Notizen Das große Vergeblichkeitsschluchzen
„Meßmers Reisen“: Martin Walser begegnet in seinem Notizbuch alten Feinden, neuen Verbitterungen und findet Trost im Hier und Jetzt
Einmal alles anders machen. Ferien vom Klamauk. Schluss mit Susi und ihresgleichen. Klares Wasser in die dicke Brühe des Erzählens. Martin Walsers neue Notatensammlung aus der Feder eines Herrn Tassilo Herbert Meßmer, dem Publikum seit der 1985 erschienenen Vorgängerschrift bekannt, ist Erholung vom literarischen Alltag, seinen Stoffen, Strukturen und Figuren. Endlich einmal: keine aufgedonnerte Story, kein Dekor, keine Kolportage und keine gelben Pullunder. Stattdessen: Gewicht verlieren, das eigene und das Gewicht der Welt, die Bühne leer räumen und mit so gut wie nichts noch einmal beginnen.
Eine alte, unverwüstliche Idee von reiner Literatur mag hier im Spiel sein, der Wunsch nach einer Prosa povera, ohne Kostüm- und Bühnenbildner, ohne Intrige, dafür mit einer Prise Monsieur Teste, einem Hauch Blütenstaubfragmente, ein wenig Haiku, einer sanften Verneigung vor den Sudel- und Aphorismusbüchern dieser Welt. Im Hintergrund vielleicht die Hoffnung, das Erzählen ohne Gepäck führte tiefer hinein in das verborgene Wahrheitszentrum der Literatur. Als wäre die Höhle des realistischen Erzählens nicht alles. Als wäre die reine Idee des Literarischen etwas, das man erst sieht, wenn man die Hüllen und Schleier der gut gemachten Story fallen lässt.
Doch keine Sorge: So nackt und bloß tritt uns Martin Walser denn doch nicht entgegen. Auch handelt es sich hier um ein Notizbüchlein, nicht um ein kapitales Werk, das dazu geeignet wäre, von den Prämissen und Pullundern des Walserschen Œuvre ernsthaft Abschied zu nehmen. Meßmers Reisen ist ein offenbar seit Jahrzehnten geführtes fiktives Tagebuch, eine Sentenzensammlung, ein Arbeitsjournal mit Erzählfragmenten, die in den Umkreis des Amerika-Romans Brandung (ebenfalls 1985) zu gehören scheinen, eine Porträtskizze, die der alten Figur, dem Alter Ego Meßmer, ein paar neue Striche hinzufügen.
Meßmer, ein Intellektueller, ein Autor, ein Professor gar, dessen Seele süddeutsche Konturen aufweist, hielt sich schon vor achtzehn Jahren als Gastprofessor in Kalifornien auf, klagte schon damals über Leeregefühle, übte sich in Selbstverachtung und stellte in etwa eine Kurzfassung aller möglichen Walser-Figuren dar, war Melancholiker, Rechthaber, Welt- und Menschenverächter in einem, dabei in seiner grenzenlosen Liebesbedürftigkeit stets bemüht, eine gute Figur abzugeben.
Daran hat sich nichts geändert. Figur, Stimmung, Universität, ja ganze Aphorismen sind aus dem alten Notizbuch übernommen. Meßmer steht noch immer in Kalifornien auf dem Campus am Kaffeeautomaten herum, betrachtet, in der langen Zwischenzeit offenbar etwas altersgeil geworden, aufmerksamer als zuvor Beine und Busen der ihm anvertrauten Damen. Überhaupt ist das neue Buch leidenschaftlicher, weniger abgeklärt, weniger weltverloren als das alte. Zeitumstände, Reagans Außenpolitik, Reisen durch die DDR, durch die süddeutsche Provinz, die Ankunft in L.A. werden beschrieben, das Reisemotiv erzwingt Konkretion, unterhält mit allerlei Eisenbahnanekdoten, Schaffnergeschichten, Reisebekanntschaften, Blicken aus dem Zugfenster, Bahnhofsimpressionen, gefolgt von Hotelzimmertristesse, Lesungen, Häppchenplatten, den Damen vom örtlichen Kunstverein – Krumen vom Schwarzbrot des Schriftstellerlebens.
Gleichzeitig wirkt das neue Buch weiter hineingetrieben in eine melancholische Koketterie, eine schicke Lebensmüdigkeit, manchmal auch in großmauliges Floskelwesen: „Die Flügel der Geschichte schlagen unsere Lebensluft. Flügel hat die Geschichte, einen Körper hat sie nicht. Sie ist nichts als Flügelschlagen.“
Das alte Walser-Motiv der pietistischen Selbsterniedrigung zum Zweck der Selbsterhöhung verliert, ohne literarische Einkleidung, seinen gewohnten Charme. Es ist bekannt, dass Walsers Helden vor sich selbst und der Welt nichts gelten und auf ihre Nichtigkeit und Bedeutungslosigkeit größten Wert legen. Meßmer, der sich übrigens abwechselnd als er oder ich zu Wort meldet, macht da keine Ausnahme. Seine Seele, klagt er, sei „verschmiert“, niedergeschlagen sei er, von prominenten Feinden umzingelt, Mächtigen, die ihn in seinen Albträumen erschießen wollten, ein Opfer, schlimmer noch: „die Asche einer Glut, die ich nicht war“. Ein großes Vergeblichkeitsschluchzen ist das: „Hätte man doch, als man lebte, gelebt.“ Die Tränen sind „aus Stein“, die Welt „hohl“, das Leben „eine Wunde“, Transzendenz eine „Erbsünde“, Wirklichkeit und Sprache „nicht mit einander kompatibel“ und „Rabenschwärze“ all überall auf den Tannenspitzen dieses alternden Herzens. Das ist schrecklich und routiniert, ja vielleicht sogar schrecklich routiniert. Rituale der Auslöschung, die in ihrer rhetorischen Glätte durchaus Bundesbahn-kompatibel bleiben.
Aus der Asche dieses Ich erhebt sich deswegen auch ungebrochen ein Phoenix der Anklage, der alte Rechthaber, der zwar nicht weiß, wo Gott wohnt, aber keinen Zweifel daran lässt, wo seine Feinde sitzen: links oben. „Die oben sind, behandeln uns von oben herab. Kein Unterschied zu denen, deren Talare sie 1968 schmähten.“ Die neue Rechte sollte man dennoch nicht rechts unten vermuten. Keine Frage: „Nichts, was mir wichtig ist, ist links oder rechts.“ Die alten Antworten.
Die alten Feinde. Die neuen Verbitterungen. Trost gibt es auch, Glück sogar. Der fahrende Zug, der Bistrokellner, ein bestimmter Wald zwischen Ulm und Stuttgart, Nebel im Zimmer, die Sonne am Himmel, das Glänzen der Schienen. Und eine nachgerade altgriechische Wahrheit: „Für mich gibt es nur, was es jetzt gibt.“ Das Licht, das Sichtbare, das, was es „gerade“ gibt. Doch im nächsten Augenblick wird es verschwunden sein. Und die Geschichte schlägt wieder unerbittlich mit ihren Flügeln. Martin Walser wird ihr das nie verzeihen.
Martin Walser: Meßmers Reisen Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003; 191 S., 17,90 ¤Meßmers ReisenBelletristikMartin WalserBuchSuhrkamp Verlag2003Frankfurt am Main17,90191- Datum 07.08.2003 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 07.08.2003 Nr.33
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



