.
Die Niederlage im Krimkrieg führte der Welt vor Augen, wie rückständig Russland tatsächlich war. Alexander II. allerdings zeigte sich im Unterschied zu Nikolaus lernfähig und Ratschlägen zugänglich. Er begriff, dass es für sein Land eine Existenzfrage war, tiefgreifende Reformen einzuleiten, insbesondere die Aufhebung der Leibeigenschaft.
Der vor einigen Jahren verstorbene Historiker und Publizist German Werth hat 1989 in seinem Buch über den Krimkrieg den Kampf um Sewastopol als „Vorwegnahme von Verdun“ bezeichnet. In der Tat – der Krimkrieg war der erste Krieg der Moderne, der erste industrielle Krieg, ein Krieg, in dem allein die materielle Überlegenheit zählte. Auf Menschenleben kam es weniger an denn je, und schon wenige Jahre später fielen im Amerikanischen Bürgerkrieg 200000 Soldaten, 400000 starben an ihren Verwundungen, an Krankheiten und Entbehrungen. Der Erste Weltkrieg dann forderte 10 Millionen Menschenleben, und das sollte noch lange nicht das Ende sein des großen Wahns, der Europa im 20.Jahrhunderts beinahe verschlungen hätte.
Der Autor ist Historiker und Publizist und lebt in Jena
- Datum 07.08.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 07.08.2003 Nr.33
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