BrandenburgThis is not America

Dabei ist die Rede von Boston und Philadelphia. Das aber sind zwei Dörfer, klein und unscheinbar. Sie liegen mitten in Brandenburg von Franz Lenze

Der Pfad nach Boston ist schmal, er führt vorbei an Feldern, an Bäumen, dicht grünt das Unkraut am Wegesrand, und das Fahrrad hüpft über erdige Huckel. Links radelt Frau Ullrich und sagt: "Oh, eine herrliche Gegend." Rechts radelt Herr Krummbein und sagt: "Na ja, so toll isses hier nich." Und kurz hält man inne und überlegt: Boston? Pfad? Huckel? So toll isses hier nich? Müsste es nicht Highway heißen, müsste nicht von Straßenschluchten die Rede sein, von Wolkenkratzern, von chromblitzenden Chevrolets, riesigen Shopping-Malls, all jenen Klischees, von all dieser Größe, Unvernunft, von Menschenmassen, drei Millionen, die drängeln, schieben, reden?

Um es gleich zu verraten: Unser Boston ist ein Dorf. Ein recht überschaubares, das kann man sagen, es liegt in Brandenburg, mitten im deutschen Bundesland, umgeben von 3087 Seen, 240 Naturschutzgebieten und 198 Museen. In unserem Boston gibt es vielleicht 15 Häuser, allesamt grau verputzt; es geht, nähert man sich über unsere Fahrradpiste, vielleicht noch 50 Meter nach rechts und schätzungsweise 100 Meter nach links; hinter einer Reihe Häuser kommt noch eine, Gärten liegen dazwischen, in denen es blüht; und am Ende des Ortes liegt eine Straußenfarm, an deren Zaun nun drei Strauße aufgeregt auf und ab wippen und gucken. Verkauft werden die nicht, die sind nur für den "persönlichen Bedarf", wie jemand sagt. Menschen leben nicht in Boston. Jedenfalls sieht man keine.

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Das einzig Interessante an Boston ist der Name. "Ach, wissen Se", sagt Frau Ullrich da, "erzählt wird, dass die Leute hier früher so gerne nach Amerika auswandern wollten. Weil das aber nicht geklappt hat, haben sie ihre Siedlungen eben nach dem unerfüllbaren Traum benannt." Renate Ullrich, muss man kurz einwerfen, ist laut Visitenkarte Geschäftsführerin des Tourismusvereins Scharmützelsee e.V., "Ihre Gastgeber am Märkischen Meer". Deshalb sagt sie auch, das sei nur eine Legende, alles sei ganz, ganz anders, aber das erfahren wir, sagt nun Tourismusmanager Werner Krummbein, wenn wir nach Philadelphia fahren, das es auch gibt und das selbstverständlich in der Nähe von Boston liegt. Philadelphia sei schon etwas anderes als dieses Boston hier.

Frau Ullrich und Herr Krummbein wollen natürlich, dass man alles schön findet, und sagen in Momenten, in denen es trostlos zu werden droht, dass hier vor 254 Jahren die ersten Kartoffeln angebaut wurden und zwei Dörfer weiter ja auch der Velo-Künstler Didi Senft (roter Anzug, schwarze Hörner auf dem Kopf) überdimensionale Fahrräder zusammenschraube, womit er im Guinness Buch der Rekorde stehe, 17-mal bereits. Außerdem wachse hier auch Tabak, richtig volle Felder gebe es, und das alles glaubt man freilich sofort, denn Brandenburg versammelt einiges in sich, auch Büffel stehen in Ställen, aus deren Milch machen sie Mozzarella.

Schnell ist man aus Boston wieder heraus, das nichts Amerikanisches an sich hat, aber sehr viel schöne Gegend ringsum. Wälder, Felder, grasgrüne Ebenen, auf denen zu jeder Tageszeit Rehe stehen, und am Himmel kreist ein Milan. Wir radeln. Autos überholen uns, die das Kennzeichen LOS haben, was Landkreis Oder-Spree bedeutet, Renate Ullrich aber lieber mit Land ohne Sonne übersetzt, nur stimmt das im Moment gar nicht. Die Sonne scheint sehr wohl, und deshalb sieht Storkow, durch das man muss, samt seinen restsozialistischen Plattenbauten freundlich aus, ja, das abgeplatzte Orange der Fensterrahmen entwickelt zum betongrauen Rest der Häuser gerade einen gewissen Charme. Storkow ist ungefähr das New York Brandenburgs, was die Lage betrifft. Im Norden Boston, im Süden Philadelphia, in der Mitte Storkow. Wie in Amerika, irgendwie. Eine Burg aus dem 10. Jahrhundert steht hier, vielmehr das, was von ihr übrig blieb. Vor 15 Jahren ist sie abgebrannt. Ein Kurzschluss im Kabelkasten war schuld, eine Sonnabendnacht und der Hausmeister nicht da, "na ja", sagt Werner Krummbein, "den Rest sehen wir nun hier". Arbeiter stützen gerade eine Mauer ab, Kompressoren dröhnen. Die Burg soll wieder aufgebaut werden, das aber, sagt Krummbein, koste mindestens noch zwei Millionen Euro.

Hinter Storkow steht ein ausgedienter Strommast, darauf nisten zwei Störche, das gab es schon lange nicht mehr hier. Flach ist die Gegend, sie eignet sich wunderbar zum Fahrradfahren, das Wegenetz ist ausgebaut, fast 300 Kilometer am Stück. Es dauert auch nur eine halbe Stunde, bis wir Philadelphia erreicht haben.

Philadelphia beginnt an einer Brücke, von dort blickt man auf einen Kanal hinab. Langsam fließt das Wasser, ruhig ist es, Bäume stehen krumm, Vögel zwischern, es riecht nach Flieder. Der Kanal war mal wichtig, auf ihm wurden Baumstämme bis nach Berlin geflößt, Lastkähne getreidelt, also mit einem Seil vom Ufer aus gezogen. Lange her, heute lässt sich hier einsam wandern, unter Bäumen, zwischen Wiesen, und wenn man Glück hat, sieht man ein paar Fischreiher bei der Arbeit. Philadelphia hat 300 Einwohner, ist schätzungsweise drei Kilometer lang, kaum breit, alles in allem zehn Hektar groß. Das erste Haus am Platz gehört Herrn Kiesewetter, "der macht in Tiefbau", wird geraunt, "das sieht nur so einfach hier aus, der ist aber ’ne große Nummer." Was man wohl auch daran merke, dass Herr Kiesewetter in seinem Garten, der nun wirklich sehr groß ist, lebendes Damm- und Schwarzwild sammle, "nur so zur Freude".

Ansonsten aber kranke Philadelphia leider, sagt Werner Krummbein. Philadelphia hat nämlich keine Gaststätte mehr. Nur noch ein Schild, das sie ankündigt. Weshalb eine Delegation aus Philadelphia, also aus dem großen, die neulich zu Besuch kam, um sich das Brandenburgische Dorf anzugucken, sich nicht in Petra’s Gaststätte zurückziehen konnte, sondern ein Zelt aufbauen ließ, es gab zu trinken und zu essen, man kam sich nahe. Das war schön, sagt Werner Krummbein. 81 Jahre lang hatte das Dorf sogar eine Schule, bis 1988. Jetzt hält sie als Gemeindehaus her, da wartet Frau Hoppe. Frau Hoppe, Philadelphias Stadtarchivarin, fünf Spangen im grauen Haar, sie ist im Rentenalter, wirkt aber kein bisschen so. Sie sagt: "Wissen Se, ich hab da schon was vorbereitet, das fragen die Leute ja immer." Und kopfschüttelnd fügt sie an: "Die Reporter zischen hier durch und schreiben, die Sachsen gründeten Philadelphia."

Und?

"Das ist Quatsch."

Wer dann?

"Na warten Se mal ab."

An dieser Stelle kommt aber erst mal eine freundliche Frau herein und sagt: "Hier kommt erst mal der Kaffee", und den trinken wir, während Frau Hoppe ungeduldig auf die Papiere klopft, die vor ihr liegen. "So, so", sagt sie, "ich erzähle jetzt zuerst was über die Geschichte und dann, wie es zum Namen kam." Vorm Fenster liegt die Straße, auf der nichts passiert, keine Menschen kommen vorbei, auch keine in Autos oder auf Fahrrädern. Draußen ist es ruhig, drinnen redet Frau Hoppe. Schlagwörter: 1713, Franken, Pfälzer, Schlesier und Friesen siedelten in der Gegend, arme Leute. Von Philadelphia war noch keine Rede. Jahre später, die Schlesischen Kriege, Soldaten zogen hierher, Verwundete, 16 Familien insgesamt, Tagelöhner, genannt: Kolonisten. 1772 bekam das Dorf seine Urkunde, der Name: Bei dem Hammlstalle. Nur den Kolonisten gefiel das nicht. Wer will schon im Schafstall wohnen? Sie beschwerten sich bei FriedrichII., und der König, weil er ein großer Fan Amerikas war, wie man erzählt, habe kurzerhand den Namen Philadelphia befohlen. "Er wollte die neue Welt in sein Land bringen", sagt Frau Hoppe, darüber muss sie jetzt lachen. So war das: Nach Amerika kam keiner dieser Kolonisten, das hätte 250 Taler gekostet, verdient haben die aber nur 10 – im Jahr. Was blieb da anderes übrig? Vier Familien wohnten in einem Haus, sie beackerten ein kleines Stück Land, Kartoffeln darauf, alle fünf Jahre gab es eine Hungersnot. "Ich schlage vor, ich zeig mal so ein Haus. Treffen wir uns an der Eiche." Alle nicken. Philadelphia ist so klein, dass die Menschen hier einfach sagen können: "Wir treffen uns an der Eiche", und dann treffen sie sich an der Eiche, weil die riesig ist und weithin sichtbar.

Die Eiche steht im Luchweg vorm Haus Nummer eins. Haus Nummer eins ist ein mustergültiges Beispiel für das, was Frau Hoppe ein Kolonistenhaus nennt: gedrungen, weiß, klein, umgebaut ist das jetzt, ja, aber früher gab es da drinnen einen Rauchfang von zwei mal drei Meter Grundfläche. Und der Rauch, bevor er gen Himmel stieg, räucherte erst mal die Familien ein. Im Garten zupft ein Mann Unkraut, und Frau Hoppe lacht und winkt und grüßt. "Walter, wir gucken uns dein Haus an." Und Walter hebt den Kopf und brummt: "Aber nur von außen."

Das ist Philadelphia, das wie Boston ist, nur ein bisschen größer, ein bisschen schöner. Schnell ist man auch aus Philadelphia wieder heraus, rechts noch einmal am See vorbei, aus dem sie früher Ton holten, 1860 bis 1910, um daraus Ziegel zu brennen fürs nahe Berlin; vor uns die Straße, kein Verkehr, nirgends. Es nützt nichts, zu fragen, ob man vielleicht diesmal am Kanal entlangradeln könnte, am Wasser, zurück nach Boston. "Das geht leider nicht", sagt Werner Krummbein, "wir würden nicht über die Türkenhügel kommen." Türkenhügel? "Ja", sagt Herr Krummbein und lächelt. Boston, Philadelphia, Türkenhügel. Ach, Brandenburg.

Gleich um die Ecke liegt übrigens Kamerun.

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