altersforschung Der Rat der Greise
Im Alter kommt mancher Mensch auf weise Gedanken. Paul Baltes forscht, um diese Gabe nutzbar zu machen
Es gibt Wissenschaftler, die werden Teil ihrer Forschung. Der Berliner Entwicklungspsychologe und Altersforscher Paul Baltes ist so einer. Er wächst sozusagen automatisch ins eigene Forschungsfeld hinein – die Biografie als Selbstversuch. „Das Alter ist in einer sehr interessanten Weise jung“, sagt er. Denn so alt wie heute werden die Menschen noch nicht lange. Vor 100 Jahren war eine Frau mit 40 ältlich, ein Mann mit 60 ein Greis, ein 90-jähriger Methusalem eine Laune der Natur. Die Evolution sei eben keine Freundin des Alters, sagt Baltes. „Ihr Kerngeschäft war die Reproduktionsfähigkeit im Erwachsenenalter, nicht die Optimierung des darauf folgenden Alterns.“ Das räche sich jetzt. „Es fehlt eine Kultur des Alters.“
Mit 64 Jahren steht Baltes im dritten Lebensalter, dem „jungen Alter“, das etwa mit 60 beginnt, zwischen 75 und 80 endet, und in dem man heute körperlich und geistig im Durchschnitt gut fünf Jahre „jünger“ ist als vor 30 Jahren. Auch das Erforschen des Alters scheint einen Verjüngungseffekt zu haben. Das dritte Lebensalter sieht man ihm nicht an: kaum Spuren einer anstrengenden Karriere, die ihn zum Spitzenwissenschaftler und mehrfach Preisgekrönten gemacht hat. Er war dreimal „Fellow“ am Wissenschaftskolleg der Stanford University und ist seit 1980 Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.
Baltes hat es geschafft, offenkundig zu denen zu gehören, die Erfolg und Karriere genießen. Die „Kultur des Alters“ hat er als persönliche Variante längst entwickelt. Besuchern schenkt der Bonvivant Champagner aus. Die Besichtigung seiner Traum-Maisonettewohnung mit Blick über die Dächer von Berlin wird da zur kleinen Feier. Seit einem Jahr lebt er hier mit seiner zweiten Frau, der Juristin Christine Windbichler. Das Abendessen ist ganz Haute Cuisine, der Wein ein Luxemburger („vorzüglich und preiswert“). Die Zeit des Professors reicht auch für ein wenig Kunst, fürs Klavier- und Golfspiel. Wer ihn so erlebt, hält Altern für ein Erfolgsmodell.
Der Traum von der Unverwüstlichkeit
Auch er selbst hat das mal geglaubt, sogar aus seinen früheren Forschungen gefolgert. Die Untersuchungen führte er mit seiner inzwischen verstorbenen ersten Frau Margaret Anfang der achtziger Jahre in den USA und später am Berliner MPI durch. Sie ergaben, dass Intelligenz- und Gedächtnisleistungen von Alten locker mit denen von Jungen konkurrieren können – vorausgesetzt, sie werden intensiv und regelmäßig trainiert. Bestimmte Fähigkeiten – Fachwissen oder soziale Kompetenz – können sich im Alter sogar verstärken.
Gern vernahm die vergreisende Gesellschaft die frohe Botschaft von der eigenen Unverwüstlichkeit. Geistige und körperliche Fitness – eine Charakterfrage! Wer am Lebensabend nicht mithält, ist selbst schuld. Auch er habe sich im „unbändigen Glauben an die Machbarkeit“ von dieser Perspektive blenden lassen, gibt Baltes heute zu. Als Wissenschaftler, der auf evidenzbasierte Ergebnisse schwört, hat er sich aber dann „nicht ohne innere Krisen“ aus dem Reich der Illusion ewiger Jugend vertrieben – mit der Berliner Altersstudie, die Mitte der neunziger Jahre seinen Ruf weit über die Wissenschaft hinaus verbreitete. Unter seiner Leitung hatten mehr als 50 Mediziner, Psychologen, Soziologen und Ökonomen beinahe ein Jahrzehnt lang über 500 Teilnehmer im Alter zwischen 70 und 100 untersucht. Ergebnis: Niemand altert ohne Einbußen. Die Altersnot ist keineswegs überwunden. Sie hat sich nur verschoben, ins vierte Lebensalter. Das beginnt, wenn die Hälfte der ursprünglichen Geburtskohorte nicht mehr lebt, so um die 80. Dann geht das Lernpotenzial verloren; auch mental gesunde 85-Jährige sind beim Lernen extrem beeinträchtigt. Wohlbefinden, Lebenszufriedenheit, soziale Einbettung schwinden. „Der Lebensweg im hohen Alter gerät zum Leidensweg“, weiß Baltes heute. Zwar hat uns die „kulturelle Evolution“, der Fortschritt von Medizin, Bildung, Wirtschaft, das dritte Alter beschert. Doch sie straft uns dafür mit dem vierten.
Die schlimmste Altersgeißel sind Demenzerkrankungen, deren dramatisches Ansteigen die Berliner Studie bestätigte. Unter den 70-Jährigen leiden weniger als 5 Prozent daran, bei den 80-Jährigen sind es schon 10 bis 15 Prozent. Ab 90 aber erlahmt in jedem zweiten Greis der Geist. Nichts lässt sich bisher dagegen tun. Laut Baltes die bislang beste Vorbeugung: „Nicht in die Jahre des vierten Alters hinein zu leben.“
Sollen wir uns alle die Kugel geben? Abwarten. Auf dem Weg zur Demenz erreicht uns wissenschaftlicher Trost. Längst hat der Altersforscher, aus eigener Angst vor der „neuen und beängstigenden Herausforderung, wie menschliche Würde auch noch im hohen Alter erhalten werden kann“, Witterung aufgenommen: Es scheint eine besondere Art des Wissens zu geben. Sie nimmt in späten Jahren nicht ab, sondern zu. Baltes nannte das Phänomen schon vor Jahren „pragmatische Intelligenz“ oder „weisheitsbezogenes Wissen“ und entwickelte daraus eine neue Disziplin, die „Weisheitsforschung“.
Zum Weisheitswissen gehört die Fähigkeit, kreativ mit Altersverlusten umzugehen. Der Weise selektiert, optimiert, kompensiert – sein Geist beherrscht das SOK-Konzept. Am liebsten erläutert Baltes dieses Konzept am Beispiel des 80-jährigen Pianisten Arthur Rubinstein. Längst ein Greis, wurde er noch immer bejubelt. In einem Interview lüftete er freimütig das Geheimnis seines anhaltenden Erfolgs. Erstens spiele er weniger Stücke, brauche folglich weniger im Kopf zu behalten (Selektion). Zweitens übe er diese häufiger (Optimierung). Und drittens spiele er vor schnellen Passagen extra langsam – das lässt die langsamen bedeutungsvoller und die schnellen schneller erscheinen (Kompensation).
Perfektes SOK; die Kritik erging sich in tiefgründigen Spekulationen über die gereifte Musik-Interpretation des Meisters. Auch Baltes beherzigt das von ihm entwickelte SOK. Er spielt Golf statt wie früher Tennis, arbeitet weniger – „meine Forschung läuft ja gut“ – und hält Ausschau nach neuen Betätigungsfeldern. Aber noch ist unsicher, ob die Altersweisheit als „robustes“ Deutungs- und Orientierungswissen taugt, gerade in einer Zeit, in der viel Wissen sich schnell wandelt und veraltet. Da steht der Forscher nun vor der „Schwierigkeit eines naturwissenschaftlichen Psychologen“, der sich fragen muss, „ob man ein so tief hermeneutisches geisteswissenschaftliches Phänomen überhaupt in den Griff kriegen kann“. Zumindest arbeitet er daran. Mit seiner Kollegin Ursula Staudinger hat er ein Modell entwickelt, das Weisheit zu einer messbaren Qualität macht. Es definiert sie als ein System, das durch fünf ineinander greifende Kriterien gekennzeichnet ist: Faktenwissen in grundlegenden Fragen des Lebens, Strategiewissen, Wissen um die Kontexte des gesellschaftlichen Wandels, Wissen um die Ungewissheit des Lebens und Wissen um die Relativität von Werten und Lebenszielen. Wer diese Kriterien erfüllt, ergründet der Weisheitstest. Versuchspersonen müssen sich eine Szene ausmalen: Ein Freund ruft an, will Selbstmord begehen. Oder: Ein 15-jähriges Mädchen will heiraten. Was gilt es da zu bedenken, zu tun? Die simple Antwort „Eine 15-Jährige und Heiraten? Auf keinen Fall!“ gibt nur wenig Punkte. Wer aber in Betracht zieht, aus was für einem sozialen Umfeld und Kulturkreis das Mädchen kommt, ob seine Eltern noch leben, ob es zum ersten Mal verliebt ist – der erfüllt Kriterien für den Rat der Weisen.
Alte schnitten in Baltes’ Weisheitsexamen deutlich besser ab als Junge. Allerdings entpuppte sich keineswegs jeder Grauhaarige automatisch als weise. Vielmehr ist eine „seltene Kombination förderlicher Faktoren“ nötig, wozu gehören: soziale Kompetenz, Offenheit, intensive Lern- und Übungserfahrungen, Ausbildung, das Talent zum Mentor.
„Mit Heiterkeit und Pragmatismus“
Vor gut einem Jahr hat Baltes mit dem Soziologen Neil Smelser ein Werk abgeschlossen, das man als Manifest „robusten Weisheitswissens“ bezeichnen könnte: die monumentale Encyclopedia of Social and Behavioral Science. 26 Bände. 3842 Autoren haben 4000 Artikel zu Themen wie Aids, Terrorismus oder Zen-Buddhismus beigesteuert. (siehe Interview ZEIT Nr. 38/02) Vielleicht gibt das Werk den deutlichsten Hinweis auf das Rezept für Weisheit. Bei diesem gigantischen, aber auch altmodisch anmutenden Unterfangen ging es auch darum, „das Wissen der verschiedensten Disziplinen mit Heiterkeit und Pragmatismus nebeneinander zu stellen“.
Die klugen Alten stellen nach Ansicht von Paul Baltes ein Humankapital dar, welches vergeudet werde. Damit meint er nicht, das Rentenalter solle pauschal auf 67 oder 75 erhöht werden. Jeder altert anders. Eine „Kultur des Alterns“ könne nicht von der Politik oder Wissenschaft verordnet werden. Vielmehr bestehe sie darin, das besondere Wissen und die Kreativität der Alten zuzulassen. So schlug er unlängst die Institution eines Senior-Professors als Pendant zur Junior-Professur vor.
Beim Arbeiten hat er im Zug seiner Weisheitsforschung gerade eine ganz neue Qualität ausfindig gemacht: die Sehnsucht. Dabei handelt es sich um eine Strategie, positiv mit der eigenen Vergangenheit und deren Versäumnissen umzugehen. Aber mehr will er dazu noch nicht verraten. Im Herbst wird eine von ihm betreute Dissertation dazu erscheinen. Nach der Weisheits- nun die Sehnsuchtsforschung? „Solche Themen kann man erst angehen, wenn man einigermaßen anerkannt ist.“ Zum Beispiel als alter Direktor. Karriere hätte er mit der Sehnsucht nicht gemacht.
Paul Baltes ist Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Der Entwicklungspsychologe erforscht, warum man mit den Jahren nicht unbedingt klüger, aber manchmal weise wird – und was es mit der Sehnsucht auf sich hat
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 07.08.2003 Nr.33
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






