Musik Radeln für die AvantgardeSeite 2/2
Kraftwerk waren die ersten, die die Computer zum Tanzen brachten. Sie spielten keine Stücke mehr, sondern Tracks, die am Reißbrett ihrer Konsolen entworfen wurden. Sie entmystifizierten den Schöpfungsprozess, indem sie die Rolle der Technik in den Vordergrund rückten. Auch verstanden sie ihr Projekt nicht als organischen Bandzusammenhang, sondern als Klangforschungsunternehmen mit Chefs und Angestellten, die bei Bedarf entlassen oder wegrationalisiert werden können. Höhe- und Scheitelpunkt ihrer Karriere waren die Siebziger, als Hütter und Schneider in Interviews offensiv mit der Idee spielten, sich auf der Bühne von Robotern ersetzen zu lassen. Und tatsächlich bastelten sie in ihrem Studio vier Doppelgänger, bei künstlicher Beleuchtung kaum von den menschlichen Originalen zu unterscheiden. In vielem war dies eine Vorwegnahme des Dienstleistungs-Pops der Gegenwart, von anonymen Produzenten für anonyme Konsumenten hergestellt. Doch wie es eben so ist mit zukunftsweisenden Ideen: Im Moment ihrer Verwirklichung beginnen sie bereits zu verblassen. Und plötzlich sind die Pioniere selbst Rationalisierungsopfer.
Wenn ihre aktuelle Tour de Force trotz des erkenntlichen Bemühens mitzuhalten im Verfolgerfeld der Innovation ebenso bemüht wie konzeptionell überlastet klingt, liegt dies zum einen an der rasenden Dynamik des elektronischen Fortschritts: Sounds werden längst nicht mehr mühevoll analogen Synthesizern abgetrotzt, sie kommen, genau wie vorhergesagt, auf Knopfdruck aus Siliziumchips. Mit der historischen Einspeisung des Kraftwerk-Repertoires ins digitale Archiv, wie sie die Band selbst noch Anfang der Neunziger auf ihrem Best-of-Album The Mix vornahm, war auch die Pionierphase der elektronischen Musik abgeschlossen. Seither führen die Klänge ein von ihren Erzeugern befreites Eigenleben: als, neben den Funkrhythmen James Browns, meistgesampleter Rohstoff der Techno-Musikgeschichte.
Aber auch die Konfrontation mit den Protest- und Natürlichkeitsmythen der Hippie-Ära, der die Kraftwerk-Musik ihr eisiges Pathos verdankt, gehört der Vergangenheit an. Sie war ein Produkt der alten Bundesrepublik, mit dem sich für Furore sorgen ließ, solange die Angst vor den Deutschen und ihrem Wesen umging. Inzwischen ist sie, wie andere Entwürfe der Popgeschichte auch, im großen Supermarkt der Lebensentwürfe und National-Folklorismen aufgegangen, mehr comicartig als heroisch beerbt von Erscheinungen wie Rammstein oder den Berliner Lärmterroristen Atari Teenage Riot. Mögen Letztere auch die Hölle heraufbeschwören mit ihren Sperrfeuer-Samples – in Japan und Amerika wird es als tolle Show empfunden. Und auf Veranstaltungen wie der Love Parade haben nachfolgende Generationen bewiesen, dass elektronische Musik keine Angelegenheit der Eliten ist, sondern schlichtes Volksvergnügen.
Dem Fortschritt können Kraftwerk 2003 nicht mehr den Takt diktieren. Ihre Soundtracks zur Tour der Leiden sind heute selbst ein Rückzugsgefecht, das sich als Vorhut geriert. Es hat freilich auch etwas Tröstliches, dieses letzte Aufflackern techno-deutscher Avantgardeansprüche im Moment ihres Vergehens. Menschen wollen einfach nicht verschwinden von der historischen Bühne, sie verfügen Maschinen gegenüber immer noch über den größeren Eigensinn. Die Roboter, die Kraftwerk einst auf ihre Tourneen mitnahmen, wären leichter zu handhaben. Sie ließen sich widerstandslos dorthin verfrachten, wo sie vor Jahren zu Ausstellungszwecken schon einmal standen: ins Bonner Haus der Geschichte.
- Datum 07.08.2003 - 14:00 Uhr
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- Serie musik
- Quelle (c) DIE ZEIT 07.08.2003 Nr.33
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