Nahost Beton für Frieden

Monströse Sperranlagen sollen Israel von Palästina trennen. Ihr Nutzen gegen den Terror ist fraglich

Tel Aviv

Seit zwei Jahren baut Israel an einem Zaun, der vor palästinensischen Terroristen schützen soll. Ein Politikum wurde daraus aber erst jetzt, da der amerikanische Friedensfahrplan erstmals wieder diplomatische Lösungen in Aussicht stellt. Die Differenzen beginnen bereits mit der Wortwahl. Die Israelis sprechen von einem „Sicherheitszaun“, die Palästinenser von einer „Trennmauer“.

Es geht um eine bis zu mehrere Dutzend Meter breite Barriere aus Gräben, Patrouillenwegen, Elektrosensoren, Maschendraht und streckenweise auch Betonwänden. Der erste Abschnitt der hochgerüsteten Anlage – 123 Kilometer – wurde gerade fertig gebaut. Sie schlängelt sich mit östlichen Ausbuchtungen entlang der Grünen Linie, die das Kernland Israel vom Westjordanland trennt – von dem Dorf Salem im Norden bis zur jüdischen Siedlung Elkana. Und das ist nur der Anfang.

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Über diese Grenzstrecke seien 99 Prozent der Selbstmordattentäter zu ihren Tatorten in Israel gelangt, erklärt der Direktor des Verteidigungsministeriums in Tel Aviv, Amos Yaron. Sicherheit für die Bevölkerung könne es erst geben, wenn das Zaunprojekt vollendet sei. Noch weitere 350 Kilometer sollen befestigt werden. Ein erster Erfolg lasse sich aber schon jetzt vorweisen: Die Zahl der Diebstähle entlang der Grünen Linie, unter denen vor allem israelische Bauern leiden, sei drastisch zurückgegangen. Zweifel an dem monströsen Bau, der den Steuerzahlern viel Geld kostet, hegt Yaron nicht: „Kein Land würde solche Zustände auf Dauer einfach hinnehmen.“

Was ursprünglich als eine Idee der Linken begann, die den Aufbau des Zauns in Ermangelung eines politischen Abkommens für unvermeidlich erklärten und damit in den Wahlkampf gegen Ariel Scharon zogen, hat so sehr an Popularität gewonnen, dass sich inzwischen auch der Ministerpräsident hinter das Konzept stellt. Nach einer Umfrage des „Peace Index“ von Ende Juli befürworten 80 Prozent der jüdischen Israelis die Barriere. Scharon war zunächst zögerlich, weil er fürchtete, der Zaun könnte als politische Grenze – und somit als territoriale Konzession ohne Verhandlungen – interpretiert werden. Denn jüdische Siedlungen, die nicht mit einem Schlenker auf die „richtige Seite“ geholt werden können, bleiben jenseits der neuen Linie, im „Feindesland“, liegen. Und doch: Nach fast drei Jahren militarisierter Intifada wünscht sich die Bevölkerung eine klare, physische Trennung von den Nachbarn. Manche aus Resignation, andere in der Hoffnung, dass der Zaun nach einer Phase der Abkühlung irgendwann ein besseres Zusammenleben ermöglichen wird.

Wer an der Effizienz des Befestigungswerkes zweifelt, den verweist Uzi Dayan, der Vorsitzende des neu gegründeten „Komitees für den Bau eines Sicherheitszauns“, auf den bereits umfriedeten Gaza-Streifen. Von dort sei kein einziger Selbstmordattentäter mehr nach Israel eingedrungen. Das Komitee hat eine bunte Lobby in der Knesset hinter sich, die sich aus Vertretern der Arbeitspartei, der religiösen Shas-Partei, der antireligiösen Shinui-Partei und dem rechten Likud zusammensetzt.

Das heißt nicht, dass sie alle von der Abschottungsidee begeistert wären. Die Gefühle sind durchaus gemischt, wenn abends im Fernsehen Bilder von hohen Betonplatten und Stacheldraht über den Bildschirm flimmern. Aus Sicherheitsgründen sei er ganz klar für den Zaun, sagt ein Israeli, der sich dem politischen Zentrum zurechnet. Doch er gibt zu, dass allein schon der Gedanke daran bei ihm höchst unangenehme Erinnerungen auslöse: an Juden im Ghetto nämlich. „Ein Zaun sperrt ja nicht nur die anderen aus, er sperrt auch uns ein. Psychologisch ist das für beide Völker schlecht.“ Wenn die Palästinenser nicht mehr nach Israel könnten und sich das Wohlstandsgefälle noch mehr verschärfe, „dann werden wir das irgendwann zu spüren bekommen“.

Aus den Schattenseiten der Umzäunungsaktion macht niemand einen Hehl. Denn wo die Barriere östlich der Grünen Linie verläuft, hat sie für die Anrainer groteske Folgen geschaffen. 7800 Palästinenser werden fortan auf der israelischen Seite des Zauns leben – in winzigen Enklaven. Wenn sie ins Westjordanland wollen, dessen Einwohner sie offiziell sind, müssen sie jedes Mal Kontrollen der israelischen Soldaten über sich ergehen lassen. Andere sind durch den Zaun von ihren Feldern getrennt worden, die sie jetzt nur noch auf Umwegen erreichen. Durchgänge sind zwar vorgesehen, doch dafür braucht es Bürokratie, Genehmigungen und Geduld. Außerdem hat die breite Schneise, die für die Zaunanlage geschlagen wurde, jede Menge fruchtbaren palästinensischen Ackerboden verschlungen. 63000 Olivenbäume seien von der Armee ausgerissen worden, heißt es im Verteidigungsministerium.

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