Jede Debatte hat ihren blinden Fleck. Im Streit um den Irak-Krieg ist alles Mögliche umgewälzt worden, nur eine Frage wurde niemals gestellt: ob nämlich die Demokratie, wenn sie überhaupt durch Krieg eingeführt werden kann, den Irak tatsächlich friedlicher, zumindest weniger bedrohlich machen und der westlichen Lebensart näher rücken werde.

Augenscheinlich ist dies eine Annahme, die uns so selbstverständlich erscheint, dass wir sie nicht mehr diskutieren: dass es im Leben der Völker bestimmende Kräfte gibt, die allen anderen Kräften ihren Charakter aufprägen. Zu den bestimmenden Kräften rechnen wir offenbar die Politik. Ändert sich die Regierungsform, erwarten wir auch einen Wandel der Kultur. Von einem demokratischen Irak nehmen wir an, dass er Toleranz, Pluralismus, eine Abneigung gegen Märtyrertum, Terrorismus und andere Formen von Fanatismus erzeugen werde. Mehr noch, wir erwarten sogar die Emanzipation der Frau und die Liberalisierung der Märkte.

Aber warum? Weil im Westen die Demokratie zusammen mit diesen kulturellen und wirtschaftlichen Haltungen auftritt und wir offensichtlich der Meinung sind, dass Kultur und Wirtschaft der politischen Vorgabe folgen. Eine andere, nicht weniger verbreitete Meinung setzt voraus, dass die Wirtschaft die entscheidende Kraft ist, und, wenn einmal die Weichen für Privateigentum, Handel und Kapital gestellt sind, Demokratie und Pluralismus von selbst hinterherpurzeln. Nicht verbreitet dagegen scheint der Gedanke, dass alle diese Erscheinungen sich nebeneinanderher entwickelt haben und nur historisch zufällig in der zeitgenössischen Gesellschaft des Westens gemeinsam auftreten.

Und noch viel ferner liegt uns die Vorstellung, dass die Hierarchie sich vielleicht umdrehen ließe und nicht Politik oder Wirtschaft die bestimmende Kraft sei, sondern die Kultur. Offenbar sind wir längst alle Vulgärmarxisten geworden und denken, dass Kultur, verstanden als Reich der Sitten, Bräuche und Gedanken, eine Sache des Überbaus ist, der zu einer gegebenen politischen und wirtschaftlichen Situation einfach hinzugebastelt werde.

Dafür gibt es auch gute Gründe, zu denen vor allem der Optimismus des Machbaren gehört. Denn Politik lässt sich ändern; Wirtschaft, mit etwas mehr Mühe, auch. Aber was sich nicht oder jedenfalls nicht schnell ändern lässt, ist die Kultur, unsere Neigung, Brötchen zum Frühstück zu essen, Sinfoniekonzerte zu hören oder Religion als Privatsache zu betrachten. Gewohnheiten und Einstellungen dieser Art sind in Jahrhunderten gewachsen und werden sich, aller Voraussicht nach, auch nur über Generationen hinweg wandeln. Sollte Kultur das Vorgängige sein und Wirtschaft oder Politik die Folgephänomene, dann müsste man für eine Verwestlichung des Iraks schwarz sehen.

Der Omnibus, ein Hinduschrein

Das hieße nicht, dass Demokratisierung unmöglich wäre. Es hieße schon gar nicht, dass Demokratie und bürgerliche Freiheiten von Irakern oder Muslimen nicht gewünscht würden. Es hieße aber, dass mit ihrer Einführung keineswegs der Weg zur westlichen Lebensform beschritten würde. Es wäre durchaus denkbar, dass die Religion ihren verpflichtenden Charakter behielte, sogar in Formen einer Staatskirche. Es wäre genauso denkbar, dass Frauen weiterhin von vielen Bereichen der Gesellschaft ausgeschlossen blieben, möglicherweise sogar mit ihrer Billigung. Denkbar wäre auch, dass Israel von frei und geheim gewählten Abgeordneten als Staatsfeind Nummer eins bekräftigt würde; sogar dass ein Projekt zur Finanzierung und Ausbildung von Selbstmordattentätern von einem Parlamentsausschuss beschlossen würde. Nur Träumer können glauben, dass demokratisch legitimierter Terrorismus unmöglich wäre.

Mit anderen Worten: Wenn das für Westler Unausdenkliche der Fall wäre und die Kultur die geheime Herrscherin der Gesellschaft ist, dann gäbe es nicht die geringste Garantie für eine Entwicklung des Iraks in die von uns gewünschte Richtung. Nicht die neu eingeführte Politik würde die Kultur modellieren, sondern die längst eingeführte Kultur würde sich die Politik zurichten. Es würde der schönen, neuen Westdemokratie vielleicht ergehen wie jenen Omnibussen, die in Indien nach westlichen Blaupausen gebaut, dann aber von ihren Eignern so lange mit Farben, Amuletten, Seidentroddeln, Spiegelscherben, Büffelhörnern bearbeitet werden, bis sie eher an einen Hinduschrein erinnern.