familie „Papa schläft jetzt im Büro“

Kochen, waschen, Kinder betreuen, Geld verdienen – Alleinerziehende müssen alles ohne Hilfe bewältigen. Und ihre Zahl steigt rasant

Ich habe es nicht mehr ausgehalten“, stand auf dem handgeschriebenen Zettel, den Matthias Gärtner* um fünf Uhr früh auf dem Küchentisch entdeckte. Seine Frau und die beiden Söhne waren verschwunden, in der Nacht aus der gemeinsamen Wohnung in einem Dorf der Lüneburger Heide geflüchtet. Fünf Wochen lang wusste der damals 30-jährige Heilpraktiker nicht, wo seine Familie steckte. Erst das Jugendamt, dem sich seine Frau anvertraut hatte, nannte Matthias Gärtner schließlich den Aufenthaltsort. Als die Frau sich später persönlich meldete, warf sie ihrem Mann vor, er habe sich vor lauter Arbeit nicht um die Kinder gekümmert. Jakob* war damals zwei, Till* fünf Jahre alt. Das war 1999.

Am Ende der Ehe, nach Unterstellungen und Verletzungen, stand das Urteil eines Familiengerichtes in Hamburg, dass der Heilpraktiker Gärtner und seine Frau sich das Sorgerecht künftig teilen sollten. Das bedeutet: Alle wichtigen Entscheidungen im Leben der Kinder – Schulwechsel, Umzug, Urlaub – müssen sie miteinander abstimmen. Die Kinder wohnen seither bei ihm, Matthias Gärtner ist jetzt alleinerziehender Vater. Seine ehemalige Frau sieht die Kinder nur an Wochenenden und in den Ferien. Sie haben sich am Ende arrangiert. Rundum glücklich mit der neuen Situation ist keiner von beiden.

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Alleinerziehen ist keine Lebensform, für die sich Menschen bewusst entscheiden. Jene eigenständige Karrierefrau, die sich mithilfe eines anonymen Samenspenders ihr Leben mit Kind, aber ohne Mann einrichtet, mag es geben – statistisch relevant ist sie nicht. Wer den Blick auf die Lebensgeschichten der knapp zwei Millionen Alleinerziehenden in Deutschland richtet, erkennt alles, was das Leben zur Tragödie machen kann. Frauen und Männer werden zu Alleinerziehenden, weil Ehen und Lebensgemeinschaften scheitern, weil der Partner stirbt, weil ein Kind nicht geplant war, weil einer von beiden es nicht will – weil die Realität ihren Lebensplänen, in denen komplette Familien einmal die Hauptrolle spielten, einen Strich durch die Rechnung machte. Dass sie ihre Verantwortung im Alltag mit niemandem teilen können, ist ihr Dilemma, ihre Bürde. Mit knapp einem Viertel aller Familien in Deutschland sind die Alleinerziehenden längst keine Randgruppe mehr. Manche sprechen auch von „Einelternfamilien“ – vielleicht, weil dieses Wort nicht ganz so sehr nach Einsamkeit klingt.

In den Lebensläufen von Vätern und Müttern, die Familie, Beruf und Alltag allein organisieren müssen, bündeln sich die Konflikte einer Gesellschaft, die auf Leistung und Effizienz getrimmt ist. Die Risiken des modernen Lebens bedrohen die Alleinerziehenden mehr als andere. Eine längere Krankheit oder eine Kündigung genügen, um sie aus der Bahn zu werfen. Man erwartet, dass Alleinerziehende ihr Leben meistern, und keiner steht hinter ihnen, der hilft, den Spagat zwischen Beruf, Privatleben und Kindererziehung hinzubekommen. Die Angst ist oft allgegenwärtig, schließlich haben Alleinerziehende schon einmal erfahren, was es heißt, eine Zeit lang die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren.

Scheitern, wieder aufstehen und weitermachen – der Kinder wegen

Die junge Familie des Heilpraktikers Matthias Gärtner ist auseinander gebrochen. „Mit der Mutter meiner Kinder wollte ich Arbeit, Haushalt und Erziehung gerecht aufteilen. Ich wollte Familie und Beruf so, dass es rund wird“, sagt der 34-jährige Vater. Nun bauen er und seine Kinder sich einen neuen Alltag. Sie backen Pizza, putzen gemeinsam. „Warum sollte ich die Hausarbeit allein machen, um mich danach erst um Jakob und Till zu kümmern?“, fragt er. Das Zusammensein mit den Söhnen hilft, dass es weitergeht. Scheitern, aufstehen, weitermachen, damit es den Kindern gut geht. Der Streit und die Verletzungen in den Monaten vor der Scheidung haben ihm zugesetzt. Die Wunde ist noch längst nicht verheilt. Er spricht darüber nicht mit Fremden und will nichts davon in der Zeitung lesen. Er will keinen erneuten Streit mit seiner Frau heraufbeschwören und errichtet um sich und seine Kinder einen Wall der Harmonie. Er benötigt diesen Schutzwall, um sein Leben neu zu ordnen.

Noch bis in die sechziger Jahre hinein vermochte das bürgerliche Ideal des Ehebundes Paare bis ans Lebensende aneinander zu schweißen, auch wenn sie sich längst auseinander gelebt hatten. Im Schnitt lag damals die Zahl der Ehescheidungen bei 75000 pro Jahr. Inzwischen nähert sie sich nach einem Zwischentief Anfang der neunziger Jahre geradewegs der 200000-Marke (siehe Grafik Seite 10). Seit 1970 hat sich die Zahl der Alleinerziehenden in Deutschland verdreifacht. Ein Massenphänomen, sagt der Düsseldorfer Kinderpsychologe Matthias Franz, die Gesellschaft dürfe davor die Augen nicht verschließen. In manchen Großstädten der Vereinigten Staaten sind heute vier von zehn Familien „Einelternfamilien“. Der Psychologe Franz sagt: „Wenn weite Teile der Gesellschaft einen tiefgreifenden Bindungsverlust erleiden, mag niemand hinschauen, das macht Angst.“

Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich erkannte schon in den sechziger Jahren eine „vaterlose Gesellschaft“. Er sprach von den Geburtsjahrgängen Mitte der dreißiger Jahre bis Ende des Zweiten Weltkrieges – Kriegswaisen, die ein kollektives Trauma erlebt hatten. Auch Mitscherlich diagnostizierte den Bindungsverlust. Vor allem aber sah er Menschen, die es nicht gelernt hatten, mit Konflikten umzugehen. Im Unterschied zu früher ziehen Partner heute einschneidende Konsequenzen, wenn sie sich entfremdet haben – sie trennen sich. Mehr als die Hälfte aller deutschen Paare, die sich scheiden lassen, haben minderjährige Kinder. Auch die vermögen es am Ende oft nicht, die Eltern dazu zu bewegen, zusammenzubleiben.

Familienforscher machen in erster Linie überhöhte Erwartungen dafür verantwortlich, dass mehr Ehen denn je zerbrechen. So meint beispielsweise der Münchner Familienforscher Wassilios Fthenakis: „Die Menschen wollen das Maximum an Glück in einer Beziehung finden. Diese hohen Erwartungen können mit einer Person auf Dauer nicht realisiert werden.“ In einer Gesellschaft, die ständig mobiler wird, und einer Arbeitswelt, die immer mehr Flexibilität verlangt, soll die Partnerschaft Halt und Sicherheit geben – und wird damit oftmals überfrachtet. Werden die Erwartungen enttäuscht, trennt man sich. Warum auch an einer Bindung festhalten, deren Auflösung längst keinen Makel mehr bedeutet? Auch als Versorgungseinrichtung hat die Ehe ausgedient: Eine Frau, die einen Beruf ausübt, geht im Zweifel lieber eigene Wege, als unter der Ehe bis zum Lebensende zu leiden.

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