Eigentlich ist alles wie vorher. Vor dem Urlaub ist nach dem Urlaub, um es in der Fußballersprache zu sagen. Man redet und redet und redet – immer über dasselbe; und eigentlich immer ohne messbares Resultat.Aber dann gibt es doch gelegentlich etwas Neues – und sei es nur einen neuen Ton in der alten Debatte. So der JungChristDemokrat Philip Missfelder, der den 85jährigen im Lande keine neue Hüfte mehr bezahlen lassen will. Früher seien die Menschen in diesem Alter auch an Krücken gehumpelt. Komisch! Sollen denn neue Hüften nur noch an Jungpolitiker vergeben werden?Im Ernst: Man kann über Generationengerechtigkeit sehr wohl streiten, und man muss sie gewiss immer neu justieren. Aber solche polemischen Ausrutscher zeigen dann doch an, wes Geistes Kind man vor sich hat – und solche Ausrutscher entwerten dann doch auch den sachlichen Teil des Arguments.Und worin liegt der Ausrutscher. Offenkundig darin, dass er die Qualität menschlichen Lebens und die Quantität der Lebenskosten in ein falsches Verhältnis zueinander setzt. Das Wesen menschlichen Lebens und seiner Qualität, ja: Würde liegt aber nun gerade darin, dass es sich nicht verrechnen lässt, auch und schon gar nicht mit dem Leben anderer. Das Problem freilich der Solidarität (also letztlich des Lebens zu Lasten anderer) besteht darin, dass dann doch gerechnet werden muss. Die Frage kann dann also nicht lauten: Bekommt der 85jährige Patient eine neue Hüfte oder nicht? Sondern sie lautet: Wer soll sie bezahlen? Er selber, die Kasse – oder seine Familie, das heißt – im Vorgriff: seine Erben?Jedenfalls kann man diese Frage nicht auf die Weise beantworten, in der es der Herr Missfelder versucht hat. Um das deutlich zu demonstrieren: Ein junger Mann seines Alters springt, wie das so häufig vorkommt, über Kopf ins flache Wasser oder bricht sich auf andere Weise im modernen, schicken Wassersport ein paar Wirbel, ist also querschnittsgelähmt. Soll man dann sagen: Selber schuld, warum bist Du ins Wasser gesprungen? Oder gar – in direkter Anlehnung an Missfelder: Früher sind die Leute an so etwas auch umstandslos gestorben? Und warum soll man für die relativ wenigen Lebensentfaltungschancen, die einem Querschnittsgelähmten bleiben, so viel Geld ausgeben?Mit anderen Worten: Die Frage der Solidarität und Kostengerechtigkeit im Gesundheitswesen hat im Kern gar nichts zu tun mit dem Alter der Kranken, manchmal im Gegenteil. So kostet eben ein junger Querschnittsgelähmter insgesamt mehr Geld als ein alter. Sehr viel mehr hätten die Kosten des Gesundheitssystems zu tun mit dem vernünftigen Verhalten der Versicherten und der vorbeugenden Gesundheitspflege. Da wäre aufs Ganze viel mehr zu sparen als bei den paar Hüften über 85. Und dieser Sektor beträfe die Verantwortung der Jüngeren viel stärker – denn vorbeugen, das muss man beizeiten tun.Und was nun die Generationengerechtigkeit selber angeht, so kann man vieles über die Verantwortung der Älteren sagen, vor allem dazu, dass sie selber dafür gesorgt haben, dass es so wenige Jüngere gibt. Aber wenn der Herr Missfelder noch einmal so reden sollte, dann trete ich dafür ein, die Erbschaftssteuer zu vervielfachen. Denn seine Generation wird – ohne dass sie etwas dafür geleistet hat – von unserer Generation sehr viel mehr erben als wir von unseren Altvorderen. Vielleicht kann man dann ja davon meine neue Hüfte bezahlen, in circa 26 Jahren.