umwelt Das Paradies im Restloch
Mit Milliarden Euro sollen die trostlosen Mondlandschaften des Braunkohletagebaus im deutschen Osten begrünt werden. Entstanden sind bisher unfruchtbare Äcker und wertlose Kiefernwälder. Die Natur könnte es besser
Wir stehen auf der Kippe, an einem stark erodierten Steilhang. Die Umgebung ist fast kahl, nur einige Gräser und Birken krallen sich in den Sand. Über uns trällern Lerchen, unter uns ruht ein „Restloch“: 300 Meter breit und 3000 Meter lang – es ist voll gelaufen mit Wasser. Sein Grund schimmert rostfleckig, schwacher Wind kräuselt das Wasser.
Das Ganze verströmt den Charme einer Kiesgrube, umgeben von naher Heidelandschaft und fernen Wäldern. Keine Menschenseele, so weit das Auge reicht. Der harte Name „Restloch“ klingt fast zu seelenlos für diesen langsam wachsenden See, ein Relikt aus dem Braunkohletagebau. Das schottische Wort loch für See wäre treffender – auch für die hochfliegenden Zukunftspläne hier: Die Lausitzer Braunkohlelandschaft soll sich völlig verwandeln, vom schweflig verrußten Revier zum erholungsträchtigen Reinluftgebiet, dem Fürst-Pückler-Land, Deutschlands neuem Urlaubs- und Wassersportparadies. Glänzt da nicht bereits zu unseren Füßen das künftige Idyll? Vom Lausitzer Restloch zum schottischen loch rest, das Wasser lockt echt zum Bad!
„Halt, bitte nicht weitergehen!“, durchkreuzt Reinhard Hüttl die Erholungsvisionen des wasserwärts strebenden Reporters. „Die Hänge hier können schon bei geringer Erschütterung abrutschen.“ Wie das? Bei den tiefen Erosionsspuren müsste der Boden doch längst fest sein. Hüttl schüttelt den Kopf. „Nein“, sagt er. „Fast jedes Jahr kommt es im Revier plötzlich zu Hangrutschungen. Manchmal sacken mehrere Hektar in ein Restloch ab.“ Das kann haushohe Wellen auslösen, die auch am anderen Ufer Schäden verursachen wie ein Tsunami. Hüttl muss es wissen. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Bodenschutz und Rekultivierung an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) im nahe gelegenen Cottbus.
Yachthäfen ins Bergbaurevier
Für Forscher wie ihn ist das hier schon ein Paradies: die Landschaft als Labor. „Wir können vor Ort studieren, wie sich eine verwüstete Region auf faszinierende Weise erholt. Was hier geschieht, ähnelt dem Ende einer Eiszeit“, schwärmt Hüttl. Allerdings heilt hier nicht nur Mutter Natur die klaffende Wunde. Tausende staatsfinanzierte Umweltsanitäter helfen emsig mit. Seit nunmehr zehn Jahren läuft in den ost- und mitteldeutschen Braunkohlerevieren das größte Umweltsanierungsprogramm Europas. Rund sieben Milliarden Euro sind bereits geflossen, für den Rückbau von Industriebrachen und zur Verwandlung scheinbar trostloser Kippen in blühende Landschaften und Gewässer. „Allein die neue Gewässerfläche, die im ehemaligen Bergbaurevier entsteht, übertrifft jene der Mecklenburgischen Seenplatte“, umreißt Hüttl die Dimension des Gesamtprojekts. Visionäre sehen in den Regionen um Cottbus, Bitterfeld, Leipzig und Halle bereits zahlreiche Yachthäfen und Kanäle entstehen, die Segler und Surfer, Haus- und Rennbootkapitäne anziehen. Viva l’Adria ossica!
Doch zwischen Vision und Wirklichkeit klaffen riesige Löcher. Jahrzehntelang wurde drauflossaniert, auch nach der Wende noch, gemäß dem alten DDR-Motto: Hauptsache, Tausende Menschen haben Arbeit, und die Mondlandschaft ist rasch wieder grün. So entstanden riesige Forst- und Ackerflächen, die sich nun als wirtschaftlich wertlos entpuppen. Viele der neuen Äcker sind ertragsschwach, das Kassieren von EU-Stilllegungsprämien sei die lohnendste Nutzung, spotten Naturschützer. Die öden, neu gepflanzten Kiefernmonokulturen sind wegen der Konkurrenz aus dem Osten fast wertlos. Kiefernholz gibt es im nahen Polen oder in Russland zu Dumpingpreisen. Die Pflege der dicht bepflanzten Jungwälder lohnt sich nicht. Das beim Durchforsten anfallende Schwachholz will keiner haben, die Papierfabriken haben auf Recycling umgestellt. Schon seit langem fordern Naturschützer, die teure klassische Sanierung einzustellen und die Bergbaufolgelandschaft schlicht den billigen Selbstheilungskräften der Natur zu überlassen. Sie wollen aus den ehemaligen Tagebauflächen ein vernetztes Biotopsystem schaffen.
Prinzipiell stünden die Chancen dafür gut. Nach dem Zusammenbruch der DDR-Braunkohlekombinate gingen die Flächen in den Besitz des Bundes über. Doch dieser will, zum Leid vieler Umweltfreunde, aus den Ländereien keinen staatseigenen Naturpark schaffen. Vielmehr drängt die Bundesregierung auf rasche Privatisierung. Also werden die Tagebauflächen gemäß dem Bundesbergbaugesetz saniert und möglichst in ihre ursprüngliche Nutzung wie Land- und Forstwirtschaft zurückgeführt. Selbst anerkannte Kleinode für Flora und Fauna will der Bund nicht behalten. Naturschutz ist Sache der Länder und Kommunen. Und die sind finanziell ausgeblutet. Also müssen private Investoren her, Stiftungen, Naturschutzverbände.
Kein Wunder also, dass das Bundesamt für Naturschutz, BfN, in mehreren Monografien von den seltenen Reizen der Bergbaufolgelandschaften schwärmt. Zwei umfangreiche Schriften aus den Jahren 2001 und 2002 enthalten detaillierte Ratschläge, wie diese grünen Schätze zu erwerben, welche Risiken und Vorschriften zu beachten sind.
- Datum 07.08.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 07.08.2003 Nr.33
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