Herr Beck, wann immer wir die Nachrichten einschalten, hören wir die Politiker neuerdings sagen: "Wir müssen, wir sollten, wir können nicht mehr…"

Wir sind zurzeit in der Tat mit einer überraschend offenen Zukunft konfrontiert. Und wir haben den Eindruck, kaum noch zwischen Chancen wählen zu können, sondern uns immer öfter zwischen Übeln entscheiden zu müssen, das gilt in allen Bereichen. Deshalb wird jeder Vorschlag sofort durch ein Aufzählen negativer Folgen niedergemacht.

Woran liegt das?

Das liegt daran, dass wir längst mit den Folgen unserer Lebensweise, unseres Fortschrittsglaubens leben. Mit dem Ozonloch, den Schuldenbergen. Wir leben gewissermaßen in unserer eigenen Zukunft. Und mit allem haben wir schon schlechte Erfahrungen gemacht – mit der Technik, dem Krieg, mit staatlicher Steuerung und der Freiheit des Marktes. Die Staatsverschuldung hat die Zukunft unserer Kinder und Enkel kolonialisiert, die Hinterlassenschaften der Atomkraft gleich die nächsten Jahrtausende.

Zwischen welchen Übeln haben wir denn zurzeit zu wählen?

Sparen wir bei den ohnehin Benachteiligten und fördern damit aber vielleicht deren Eigeninitiative? Bitten wir die Wohlhabenden zur Kasse, und verhindern damit vielleicht Investitionen, die Arbeit schaffen? Oder sparen wir bei den Alten, die ab 60 auf keine neue Niere mehr hoffen dürfen? Wer will das entscheiden? Wir müssen mittlerweile sogar schon Zukunftsentscheidungen treffen, bevor überhaupt ein neues Leben begonnen hat: in der pränatalen Diagnostik. Wenn angehende Eltern den Befund nicht kennen wollen, sind sie, sollte etwas schief laufen, mit dem Vorwurf konfrontiert, dass beide es hätten wissen können. Wollen beide es aber wissen, und der Befund ist unklar – entscheidet man sich dann zur Abtreibung oder nicht? Das sind unentscheidbare Entscheidungen, und davon gibt es für uns immer mehr. Die Zukunft ist auch deshalb wieder so präsent, weil es in fast keiner Frage mehr eindeutige Antworten gibt. Ebenso bei der Diskussion um Krieg und Frieden. Es gibt immer gute Gründe pro und kontra, kein eindeutiges Entweder-oder mehr.

Was bedeutet das für den Einzelnen?