Musik Radeln für die Avantgarde

„Tour de France Soundtracks“: Kraftwerk, Deutschlands einflussreichste Band, kehrt zurück

Vertrackt ist die elektronische Zukunft, rätselhaft und launisch. Als sie noch jung war, wog sie Tonnen und ließ sich kaum vom Fleck bewegen. In ihren mittleren Jahren passte sie bereits in ein Studio, wo sie sich von technisch versierten Männern widerwillig bearbeiten ließ. Heute ist sie mobil geworden, benutzerfreundlich, doch auch ein wenig willfährig: Ob Sampling, Download oder digitale Weiterverarbeitung, alles ist ihr eins und null. Nicht nur zum Gefallen der Pioniere. Maschinen sind die besseren Menschen - das Kraftwerk-Team 2002

„Wir sind auf alles programmiert, und was ihr wollt, wird ausgeführt“ – so schön wie in dem berühmten Kraftwerk-Stück Die Roboter singen die Maschinen nur, wenn ihre Schöpfer das Beste noch vor sich haben. Wenn Tradition ein Widerstand des Materials ist, den es mit Geduld und Erfindungsgabe zu brechen gilt. Ist die Operation geglückt, kommt tatsächlich Musik aus den Schaltkreisen, beginnt der Prozess sich umzukehren. Dann ächzen die Erfinder unter der Aufgabe, ihre Großtaten von einst zu wiederholen. Und je besser die Roboter funktionieren, desto höhnischer das Echo: Alles bekannt, alles schon dagewesen!

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Vielleicht wären die Kraftwerker Ralf Hütter und Florian Schneider ohne diese Bürde glückliche Menschen. Endlich könnten sie sich in Ruhe ihrer Lieblingsbeschäftigung widmen, dem Radfahren, das sie in den frühen Achtzigern für sich entdeckten und seither exzessiv betreiben. Doch die Aufgabe ruft, und die Helden müssen folgen. Beim Nachfahren schwieriger Bergetappen ist ihnen die Straße eine Fortsetzung des Studios mit anderen Mitteln. "Wir wollen die Muskeln des Menschen verherrlichen", erklärt Hütter, beim Düsseldorfer Elektronikprojekt von jeher für das Ideelle zuständig. Radfahren mit Konzept- darunter machen Hütter und Schneider es nicht. Schließlich sind sie keine gemeinen Velocyclisten, sie radeln für die Avantgarde.

Tour de France Soundtracks heißt ihr am Montag erschienenes jüngstes Album. Und dass der Kampf um die Zukunft seine Risiken birgt, zeigt bereits die Panne beim Veröffentlichungstermin: Zwei Wochen Rückstand auf die letzte Zieleinfahrt in Paris – Robotern wäre das nicht passiert! Obwohl die Idee, ein Konzeptalbum rund um die Tour zu basteln, ganze zwei Jahrzehnte auf dem Buckel hat, obwohl das Titelstück eine digital aufpolierte Version des Kraftwerk-Klassikers von 1983 ist, sind Hütter und Schneider, die mit wechselnden Mietmusikern ein Quartett bilden, nicht rechtzeitig zum Event fertig geworden. Die vielen Details, die ultimative Abmischung, der allerletzte Schliff! Es könnte freilich auch sein, dass dieses Werk einfach nicht zur Welt kommen wollte: Nach langen Jahren der Aurapflege wird der Kraftwerk-Mythos an aktuellem Material überprüfbar.

Nicht dass die Sache unflott daherkäme. Chrono , einer der neuen Titel, ist eine elektronische Hymne auf die Zeitmessung, Elektro Kardiogramm setzt sich aus Herzschlag- und Atem-Samples zusammen. Die ineinander fließenden Rhythmen simulieren Beschleunigung, die in endlose Trance übergegangen ist, während eine verfremdete Computerstimme Pathosformeln in konstruktivistischem Französisch deklamiert: „Perfection Mékanik, Aéro Dynamik, Materiel et Technik“. „Kraftwerk tragen auch 2003 noch das gelbe Trikot. Sie liegen noch immer Meilen voraus“, prahlt es dazu vom Promoblatt. Dem allerdings muss widersprochen werden. Das Team Kraftwerk ist in seiner eigenen Vision gefangen. Es kultiviert eine Science-Fiction-Variante von elektronischem Kraftsport, die ihre Stilistik aus der Vergangenheit bezieht.

Ledern sind die Helme der Fahrer auf dem Cover, geometrisch abstrakt ihre Bahnen. Der Schweiß, der auf der Tour in Strömen fließt, hat in diesem Arrangement so wenig eine Chance wie der Gesang der Kniekehlen. Statt einen „Wettbewerb in sinnlosem Leiden“ (Lance Armstrong) nachzuvollziehen, agieren die Protagonisten wie Figuren aus einem mechanischen Ballett. Es sind die Avantgarden der zwanziger Jahre, die dem Unternehmen Pate standen: das Rad als Instrument futuristischer Fantasie, eine rollende Skulptur, die von der heroischen Verschmelzung von Atem, Rhythmus und Bewegung kündet. Was fehlt, ist die übergeordnete Idee vom neuen Menschentum. Die Tour de France Soundtracks sind ein Übung in Sachen Agitprop, die nur noch für den Mythos der Band selbst wirbt: vier Techno-Germanen, die der Welt ein letztes Mal ihre Überlegenheit beweisen wollen.

Überraschend kommt das nicht. „Unser Wesen ist sehr deutsch, sehr präzise, sehr perfektionistisch“, so sprachen Hütter und Schneider, zwei Söhne des gehobenen rheinischen Bürgertums, schon immer. Bereits in den frühen Siebzigern, als alles um sie herum noch treuherzig angloamerikanischen Vorbildern nacheiferte, Gitarren folterte und sich die Haare dabei bis zum Hintern wachsen ließ, inszenierten sie sich als kühle Technokraten mit grauen Anzügen und Seitenscheiteln, die täglich zu festgesetzten Zeiten in ihrem Studio verschwanden, um am Sound des postindustriellen Zeitalters zu tüfteln. Der Musiker als Labortechniker, uninteressiert an schwitzenden Akten der Verausgabung – eine größere Provokation ließ sich schwerlich denken in einer Zeit, als weltweit das Abschütteln des Körperpanzers geprobt wurde.

Entsprechend emotionslos und funktional die Musik. Fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn, Kraftwerks größter Hit: eine 20-minütig dahingleitende Affirmation menschenferner Mobilität. Trans Europa Express: eine Feier der Stromlinienförmigkeit. Nein, dies war keine Hippie-Band, sondern ein etwas gruseliges Agglomerat von Sound-Ingenieuren im Geiste Wernher von Brauns. Als die Angst vor dem Überwachungsstaat umging, hieß es bei Kraftwerk It’s more fun to compute . Und während die Antiatomkraftbewegung in Wollpullovern protestierte, besangen sie den Fortschritt durch Radioaktivität. Entsprechend frostig fiel die Reaktion daheim aus, im Ausland war sie freundlicher: Sie hatten was, diese verrückten Deutschen. Sie hatten die Zukunft auf ihrer Seite.

Kraftwerk waren die ersten, die die Computer zum Tanzen brachten. Sie spielten keine Stücke mehr, sondern Tracks, die am Reißbrett ihrer Konsolen entworfen wurden. Sie entmystifizierten den Schöpfungsprozess, indem sie die Rolle der Technik in den Vordergrund rückten. Auch verstanden sie ihr Projekt nicht als organischen Bandzusammenhang, sondern als Klangforschungsunternehmen mit Chefs und Angestellten, die bei Bedarf entlassen oder wegrationalisiert werden können. Höhe- und Scheitelpunkt ihrer Karriere waren die Siebziger, als Hütter und Schneider in Interviews offensiv mit der Idee spielten, sich auf der Bühne von Robotern ersetzen zu lassen. Und tatsächlich bastelten sie in ihrem Studio vier Doppelgänger, bei künstlicher Beleuchtung kaum von den menschlichen Originalen zu unterscheiden. In vielem war dies eine Vorwegnahme des Dienstleistungs-Pops der Gegenwart, von anonymen Produzenten für anonyme Konsumenten hergestellt. Doch wie es eben so ist mit zukunftsweisenden Ideen: Im Moment ihrer Verwirklichung beginnen sie bereits zu verblassen. Und plötzlich sind die Pioniere selbst Rationalisierungsopfer.

Wenn ihre aktuelle Tour de Force trotz des erkenntlichen Bemühens mitzuhalten im Verfolgerfeld der Innovation ebenso bemüht wie konzeptionell überlastet klingt, liegt dies zum einen an der rasenden Dynamik des elektronischen Fortschritts: Sounds werden längst nicht mehr mühevoll analogen Synthesizern abgetrotzt, sie kommen, genau wie vorhergesagt, auf Knopfdruck aus Siliziumchips. Mit der historischen Einspeisung des Kraftwerk-Repertoires ins digitale Archiv, wie sie die Band selbst noch Anfang der Neunziger auf ihrem Best-of-Album The Mix vornahm, war auch die Pionierphase der elektronischen Musik abgeschlossen. Seither führen die Klänge ein von ihren Erzeugern befreites Eigenleben: als, neben den Funkrhythmen James Browns, meistgesampleter Rohstoff der Techno-Musikgeschichte.

Aber auch die Konfrontation mit den Protest- und Natürlichkeitsmythen der Hippie-Ära, der die Kraftwerk-Musik ihr eisiges Pathos verdankt, gehört der Vergangenheit an. Sie war ein Produkt der alten Bundesrepublik, mit dem sich für Furore sorgen ließ, solange die Angst vor den Deutschen und ihrem Wesen umging. Inzwischen ist sie, wie andere Entwürfe der Popgeschichte auch, im großen Supermarkt der Lebensentwürfe und National-Folklorismen aufgegangen, mehr comicartig als heroisch beerbt von Erscheinungen wie Rammstein oder den Berliner Lärmterroristen Atari Teenage Riot. Mögen Letztere auch die Hölle heraufbeschwören mit ihren Sperrfeuer-Samples – in Japan und Amerika wird es als tolle Show empfunden. Und auf Veranstaltungen wie der Love Parade haben nachfolgende Generationen bewiesen, dass elektronische Musik keine Angelegenheit der Eliten ist, sondern schlichtes Volksvergnügen.

Dem Fortschritt können Kraftwerk 2003 nicht mehr den Takt diktieren. Ihre Soundtracks zur Tour der Leiden sind heute selbst ein Rückzugsgefecht, das sich als Vorhut geriert. Es hat freilich auch etwas Tröstliches, dieses letzte Aufflackern techno-deutscher Avantgardeansprüche im Moment ihres Vergehens. Menschen wollen einfach nicht verschwinden von der historischen Bühne, sie verfügen Maschinen gegenüber immer noch über den größeren Eigensinn. Die Roboter, die Kraftwerk einst auf ihre Tourneen mitnahmen, wären leichter zu handhaben. Sie ließen sich widerstandslos dorthin verfrachten, wo sie vor Jahren zu Ausstellungszwecken schon einmal standen: ins Bonner Haus der Geschichte.

 
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