Gegen die Aufregung kann man nicht viel tun. Man kann nur versuchen, sich abzulenken. Im Zug auf der Hinfahrt haben manche deshalb noch ein bisschen Regelkunde geübt. Einer hat Fragen aus der Schiedsrichterzeitung vorgelesen, knifflige Fälle von Abseits und unsportlichem Betragen, und die anderen haben diskutiert, was wohl die richtige Antwort wäre. Das half aber nur während der Fahrt. Kaum sind sie an der Schule angekommen, ist die Anspannung wieder da.

Die Sportschule Kaiserau in Kamen-Methler sieht aus wie ein Krankenhaus, beige Kacheln, Geranien. Kaum zu glauben, dass dies eine Geschichte aus der Welt des Profifußballs ist. Wenn Erstliga-Spieler ein Trainingslager haben, schlafen sie in Fünf-Sterne-Suiten mit Zimmerservice. Linienrichter schlafen in braunen Holzbetten in Zweibettzimmern. Man kann als Linienrichter nicht berühmt werden. Als Schiedsrichter schon, schließlich ist bei einer Fernsehübertragung niemand so häufig im Bild wie er. Man sieht das zum Beispiel am Italiener Collina, dessen Name jeder kennt. Aber als Linienrichter ist man immer nur der Depp an der Seitenlinie, der mit der Fahne wedelt und sich von den Mannschaftsbänken beschimpfen lässt.

Jetzt stehen sie auf dem Rasenplatz hinter der Schule und warten darauf, dass es endlich losgeht. Sie haben schon ihre Trikots bekommen, mit den Rückennummern 1 bis 65, das sind die jeweiligen Platzierungen aus der letzten Leistungsprüfung. Im Grunde bedeutet das, dass der Mann mit der Nummer 1 gleich ganz locker vorne wegsprinten wird und die Männer mit der Nummer 40 und abwärts sehr rote Köpfe bekommen werden.

Heiner Müller trägt die 47. Es gibt Leute, die sagen, dass der 42-Jährige der beste aller deutschen Schiedsrichterassistenten ist. Offiziell heißt es ja nicht mehr Linienrichter, Assistent klingt kompetenter. Müller ist kein herausragender Läufer, möglich, dass er ein bisschen zugenommen hat in der Sommerpause, möglich, dass er sich zum Trainieren zu wenig Zeit genommen hat. Jetzt kämpft er sich über die Tartanbahn, der Schweiß läuft. Am Rand schauen ein paar Funktionäre zu. Als Linienrichter beim DFB muss man fit sein, aber die Zeiten sind nicht unfair. 50 Meter in 7,5 Sekunden, 200 Meter in 32 Sekunden und 2700 Meter in 12 Minuten, das ist eigentlich zu schaffen. Heiner Müller stolpert und schafft die 2700 Meter nicht. "Das", weiß er in diesem Moment, "darf einem deutschen Schiedsrichterassistenten nicht passieren."

Es darf eigentlich gar kein Fehler passieren. Hierher eingeladen zu werden bedeutet, dass man zur Elite der Linienrichter gehört, dem Besten, was der DFB zu bieten hat. In Deutschland gibt es 75511 Fußballschiedsrichter, und davon schaffen es nur ganz wenige nach oben. Wer trotzdem irgendwann in der Bundesliga auftauchen will, wird darum Linienrichter, dort gibt es mehr Stellen, 66 insgesamt. Bis auf einen sind jetzt alle hier. Es ist sogar eine Frau dabei, die erste seit 1995. 43 Assistenten für die Zweite und 22 für die Erste Bundesliga warten auf ihre Leistungsprüfung.

Ein paar Stunden zuvor haben sich die Neuen vorgestellt. Jedes Jahr zu Saisonstart werden ein paar Nachrücker in den Kader berufen, weil manche aus Altersgründen ausscheiden oder weil ihre Leistungen zu schlecht geworden sind. Letzte Saison hat zum Beispiel ein Linienrichter nach einem Einwurf auf Abseits entschieden. Solche Fehler sind tödlich in der Branche. Die Neuen sind von Beruf Polizisten, Verwaltungsbeamte, Finanzbeamte. Sie sprechen korrekt und ernst, sie nennen eine Gelbe Karte nicht Gelbe Karte, sondern Persönliche Strafe (der Fachausdruck). Menschen, die es gern ordentlich haben, die Regeln mögen. Das ist so der Eindruck. Aber sind denn alle Regeln im Fußball sinnvoll, zum Beispiel die, dass man beim Torjubel das Trikot nicht mehr ausziehen darf? "Das darf man nicht hinterfragen", sagt einer. "Sonst kann man den Job nicht machen."

Das Schwierigste am Job: Nicht mal Nationalspieler kennen die Regeln

Bitte, warum wird man eigentlich Schiedsrichterassistent?